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Materialdienst 3/2004
Werner Thiede

Kant und die Stoa

Zum weltanschaulichen Hintergrund seiner Philosophie

Der 200. Wiederkehr des Todestags von Immanuel Kant am 12. Februar 2004 ist - dem würdigen Anlass entsprechend - auf breitester Front gedacht worden. Nahezu alle großen Zeitschriften und Zeitungen im deutschen Sprachraum haben sich in der einen oder anderen Weise dem vielleicht größten Philosophen der Neuzeit gewidmet; Bucherscheinungen und einschlägige Beiträge in Hörfunk und Fernsehen taten ein Übriges. So ist Kant mit seinem vernunftkritischen Denken aufs neue ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Dabei waren namentlich die Resultate seiner Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt und die der moralischen Urteilsbildung längst - so könnte man fast ohne Übertreibung sagen - ins "allgemeine Unterbewusstsein" eingegangen.
 
Nicht eigentlich um eine Theorie der Wirklichkeit, sondern um eine Theorie der Wirklichkeitserkenntnis dreht es sich bei der kantischen Transzendentalphilosophie. Metaphysik wird dadurch zur Grenzwissenschaft: Sie legt fest, was Menschen a priori zu erkennen vermögen, doch damit lassen sich die tiefsten Fragen der Metaphysik gerade nicht mehr beantworten. Letzte Begründungen zur Beantwortung von Weltanschauungsfragen fallen seit Kants Vernunftkritik nicht mehr in das Gebiet des Wissens, sondern des Glaubens.

Bekanntlich bestreitet Kant durchaus nicht, dass die Vernunft aus sich heraus die Grundfragen der Religion und der Metaphysik aufwirft: "Die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne daß bloße Eitelkeit des Vielwissens sie dazu bewegt, durch eigenes Bedürfnis getrieben bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der Vernunft … beantwortet werden können." So räumt Kant ein: "Irgendeine Metaphysik ist immer in der Welt gewesen, und wird auch wohl ferner … darin anzutreffen sein." Schließlich weiß er aus eigener Erfahrung: "Metaphysik ist, wenn gleich nicht als Wissenschaft, doch als Naturanlage (metaphysica naturalis) wirklich."

Umso mehr aber war es sein zentrales Anliegen, Metaphysik aus vernunftkritischen Gründen künftig nur noch als "auf den sicheren Gang einer Wissenschaft" gebrachte zu akzeptieren. Und das bedeutete, dass sie fortan nicht "ohne vorhergehende Prüfung des Vermögens oder Unvermögens der Vernunft" betrieben werden darf. Eine "Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können", ist deshalb zu allerst Transzendentalphilosophie: Sie begründet menschliche Erkenntnis nicht, ohne sie gleichzeitig zu begrenzen.

In Kants "Kritik der reinen Vernunft" ist diese sowohl Objekt als auch Subjekt. Ihre seit zwei Jahrhunderten sich durchhaltende Evidenz verdankt sich allerdings einem "aufgeklärten" Vernunftbegriff, der sich hinsichtlich der Folgen der Kritik an der Vernunft für ihre Subjektfunktion nicht hinreichend aufgeklärt hat. Erst nach Kant sind die Geschichtlichkeit und Pluralität von Vernunft und Moral zunehmend erkannt worden, und erst in neuester Zeit haben sie sich wirklich herumgesprochen. Das aber bedeutet 200 Jahre nach Kants Tod, dass dringend danach gefragt werden muss, welches von den geschichtlich-plural vorhandenen Vernunftkonzepten eigentlich Kants Denken selbst implizierte bzw. ihm als Prämisse zugrunde lag. Macht der Königsberger Philosoph ganz den Eindruck, durch ihn spreche die Stimme "der" Vernunft schlechthin, so erfordert Rationalität heutzutage ein Durchschauen solchen Anscheins. Nachdem jedes Vernunftverständnis in seinen sachlichen und geschichtlichen Relationen, also kontextuell betrachtet werden muss, gilt das auch für das kantische. Welche Art von Metaphysik verbirgt sich hinter seinem Kritizismus?

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