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Materialdienst 11/2004
Hanna Münstermann

Die International Churches of Christ

Wie tief greifend ist der Wandlungsprozess der Bewegung?

In den als Abspaltung von den traditionellen Gemeinden Christi Ende der 70er Jahre entstandenen International Churches of Christ (ICOC bzw. ICC) ist seit einiger Zeit Folgendes zu beobachten: rasant abnehmende Tauf- und damit Mitgliederzahlen, ein Rückgang der gezielten Straßenmissionseinsätze, zunehmende Autonomie der einzelnen Gruppen, d.h. Abnahme der Bindung an die USA und damit insgesamt der Verlust der Gruppendynamik, die in den 80er und 90er Jahren zur schnellen Ausweitung der Bewegung führte. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen gilt es, der Frage nachzugehen, wie tief  greifend der Wandlungsprozess der Bewegung ist und welche Konsequenzen die Bewegung daraus für ihre Lehre und ihre Methoden zieht.

Unter der Leitung ihres charismatischen Gründers Kip McKean ist die neue religiöse Bewegung zunächst stärker gewachsen als die meisten vergleichbaren Bewegungen (vgl. hierzu MD 10/1997, 297ff). Beginnend mit ca. 30-40 Mitgliedern in Boston, entwickelte McKean eine weltmissionarische Perspektive, teilte die Welt in sog. Weltsektoren mit je einem Weltsektorenleiter an der Spitze und gab auf diese Weise der sich ausbreitenden Bewegung eine stark hierarchische Struktur. Die Entfaltung einer weltumspannenden Dynamik zur Missionierung und Ausbreitung der ICOC wurde zum vordringlichen Ziel der Gruppe, dem alle anderen Ziele kompromisslos untergeordnet wurden. Nach eigenen Angaben wuchs die Anzahl der Gemeinden von der Ursprungsgemeinde mit ca. 30 Personen bis 1999 auf die beachtliche Zahl von 358 Gemeinden in 155 Ländern. Die deutsche Missionsarbeit begann 1988 in München. Es folgten Gemeindegründungen in Berlin, Düsseldorf, Köln und Stuttgart.

Die ICOC-Bewegung in der "McKean-Ära"

Als treibende Kraft hinter der Weltmission gab McKean der Bewegung ihr Profil. Mit dem Ziel der Evangelisation der ganzen Welt bis zum Jahr 2000 verstand er es, den Mitgliedern Gehorsam und uneingeschränkten Einsatz für die Umsetzung ebendieses Ziels abzuverlangen. Das Kernelement der Bewegung, das sie in seiner Radikalität von anderen Gruppen unterschied, war das Jüngerschaftsverständnis (vgl. hierzu auch MD 9/1997, 273ff). Jedes Mitglied musste sich "bejüngern"1 lassen, d.h. sich einem erfahrenen, älteren Mitglied der Gruppe unterordnen und ihm möglichst alle Gedanken anvertrauen. Christ sein und damit Garantie auf Rettung ist für McKean an dieses Jüngerschaftsverständnis geknüpft. Damit ist nach seinem Verständnis der Leib Christi mit den Mitgliedern der ICOC identisch. Das klare, einfache Lehrgebäude McKeans, dem eine streng hierarchisch aufgebaute Organisation zu Grunde liegt, erfreute sich in den 80er und 90er Jahren innerhalb der Bewegung großer Beliebtheit. Für zahlreiche Führungspersonen bot es die Möglichkeit, sich auf Kosten des überdurchschnittlichen Einsatzes vieler idealistischer Mitglieder zu bereichern. Für Letztere war vermutlich der Orientierung bietende Charakter der Lehre anziehend. Einschränkungen der persönlichen Freiheit und des biblischen Grundsatzes der Verantwortlichkeit eines jeden Christen vor Gott (und nicht in erster Linie gegenüber einem Jüngerschaftsleiter) wurden in Kauf genommen und durch Zugehörigkeitsgefühl, Aussicht auf Rettung und Hilfestellung in wichtigen Lebensentscheidungen kompensiert. Ohne die Führungsriege zu hinterfragen, wurde vertraut und Gehorsam geleistet.

Der Zusammenbruch des Führungsgebäudes

Die autoritäre Struktur der Bewegung, beruhend auf dem kompromisslosen Jüngerschafts- und Leiterverständnis, führte von Anfang an zu Kritik von außen. Viele Interessierte, die von der Größe und Dynamik der Gruppen angezogen wurden, distanzierten sich nach dem ersten näheren Einblick schnell wieder, abgeschreckt durch die kollektiven Strukturen, denen man sich kritiklos unterordnen musste, um akzeptiert zu werden. Die wachsende Anzahl kritischer Internetseiten über die ICOC und Berichte, Homepages und Informationskampagnen von Aussteigern machen deutlich, dass es sich um eine konfliktträchtige Bewegung handelt, deren Kritikerzahl zunimmt. Die wachsende Bekanntheit der Bewegung und ihrer Methoden erschwerte es, neue Mitglieder zu werben.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts dann, nach zwei Jahrzehnten als "missions evangelist" an der Spitze der Bewegung, verstrickte sich McKean zunehmend in Widersprüche, die aus eigens aufgestellten Regeln resultierten. Familiäre Schwierigkeiten und der Austritt seiner Tochter aus der Gemeinde setzten ihn unter Druck, hatte er doch einst verkündet, Gemeindeleiter müssten ihr Amt niederlegen, wenn sich eins ihrer Kinder von der Kirche distanziere. Große finanzielle Opferbereitschaft der Mitglieder stand sichtbar im Widerspruch zu der erstklassigen und kostenintensiven Ausbildung, die seine Kinder genossen. Das Jahr 2000, Zieldatum für die Evangelisation der Welt, war erreicht und damit der Zielpunkt, für den sich viele Mitglieder zeitlich, finanziell und emotional verausgabt hatten. Mit dem wachsenden Gefühl, von der Führungsriege für eigene Zwecke instrumentalisiert worden zu sein, nahm die Kritik am Führungsstil McKeans zu. Es erschienen Publikationen von Mitgliedern, die maßgeblich die interne Debatte mitbestimmten.2 In internen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen wurde McKean schließlich 2001 dazu veranlasst, ein Sabbatjahr einzulegen, das im November 2002 in seinen Rücktritt mündete. Der Rücktritt McKeans leitete für die Bewegung die schwerste Krise seit ihrer Gründung ein, da er selbstverständlich mit der Infragestellung sämtlicher Lehren und damit der Existenzgrundlage der Bewegung verbunden war. Die Rücktrittserklärung wurde auf dem sogenannten "Unitiy meeting" in Boston bekannt gegeben, woraufhin alle Weltsektorenleiter ebenfalls ihre Ämter niederlegten.

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Anmerkungen

1 "Bejüngerung" entstammt der Terminologie der ICOC Mitglieder.
2 In diesem Zusammenhang sind zu nennen: Gordon Furguson, Golden Rule Leadership, Januar 2002, unter
https://www.dpibooks.org/Main.asp, und Henry Kriete, Honest to God, Oktober 2003, unter http://www.reveal.org/
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