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Materialdienst 1/2004
Michael Utsch

Gebet als Glaubensmedizin?

Überlegungen zu anmaßenden und angemessenen Gebetshaltungen

Das Beten gehört zum grundlegenden Bestandteil jeglichen religiösen Lebens. Manche sehen im Gebet sogar das spezifisch Humane des Menschen. Ein Sprichwort lautet: "Der Vogel ist Vogel, wenn er singt, die Blume ist Blume, wenn sie blüht, der Mensch ist Mensch, wenn er betet".1 Im Gebet "übersteigt der Mensch sich, seine Welt und die gesamte Wirklichkeit, gleichzeitig aktualisiert er darin auch seine ganze Endlichkeit und Gebrochenheit".2 Bitte, Dank, Klage, Lob, Fürbitte, Anbetung - auf vielfältige Weise wird der Kontakt zu Gott oder einer höheren Wirklichkeit gesucht und gestaltet. Ob liturgisch oder frei, in der Gemeinschaft oder allein, ob mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen oder erhobenen Hauptes und mit ausgestreckten Armen, laut oder leise, schweigend versunken oder einem Gebetstext folgend, andächtig lauschend oder gemeinsam das Vaterunser sprechend, stumm oder von fröhlicher Musik mitgerissen - die Ausdrucksformen sind so zahlreich wie die Frömmigkeitsstile.
 
Dabei ist das Beten bei den Deutschen nicht sonderlich beliebt. So beten - laut 13. Shell Jugendstudie (2000) - nur 8 Prozent der männlichen jugendlichen Gottesdienstbesucher auch persönlich. Paradoxerweise ist das heimliche Verlangen danach aber groß. Wie das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte, haben 66 Prozent der West- und 57 Prozent der Ostdeutschen "manchmal das Bedürfnis nach Augenblicken der Ruhe, des Gebets, der inneren Einkehr oder etwas Ähnlichem".3 Hingegen erlebt das Gebet in den USA seit einigen Jahren einen beachtlichen Boom: Drei Viertel der Amerikaner beten heute mindestens einmal die Woche, mehr als die Hälfte täglich. Jeder zweite der 34- bis 49-jährigen US-Bürger hat zum täglichen Gebet zurückgefunden.4

Die rhetorische Frage im Aufsatz-Titel könnte zu einer arrogant-zynischen Kritik an extremen Gebets- und Glaubenspraktiken verführen, wie sie beispielsweise in manchen charismatischen Gruppierungen anzutreffen sind. Davon absehend wollen die folgenden Überlegungen sowohl auf anmaßende Gebetshaltungen hinweisen als auch versuchen, die charakteristische Provokation des Betens auszuhalten. Es gilt ernst zu nehmen und wahr zu machen, wenn es zum Beispiel in der Bergpredigt heißt: "Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan" (Mat 6,7). Einige Kapitel später interpretiert Jesus eine Gleichniserzählung so: "Alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr empfangen" (Mat 21,22). Die komplexen Fragen eines glaubensvollen Betens können in ihren vielfältigen Bezügen hier nicht beantwortet werden. Einige empirische Befunde der religionspsychologischen Forschung und weiterführende Überlegungen wollen jedoch zu einer persönlichen Stellungnahme einladen.

Zur Intimität des Betens

Mitteilungen über das persönliche Gebetsleben gehören zu einem schamhaft besetzten und ängstlich gehüteten Geheimnis - nicht nur im Christentum. Das erstaunt, gehört das Gespräch mit Gott doch zum Kernbereich und zur Basis des christlichen Glaubens. Zwei Zitate, die fast hundert Jahre auseinander liegen, deuten die Weite und Gegensätzlichkeit von Interpretationsmöglichkeiten an. In den Worten Friedrich Heilers ist das Beten der unmittelbare Ausdruck eines "urkräftigen seelischen Erlebens".5 Manfred Josuttis versteht das Gebet als eine spirituelle Praxis mit transpersonalen Wirkungen: "In den Augenblicken doxologischen Betens vollzieht sich eine personale Entgrenzung, in der Selbstvergessenheit Selbstbewusstsein ersetzt... Nicht die Identität eines Subjekts, sondern die Konversion einer Person wird durch spirituelle Praxis in anthropologischer Hinsicht bewirkt. Unter dem Einfluss des göttlichen Geistes wird eine Person zum Personanzraum von Gotteskraft."6 In diesen gegensätzlichen Einschätzungen wird eine Schlüsselfrage deutlich: Wird das Gebet als ein innerpsychisches Geschehen angesehen oder verbindet es den und die Beterin mit einer überirdischen Welt? Wie weit reichen das menschliche Denken, Empfinden und die Phantasie? Ist möglicherweise ein bestimmter Bewusstseinsbereich oder -zustand für eine übernatürliche Wahrnehmung ausgestattet und reserviert? Gibt es gar ein lokalisierbares Gehirnareal, in dem die Gotteserfahrungen messbar und manipulierbar sind, wie manche neurologischen Forscher es vermuten?7 Wo verläuft die Grenze zwischen der menschlichen Vorstellungskraft und der transzendenten Wirklichkeit Gottes?8 Diese klassische und grundlegende Frage wird heute neu und mit Nachdruck gestellt, und gerade durch die neurobiologischen Fortschritte erhofft man sich weiterführende Einsichten. Dennoch ist man hier erst ganz am Anfang. 

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Anmerkungen

1 Zit. nach G. Ruhbach, Meditation und Gebet, in: ders., Theologie und Spiritualität, Göttingen 1987, 174.
2 C. Schütz, Gebet, in: ders. (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, 435.
3 Zit. nach H. Ernst, Macht der Glaube gesund? Psychologie heute Compact 8/2003, 69.
4 H. Ernst, ebd.
5 F. Heiler, Das Gebet. Eine religionsgeschichtliche und religionspsychologische Untersuchung, München 1923, 488.
6 M. Josuttis, Religion als Handwerk, Zur Handlungslogik spiritueller Methoden, Gütersloh 2002, 15.
7 Einen knappen Überblick über die Forschungen der sog. "Neurotheologie" liefert U. Schnabel, Die Biologie des Glaubens, Geo Wissen Nr. 29 "Erkenntnis, Weisheit, Spiritualität" 2002, 31-40. Vgl. zum selben Thema auch: U. Eibach, "Gott" nur ein "Hirngespinst"? Zur Neurobiologie religiösen Erlebens, EZW-Text 172, Berlin 2003.
8 Die aktuelle und umfassende Arbeit über die empirische Gebetsforschung von H. U. Hauenstein, Auf den Spuren des Gebets (Heidelberg 2002) hat diese komplexen Wechselwirkungen analysiert. 

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