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Materialdienst 3/2004
Jehovas Zeugen

Gott selbst wird beleidigt

Zu den Aufgaben eines EZW-Referenten gehört es, die Veröffentlichungen unterschiedlicher Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zur Kenntnis zu nehmen. Mitunter entwickelt man ein Gefühl für die geistige Welt der jeweiligen Gemeinschaft, man kennt deren Sprache und Bilder - und dennoch reibt man sich gelegentlich verwundert die Augen. So las ich kürzlich, dass "viele" in der Religion "einen überwiegend destruktiven Einfluss" sehen, da doch religiöse Führer "Hass schüren und im Namen Gottes grausame Konflikte legitimieren". Das sind Formulierungen, die man bei Kirchenkritikern und Freidenkern vermutet, also bei Leuten, die wenig von der Faszination religiösen Lebens verstehen und im antireligiösen Eifer auch schon mal dazu neigen, die bunte Welt schwarz-weiß zu malen.

Die Zitate stammen jedoch aus dem "Wachtturm" der Zeugen Jehovas vom 15. Februar 2004. Man hätte es daran erkennen können, dass die Autoren sich hinter dem schwammigen "viele" verstecken. Eine oft geübte Praxis, damit ja niemand sagen kann, der "Wachtturm"hätte dies oder jenes behauptet, denn es werden ja nur die "vielen" zitiert. Die Leser des "Wachtturm" werden jedoch wissen, wie sie diese Sätze zu verstehen haben.

Unter der Überschrift "Die Religion, Kraft zum Guten oder zum Schlechten?" hat die in 25 Mio. Exemplaren weltweit verbreitete Zeitschrift also einmal wieder eine Attacke gegen die Religionen geritten. Die Vorwürfe sind nicht neu - auch wird man der Diskussion müde. War es nicht Johannes Paul II., der wie kein zweiter als religiöser Führer, als Staatsoberhaupt und als geistliche Autorität bis zur letzten Minute gegen den drohenden Irakkrieg angegangen ist? Gab es nicht unzählige andere religiöse Autoritäten, die gegen den drohenden Waffengang votierten? Zugegeben: Es gab auch Kriegsbefürworter unter den Christen - zumal in den USA. Man könnte also sagen: Es gab unterschiedliche Positionen, aber dennoch eine deutliche Mehrheit gegen den Waffengang.

Für den "Wachtturm" ist die Sache hingegen ganz einfach: Die Religionen der Welt sind ein Werk Satans. "Die Religion kann gar nicht zur Lösung der Probleme der Menschheit beitragen, weil sie diese nämlich mit verursacht." Aber, so wird eingeschränkt: "Es stimmt ... nur zum Teil, wenn es heißt, die Religion sei Ursache aller Probleme der Menschheit. Die falsche Religion ist dafür verantwortlich" (Hervorhebung im Original). Und die "falsche" Religion, das ist alles, was außerhalb der Zeugen Jehovas ist. Christen sowieso, aber auch Buddhisten, Hindus, Moslems und Juden müssen sich sagen lassen: "Ja, Gott selbst fühlt sich tief beleidigt durch eine Religion, die Anlass gibt zu Zank und Streit, die wie eine Droge wirkt, die das Gewissen der Menschen abstumpft und sie in eine realitätsferne Gedankenwelt versetzt und die die Menschen engstirnig und abergläubisch sowie hass- und angsterfüllt sein lässt." Vielleicht war es doch vorschnell, dass ich schrieb, solche Parolen passen in die Welt der Kirchenkritiker und Freidenker. So anmaßend und zugleich unbedarft-naiv argumentieren diese nicht.

Andreas Fincke

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