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Materialdienst 6/2004
Sabine Bobert

Internet: Datenwüste, Sozialraum oder technischer Gott?

1. Technospiritualität

Um 1995 konzentrierten sich in Deutschland die Werbemetaphern für das Internet auf die Bilder von der "Daten-Autobahn" und dem "Informations-Superhighway". Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen damit die übertragenen Informationen. Inzwischen wird niemand leugnen, dass im Internet auch Informationen ausgetauscht werden. Wissenschaftlich interessanter geworden sind jedoch die Menschen, die Informationen austauschen. Damit liegt ein neuer Forschungsschwerpunkt auf dem Internet als Sozialraum. Mit diesem verbinden sich medienphilosophische Annahmen bzw. Utopien. Das Internet war von Anfang an auch ein Projektionsraum für religiöse Utopien und Apokalypsen, Hoffnungen auf Heil und Szenarien des Untergangs.

"Ihr werdet sein wie Gott!" Von diesem Satz der Schlange aus Gen 3,5 ließen sich die Mitglieder eines Internetvorläufers, des CommuniTree-Netzes, inspirieren, als sie 1978 in Nordkalifornien online gingen. "We are as gods and might as well get good at it" ("Wir sind wie Götter und könnten darin ganz gut werden"), so lautete ihr erster Satz in der Ankündigung ihrer ersten Online-Konferenz. Hier mischten sich technospirituelle Selbsterhöhung mit Verheißungen über die erlösende Macht der Technologie und dem damals verbreiteten östlichen Mystizismus. Entsprechend widmete sich die erste Online-Konferenz dieser e-Gemeinschaft mit dem Titel "Ursprünge" dem Thema künftiger Religionen.1

Nicht minder euphorisch spekulierte der deutsch-jüdische Medienphilosoph Vilém Flusser über eine maschinenvernetzte Gesellschaft. Der Computer kompensiere die Schwächen des menschlichen Gehirns und mache Verfall und Vergessen wett. Das Cyborgehirn als Datenmaschine werde zum neuen Sinngenerator. Er helfe, soziale, philosophische und religiöse Entfremdung zu überwinden. "Alle vortelematischen Bilder sind Holzwege, die von Gott wegführen. Die telematischen, dialogisch synthetisierten Bilder hingegen sind Medien von Mensch zu Mensch, durch welche hindurch ich des Antlitzes des anderen ansichtig werde. Und durch dieses Antlitz hindurch wieder Gottes ansichtig werde."2 Der Computer erscheint als messianische Maschine. Per Mausklick ins Reich Gottes. Mit solch naiven religiösen Urteilen steht Flusser keineswegs allein.

Selbst besonnenere Wissenschaftler geraten angesichts der Digitalisierung von Daten in religiöse Verzückung. Z.B. Nicholas Negroponte, der Leiter des Medialab am Massachusetts Institute of Technology (MIT), sah im angebrochenen "Zeitalter des Optimismus" 1995 eine "junge Bürgerschaft" aus der digitalen Welt aufsteigen, die ein völlig neues Sozialgefüge entwickeln werde. "Die digitale Technik kann wie eine Naturgewalt wirken, die die Menschen zu größerer Weltharmonie bewegt."3

Natürlich rufen solche Visionen auch Kulturpessimisten auf den Plan. Zu den Sozial-Apokalyptikern zählt z.B. Clifford Stoll, der im Internet soziale Verwüstung am Werk sieht. Cyberspace und virtuelle Realität, so Stoll, seien bloß "volkstümliche Mythen". In Wirklichkeit gehe es um "frustrierend teure und unzulässige Verbindungen", die "sinnvoller Arbeit in die Quere kommen". "Es ist eine hochgejubelte, inhaltsleere Welt, der jegliche Wärme und Mitmenschlichkeit fehlt. Die vielgepriesene Informations-Infrastruktur geht an den meisten sozialen und wirtschaftlichen Zeitfragen vorbei. Gleichzeitig bedroht sie wertvolle Bestandteile unseres gesellschaftlichen Lebens, wie Schulen, Büchereien und soziale Institutionen. Vögel singen da nicht. Allen Verheißungen virtueller Gemeinschaften zum Trotz: Es ist wichtiger, ein wirkliches Leben in einer wirklichen Umgebung zu führen."4

Bei solchen Äußerungen handelt es sich um Pauschalurteile über das Internet als Gesamtmedium, die in etwa so treffend sind wie Urteile über unsere 'heutige Zeit' oder die 'heutige Kultur an sich'. (Mit 'Gesamtmedium' meine ich, dass nicht näher zwischen einzelnen Formen der Cyberkultur unterschieden wird.) Auf dieser Ebene zählt Jörg Herrmann zu den ersten Theologen, die Schritte in Richtung auf eine "religionshermeneutisch orientierte Charakterisierung des Mediums" unternommen haben.5 Er verweist auf das Internet als religiöses Konkurrenz-Medium, das religiöse Phantasien, Apokalypsen und Utopien auf sich zieht, und das religiöse Erlebnisformen ermöglicht. Hierzu zählt er religiöse Qualitäten von Cyberspace-Erfahrungen mit Raum, Zeit, Identität, Interaktivität und Hypertextualität. Im Netz ist immer Tag. Es kennt keine lokalen Rhythmen, Zeitzonen verschmelzen. Das Ergebnis ist ein ewiges Jetzt. Räumliche Grenzen fallen fort. Im Internet kann man neue Identitäten entwickeln. Herrmann fordert, dieses "unauflösliche Ineinander von Technologie und Ideologie" theologisch zu reflektieren.6

Unter welchen Umständen das Internet als die "technische Form Gottes" (Hartmut Böhme)7 oder als "Travestie von Transzendenz" (A. Z. Wellesely)8 erscheinen muss, bleibt jedoch zu prüfen. Es handelt sich zunächst um nicht mehr als spektakulär klingende Thesen. Zugunsten genauerer Urteile sollen im Folgenden medienphilosophische und vor allem sozialwissenschaftliche Zugänge im Vordergrund stehen.

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Anmerkungen

1 Allucquère Rosanne Stone, Will the Real Body Please Stand Up?, in: Michael Benedikt (Hg.), Cyberspace: First Steps, Cambridge 1991, 81-118, online: http://www.rochester.edu/College/FS/Publications/StoneBody.html.
2 Vilém Flusser, Ins Universum der technischen Bilder, Göttingen 41992.
3 Nicholas Negroponte, Total digital - Die Welt zwischen 0 und I oder die Zukunft der Kommunikation, München 1995, 279.
4 Clifford Stoll, Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn, Frankfurt a.M. 1998, 326.
5 Vgl. Jörg Herrmann, Vom Himmel in den Hypertext. Die religiösen Dimensionen des Cyberspace, in: medien praktisch 2/1998, 54-57 (online:
http://www.gep.de/medienpraktisch/ameidenp/mö2-98/2-98herr.htm
); ders., Erlösung durch Kommunikationstechnologie? Die Herausforderung des Internet für Theologie und Religionspädagogik, in: Thomas Klie (Hg.), Darstellung und Wahrnehmung, Religion im medialen Crossover, Münster 2000, 77-95; Chr. Wessely / G. Larchner (Hg.), Ritus - Kult - Virtualität, Regensburg 2000.
6 J. Herrmann, Vom Himmel in den Hypertext, 55.
7 Hartmut Böhme, Die technische Seite Gottes, in: Praktische Theologie 31 (1996), 257-261, hier: 259.
8 Zitat: A. Z. Wellesely in: Reinhold Esterbauer, Gott im Cyberspace?, in: A. Kolb / R. Esterbauer/ H.-W. Rucken-bauer (Hg.), Cyberethik, Stuttgart 1998, 115-134.

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