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Materialdienst 6/2004
Robert Berghausen

Christ´s Way - Die Anfänge einer online-Religion

Religiös suchende Menschen sind heutzutage nicht darauf angewiesen, an den Wochenenden durch Kirchen, Moscheen, Tempel und Vortragssäle zu streifen, um dort vorläufig letzte Wahrheit, Hoffnung und Tröstung zu erlangen. Wer schnelle und vor allem individuelle Information anstrebt, hat auch in puncto Glaubens- und Sinnvermittlung längst das Internet für sich entdeckt, wo sich ein religiöser Weltmarkt ungeahnter Dimension auftut.

Auf einer meiner halb privaten, halb beruflichen Recherchen nutzte ich das Angebot einer sehr umfangreichen US-amerikanischen Linkliste, um mir einen aktuellen Einblick in die Novitäten von Neuoffenbarung, Spiritismus und Channeling zu verschaffen. Eher durch Zufall geriet ich dabei auf die schlicht gestaltete Homepage von Christ's Way, die in Südafrika stationiert ist. Dort können neun so genannte Christ's Letters heruntergeladen und gelesen werden. Bei der ersten Durchsicht hatte ich den Eindruck, dass sowohl die sprachliche wie auch die inhaltliche Qualität des Materials bemerkenswert sind.

Channeling-Botschaften an eine südafrikanische Bäuerin

Autorin ist eine wahrscheinlich schon ältere Dame, die vor vielen Jahrzehnten aus Großbritannien eingewandert, in Südafrika als Bäuerin tätig war. Aufgrund beruflicher und privater Krisen wandte sie sich im Gebet an Gott und hatte ein erstes Offenbarungserlebnis. In der Einführung zu den Letters beschreibt sie in knappen Worten ihren Entwicklungsgang, den sie als göttliche Führung ansieht. In den Jahren zwischen 1966 und 1978, so berichtet sie, wurde ihr ein Wissen zuteil, das sich später in der Niederschrift der Christ's Letters niederschlug. Die Briefe sind wahrscheinlich um die Jahrtausendwende geschrieben worden. Die Schreiberin, die sich "receiver" (Empfängerin) nennt, versteht sich nicht als Autorin. Die Briefe seien ihr diktiert worden, behauptet sie. Es bleibt offen, ob es sich dabei um ein wörtliches Diktat oder um eine Sinninspiration handelt. In den Briefen selbst wird an verschiedenen Stellen auf die Schreiberin Bezug genommen. Sie wird als gereinigtes, "de-programmed tool", deprogrammiertes Werkzeug bezeichnet. Der an dieser Stelle sofort aufkommende Scientology-Verdacht bestätigt sich allerdings im weiteren Verlauf nicht. Im Jahr 2003 wurden die Christ's Letters erstmalig in Form einer Internetpräsentation veröffentlicht. Das in die Homepage integrierte Gästebuch hat nur wenige Einträge, die jedoch noch keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Inhalten erkennen lassen. Offensichtlich stehen die Letters am Beginn der Rezeption.

Die Christ's Letters - eine Hommage an den Zeitgeist

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen werden, ist durchaus gegeben. In den letzten Jahren sind wiederholt Meinungsumfragen zu den Inhalten des Glaubens veranstaltet worden. Die EMNID-Umfrage von 1997 hatte das überraschende Ergebnis, dass eine große Mehrheit der Deutschen an eine göttliche Kraft glaubt, eine Minderheit jedoch glaubt nicht an den personalen Gott, den die Kirchen lehren. Wenn schon in dieser zentralen Frage des christlichen Glaubens die Akzeptanz kirchlichen Glaubens gering ist, so schmilzt sie in den unterscheidenden Punkten der christlichen Religion, wie Sünde, Schuld, Erlösung und Göttlichkeit Jesu Christi, auf minimale Prozentsätze. Die deutschen Ergebnisse sind von der Tendenz her auf das gesamte "christliche Abendland" übertragbar. Resümee ist: Je höher der Bildungsstand, desto individueller und synkretistischer ist der jeweilige Glaubensinhalt. Geglaubt wird an eine göttliche Macht, an den Einfluss spiritueller Führer, mögen sie Moses, Buddha, Jesus oder Mohammed heißen. Nicht mehrheitsfähig ist der gesamte Komplex von Sünde, Schuld und Erlösung. Dass der Sohn Gottes sein Leben als Sühne für Adams Schuld hingibt, wird vom durchschnittlichen Akademiker nur noch mit Schulterzucken quittiert. Doch auch umgekehrt gilt: Je näher ein religiöses Angebot an den common sense einer Gruppe oder die Parameter des Zeitgeistes heranrückt, desto wahrscheinlicher ist die zu erwartende Akzeptanz durch die sich angesprochen fühlende Gruppe.

Das Leben Jesu wird neu erzählt

Die Christ's Letters erheben den Anspruch, Briefe des transzendenten Christus an die Menschen des 21. Jahrhunderts zu sein. In den ersten drei Briefen wird über das Leben des historischen Jesus berichtet. Wie auch in anderen außerkanonischen Berichten über das Leben Jesu, so wird auch hier behauptet, die biblischen Evangelien seien in wichtigen Punkten verfälscht worden. Schon die frühe Anhängerschaft Jesu hätte versucht, seine Ablehnung des jüdischen Schuld-und-Sühne-Gedankens aus der Erinnerung zu tilgen. Die Opposition Jesu gegen die offizielle Religion seines damaligen Volkes sei weitaus stärker gewesen als es später in den Evangelien berichtet wurde. Der Jesus der Briefe ist anfangs ein enfant terrible, ein Landstreicher und Tagträumer, der sich emotional und hitzköpfig für die Interessen der Unterprivilegierten einsetzt, die durch das religiöse Diktat einer Priester- und Pharisäerkaste in Abhängigkeit gehalten wurden. Erst die Taufe Jesu im Jordan ändert sein Leben.

Während der Taufe hatte er sein erstes Offenbarungserlebnis. Es folgten die vierzig Tage in der Wüste, in denen sich eine grandiose Einweihung in die Geheimnisse des göttlichen Lebens vollzog. In diesen Wochen wurde ihm der Sinn und Zweck der Schöpfung vor Augen geführt. Auch wurde ihm erklärt, warum bestimmte Verhaltensweisen als böse gelten. Die Erlebnisse in der Wüste bilden das Fundament seines späteren Wirkens und der Ausfaltung der Lehren, die wir in den letzten sechs Briefen erhalten.

Trotz seiner Einweihung, die Jesus zu einem "Sohn Gottes" werden ließ, fiel er immer wieder in allzu menschliche Verhaltensweisen zurück. Letztlich ist auch seine Verurteilung zum Tode die Folge seines ungebändigten Zorns gegen den Tempelkult. Doch wenn immer er sich mit der göttlichen Kraft verband, wirkte er "Wunder", die jedoch nichts anderes waren als Formung der Materie durch die Anpassung an das göttliche Bewusstsein. So lebt er ein exemplarisches Leben. Die Anwendung seiner Lehren ist jedem Menschen guten Willens möglich, so dass die Zahl der "Söhne und Töchter Gottes" auf ein Vielfaches ansteigen könnte.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Die Letters sind unter folgender Internetadresse abrufbar: http://www.christsway.co.za/letters.htm.
Die größte mir bekannte Quelle zum Thema Channeling findet sich unter:
http://spiritwritings.com/library.html.

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