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Materialdienst 11/2004
Kocku von Stuckrad

Esoterik und Europäische Religionsgeschichte

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"Esoterik" ist ein Begriff, der die Öffentlichkeit spaltet. Stehen auf der einen Seite die Anhänger der Esoterik, die häufig unkritisch und ohne Bewusstsein für historische Entwicklungslinien alles aufnehmen, was der esoterische Buchmarkt vorgibt, so scheinen sich auch die Gegner der Esoterik mitunter kaum für die historischen Dimensionen dieses Themas zu interessieren. Angesichts eines solchen Streites ist es dringend notwendig, sich grundsätzlich darüber zu einigen, was man eigentlich unter Esoterik verstehen möchte. Denn was, so könnte man fragen, hat Teebaumöl mit Esoterik zu tun? Oder Zen-Meditation für Manager? Oder Beckenbodengymnastik für Frauen? Oder die "Prophezeiungen der Celestine"? Oder "Ein Kurs in Wundern"? Oder indianische Visionssuche im Schwarzwald? - Alle genannten Stichworte bilden, mit wechselnden Schwerpunkten, einen festen Bestandteil im Angebot von esoterischen Fachbuchhandlungen, doch mit Esoterik haben sie im Grunde wenig zu tun. Es gibt Wissenschaftler, die sich deshalb mit der Feststellung begnügen, "Esoterik" sei schlicht das, was auf dem "Markt der Religionen" als Esoterik verkauft wird. Dass eine solche Antwort nicht genügt und am esoterischen Element Europäischer Religionsgeschichte vorbei geht, hoffe ich im Folgenden zeigen zu können.

Für den Begriff der Esoterik gilt wie für kaum einen anderen, dass die in den Medien und der Öffentlichkeit verwendeten Attribute keineswegs denen entsprechen, die in der wissenschaftlichen Forschung diskutiert werden. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren kristallisierte sich, von der breiteren Öffentlichkeit unbemerkt, eine akademische Forschungslandschaft heraus, die sich intensiv mit der Esoterik beschäftigt. Dabei ließen manche Wissenschaftler frühere Konzepte hinter sich, die das Esoterische, ganz im Sinne der Bedeutung von griechisch esô bzw. esôterikos ("Inneres"), als das Verborgene, Geheime und nur den Eingeweihten Zugängliche charakterisierten2. Stattdessen versuchte man, die Esoterik als eine bestimmte Form der Welterklärung zu fassen, die sich in naturphilosophischen, religiösen und literarischen Traditionen herauskristallisierte. Weit davon entfernt, sie als etwas Exotisches, Marginales oder Obskures zu betrachten, sucht die neuere Forschung die Esoterik als ein Strukturelement der europäischen Religions- und Kulturgeschichte darzustellen, das bei der Entstehung dessen, was man gewöhnlich die "Moderne" nennt, nicht unwesentlich beteiligt war.

Die Esoterik in der religionswissenschaftlichen Forschung

Schon immer gab es innerhalb und außerhalb der europäischen Christentümer Traditionslinien, die sich von den etablierten religiösen Anschauungen unterschieden und nicht selten in offener Gegnerschaft zu ihnen standen. Eine Reihe von Namen wurde diesen devianten Strömungen gegeben: Man sprach von "platonisch-hermetischem Christentum", von "Gnosis" oder auch von "Mystik", um jene konkurrierenden Entwürfe christlicher und nicht-christlicher Weltdeutung begrifflich zu fassen. Alle diese Zuschreibungen - außer vielleicht der ersten - entstammen einem christlich-theologischen Hintergrund und dienten in früheren Jahrhunderten dazu, das vermeintlich Häretische und Marginale aus dem akzeptierten Christentum auszugrenzen. Dadurch wurden die tatsächlich vorhandenen Spannungslinien und Zusammenhänge stark verzerrt und man gewann den Eindruck, als habe "Gnosis" wenig mit Christentum zu tun, ebenso wenig wie die "hermetischen Disziplinen" Astrologie3, Alchemie und Magie.

Der Begriff der "Esoterik"  hat demgegenüber eine viel kürzere Geschichte. Das Substantiv "Esoterik" - in der französischen Form l'ésotérisme - ist wohl zum ersten Mal im Jahre 1828 belegt, in einer Zeit also, als sich alternative religiöse Strömungen im Zuge von Aufklärung und Religionskritik bereits aus ihrem christlichen Umfeld herausgelöst hatten4. Im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts etablierte sich eine Sichtweise, die esoterische Traditionslinien jenseits des Christentums verortete, als eine Art Subkultur, die sich in der Renaissance herausgebildet hatte und die von der herrschenden Kirche ausgegrenzt und verfolgt wurde. Tatsächlich spielt die Frage nach dem Verhältnis von Christentum und Esoterik bis heute in der akademischen Auseinandersetzung eine entscheidende Rolle, tangiert sie doch Grundpositionen über den Charakter des so genannten "christlichen Abendlandes" einerseits und über den Zusammenhang zwischen religiöser und wissenschaftlich-rationaler Welterkenntnis andererseits. Ich werde darauf gleich ausführlicher eingehen. An dieser Stelle genügt der Hinweis, dass die Erforschung dessen, was wir heute Esoterik nennen, bis in die 1950er Jahre hinein von Wissenschaftlern betrieben wurde, die sich auf Mystik und Gnosis spezialisiert hatten und diese religiösen Traditionen als Gegenentwurf zu den Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam präsentierten (darunter Gershom Scholem, Henry Corbin und Mircea Eliade, auch Martin Buber und Carl Gustav Jung wären hier zu nennen). Nicht selten waren diese Forscher selbst Teil einer Gegenbewegung zur aufklärerischen "Entzauberung der Welt".5

Einen entscheidenden Schub bekam die Esoterik-Forschung in den 1960er Jahren durch die Arbeiten von Frances A. Yates (1899-1981). Zwar hatten Wissenschaftler wie Paul Kristeller, Ernst Cassirer und Eugenio Garin schon vorher darauf hingewiesen, dass der so genannte Hermetismus der Renaissance eine vielfach unterschätzte Rolle in der Herausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft und Kultur gespielt hatte. Die Meinung der meisten Historiker, eine Untersuchung des "Aberglaubens" und Irrationalismus lohne sich nicht, sei deshalb unangebracht. Doch erst Frances A. Yates gelang es, mit einem Paukenschlag die Wissenschaft auf eine neue Fährte zu bringen. In ihrem Buch Giordano Bruno and the Hermetic Tradition (1964) und in nachfolgenden Aufsätzen drehte sie den Spieß geradezu um und behauptete, die neuzeitliche Wissenschaft sei im Grunde nur durch den Hermetismus der Renaissance möglich geworden. Nicht wenigen erschien dies wie eine Offenbarung: Plötzlich wurde eine vergessene und von den Theologen unterdrückte Tradition sichtbar, die in Wahrheit ein Motor der wissenschaftlichen Revolutionen gewesen sei, nämlich die "hermetische Tradition". Diese These entfachte eine heftige Diskussion und stieß auf erbitterten Widerstand, gerade bei Wissenschaftshistorikern. Auch wenn es heute kaum noch jemanden gibt, der dem "Yates-Paradigma" uneingeschränkt folgt, so können ihre Arbeiten doch als eine wichtige Initialzündung für die moderne Esoterikforschung betrachtet werden6.

In der Folgezeit gab es eine Reihe von Wissenschaftlern, die sich der Esoterikforschung widmete und sie aus der Ecke des Obskurantismus und Okkultismus herausholte. Ein wichtiger Schritt zur Etablierung dieses neuen Forschungszweiges bestand in der Einrichtung eines Lehrstuhls für die "Geschichte der christlichen Esoterik" an der fünften Sektion der École Pratique des Hautes Étude der Pariser Sorbonne im Jahre 1965, der bis 1979 von François Secret betreut wurde. Von 1979 bis 2002 folgte ihm Antoine Faivre nach, wobei der Lehrstuhl in "Geschichte der esoterischen und mystischen Strömungen im neuzeitlichen und zeitgenössischen Europa" umbenannt wurde. Insbesondere die Arbeiten Antoine Faivres hatten entscheidenden Anteil an der Herausbildung einer historischen Esoterikforschung. 1999 wurde an der Universität von Amsterdam ein weiterer Lehrstuhl eingerichtet, der sich der "Geschichte der hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen" widmet. Ziel ist die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit esoterischen Elementen europäischer Kultur von der Antike bis zur Gegenwart.7

Inzwischen kann man mit Recht davon sprechen, dass die Esoterikforschung einen anerkannten Zweig der kulturgeschichtlich orientierten Religionswissenschaft darstellt.

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Anmerkungen

1 Dieser Aufsatz geht zurück auf das Einleitungskapitel meines Buches Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, München 2004, 9-23.
2 Zur antiken Verwendung des Wortes s. Gaiser 1988.
3 Zur Astrologie s. von Stuckrad 2003b.
4 Zur Geschichte des Wortes l'ésotérisme s. Riffard 1990, 63-137. Das Adjektiv "esoterisch" ist freilich schon in antiker Philosophie zu finden.
5 Dies kann man besonders am einflussreichen Eranos-Kreis erkennen, der seit den 1930er Jahren regelmäßig Tagungen in der Schweiz veranstaltete; s. dazu Wasserstrom 1999 und Hakl 2001.
6 S. Hanegraaff 2001.
7 S.
www.amsterdamhermetica.com. An anderen Universitäten, namentlich in Großbritannien, sind ähnliche Studiengänge im Aufbau.

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