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Materialdienst 3/2014
Friedmann Eißler

Wo steht die Gülen-Bewegung?

Eine aktuelle Einschätzung

In die Sache der türkisch-islamischen Missionsgemeinschaft um den Prediger Fethullah Gülen ist kräftig Bewegung gekommen. Vor allem die Situation in der Türkei ist in den vergangenen Monaten international aufmerksam verfolgt worden. Was sich daraus für Folgen für Deutschland ergeben, wo die Bewegung nun seit zwanzig Jahren aktiv ist, ist noch nicht abzusehen. Es zeichnen sich jedoch Konturen ab, die auch in hiesigen Kontroversen nicht außer Acht bleiben können. In diesem Zusammenhang ist auch an Kontinuitäten innerhalb der Bewegung zu erinnern.

1. Entwicklungen in der Türkei

Über Jahre haben die Regierungspartei AKP und Gülens Anhängerschaft mit großen inhaltlichen Übereinstimmungen kooperiert. Die symbioseähnliche Allianz nutzte der Gülen-Bewegung für die systematische Kaderbildung und die Besetzung wichtiger Schlüsselpositionen in der Bürokratie, der Polizei, der Justiz und teilweise im Militär sowie der AKP für den Machtaufbau und -ausbau seit ihrem Wahlsieg 2002. Die Aufkündigung dieser Allianz kam weder plötzlich noch von einer Seite. Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass spätestens die Uneinigkeit in der Beurteilung der Gaza-Solidaritäts-Flottille (Aktion Mavi Marmara) im Mai 2010 tiefergehende Differenzen zwischen Gülen und der AKP offenbarte. 2011 kam es in der Kurdenfrage zu erheblichen Divergenzen. Bei den Gezi-Park-Protesten 2013 distanzierte sich Gülen von der Regierungslinie. Schließlich brachte die Androhung, die mehrheitlich von der Gülen-Bewegung betriebenen Dershanes zu schließen, das Fass offenbar zum Überlaufen. Knapp 4000 dieser profitablen privaten Vorbereitungs- und Nachhilfeschulen gibt es in der Türkei, sie stellen wohl eine der Haupteinnahmequellen der Gülen-Bewegung dar und erscheinen für die Rekrutierung des Nachwuchses unverzichtbar. Die Sache wurde im Herbst 2013 zum Politikum mit erdbebenartigen Verwerfungen in der politischen Landschaft im Gefolge. Angekündigt wurde sie indes schon Ende 2012. Gülen hatte schon damals selten scharf zum Widerstand aufgerufen: „Wenn sie eure Häuser schließen, öffnet Wohnheime. Wenn sie eure Wohnheime schließen, öffnet neue Häuser. Wenn sie eure Schulen schließen, gründet eine Universität. Wenn sie eure Universität schließen, gründet zehn neue Schulen. Ihr dürft nie aufhören zu marschieren.“1

Gülen hat sich in der Vergangenheit mehrfach auf die Seite der herrschenden Ordnung geschlagen (so 1971 und 1980) und gegen eine Politisierung des Islam ausgesprochen. Im Blick auf die Gesellschaftsform und den Staat machte er immer Zugeständnisse, da ihm nicht eine direkte Eroberung des Staates, sondern die Heranbildung einer Elite vorschwebt, die zur Staatsführung nach islamischen Werten wirklich befähigt und in der Lage sei, sich gegen den Westen zu behaupten. Zu Necmettin Erbakans islamistischen Ambitionen und damit auch zu den Aktivitäten von Milli Görüş ging Gülen regelmäßig auf Distanz. Dies brachte ihm enorme Handlungsspielräume und nach anfänglicher Duldung durch den Staat später sogar die aktive Unterstützung säkularer Regierungen ein, die ihrerseits für ihre eigene Machtpolitik Ideen Erbakans und Gülens adaptiert hatten. Inhaltlich standen sich Gülen und Erbakan wie auch Gülen und Erdoğans AKP immer nahe. Der Widerstand gegen „Verwestlichung“, die Betonung der türkisch-islamischen Synthese, Ressentiments gegen Nichtmuslime und eine Verklärung des Osmanischen Reiches als Vorbild und Avantgarde der islamischen Welt waren und sind gemeinsame Kennzeichen, ebenso die Bereitschaft, individuelle Freiheiten zugunsten der großen islamischen Idee grundsätzlich zurückzustellen (vgl. Seufert, 8f). Es herrschte daher über lange Zeit so etwas wie eine pragmatische Arbeitsteilung zwischen den Islamlagern in der Türkei. Ihr Ende wird kontrovers bewertet. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass der schiere Machtzuwachs der „Gülenisten“ dafür hauptverantwortlich ist, die für Erdoğan mehr und mehr zur unberechenbaren Größe geworden sind. Es kommt ein rasantes internationales Wachstum und eine beeindruckende geografische Ausbreitung der Bewegung hinzu, die ein gesteigertes Selbstbewusstsein und erhöhte Ansprüche nach sich ziehen.

Eine nicht unerhebliche Erkenntnis aus den jüngsten Entwicklungen für bislang weniger eingefleischte Gülen-Fans oder Gülen-Kritiker dürfte sein, dass die „Unterwanderung“ des Sicherheitsapparats und der Justiz in der Türkei – wie immer man die Vorgänge im Einzelnen bewertet – auf der Basis der Rekrutierung loyaler Anhänger durch systematische Bildungsarbeit von keiner Seite mehr bestritten oder verharmlost wird, im Gegenteil. Kein Widerspruch mehr, keine Verleugnung, kein Hinweis auf Verschwörungstheorien. Tausende Beamte wurden in der Türkei versetzt. 

2. Dynamik in Deutschland

 Die steile Wachstumskurve der Gülen-Bewegung in Deutschland dürfte zuletzt leicht abgeflacht sein, was die bloßen Zahlen angeht. Neugründungen, Erweiterungen von bestehenden Projekten, intensive Arbeit vor Ort und vor allem Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit auf vielen Ebenen prägen jedoch weiterhin das Erscheinungsbild und sorgen in Politik und Gesellschaft zunehmend für Informationsbedarf und Diskussionen. Neben Pangea-Mathematikwettbewerben, großen und kleineren Events wie Deutsch-türkischen Kulturolympiaden und Stadtteil- und Marktplatzfesten wurde Deutschland 2013 geradezu überschwemmt von einer Welle von Preisverleihungen. Zwei typische Beispiele: Eine weitgehend fiktive „Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg“ – jedenfalls lässt sie sich nicht weiter verfolgen als bis zu Gülen-nahen Vereinen wie „Süddialog“ oder „Begegnungen“ – ehrt im November 2013 „ehrenwerte Persönlichkeiten und Institutionen“ für ihre Verdienste um die Transkulturalität in Baden-Württemberg. Dazu wird in den Ordenssaal des Residenzschlosses in Ludwigsburg eingeladen. Wenige Tage später verleiht der „Bund Deutscher Dialog Institutionen – BDDI“ (bestehend aus vierzehn kurzfristig zusammengetrommelten deutschen „Gülen-Vereinen“) erstmalig den „Deutschen Dialogpreis“ für außerordentliches Engagement in den Bereichen interreligiöser Dialog und interkulturelle Verständigung. Ort des Geschehens ist ein Berliner Kongresszentrum zwischen US-Botschaft und Hotel Adlon direkt am Brandenburger Tor. Ähnliches geschah deutschlandweit ungefähr im Dutzend.

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Anmerkung

1 In einer Videobotschaft, zitiert nach Boris Kálnoky, Mächtige Gülenisten werden Erdogan gefährlich, in: Die Welt, 24.12.2012, www.welt.de/politik/ausland/article112218735/Maechtige-Guelenisten-werden-Erdogan-gefaehrlich.html. 

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