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Materialdienst 2/2014
Anne Richards

Neue religiöse Bewegungen in Britannien aus der Sicht der Kirche von England

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Die englische Originalfassung (Gesamttext) ist als pdf-Dokument (556 KB) abrufbar: Anne Richards: New Religous Movements in the UK: adapting to a changing socienty

Die religiöse und spirituelle Landkarte in Britannien verändert sich rapide. Noch vor 20 Jahren gab es nur relativ wenige neue religiöse Bewegungen2 und alternative Formen von Spiritualität, heute aber sind über 4000 solcher Bewegungen bekannt.3 Größere oder ältere und besser bekannte wie die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) und die Vereinigungskirche (Moon-Bewegung) haben seit vielen Jahren Anfragen ausgelöst. Heute aber sind es angesichts neuer Einwanderergruppen und ihrer Bemühungen um eine Re-Evangelisierung des Westens4 eher kleine religiöse Gemeinschaften, die Fragen aufwerfen.

Dass es eine so große Zahl neuer religiöser Bewegungen gibt, bedeutet für die historischen Weltreligionen in Britannien, insbesondere für die christlichen Kirchen, eine Herausforderung. Die Zahl regelmäßiger Gottesdienstbesucher und von Menschen, die sich als Christen bezeichnen, nimmt ab. Mehr und mehr Menschen probieren verschiedene Religionen aus oder basteln sich eine eigene „Do-it-yourself“-Religion zusammen.5 Das wirkt sich in zweierlei Weise auf christliche Gemeinden aus. Zum einen entfernen sich Menschen von ihren christlichen Wurzeln und verlieren den Kontakt zu den tradierten Formen christlicher Religiosität. Zum anderen werden Praktiken nichtchristlicher Herkunft in die Kirchen hineingetragen. Die Kirche von England findet sich hier in einer besonders komplizierten Lage, da sie Staatskirche ist und einige Bischöfe ins britische Oberhaus (House of Lords) entsendet. Daher wird ihr Wohlwollen gegenüber anderen Religionen oft als Schlüssel für die gesellschaftliche Anerkennung gesehen. Die kirchliche Anerkennung signalisiert Seriosität, verleiht Glaubwürdigkeit und verspricht ganz praktisch Zugang zu politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern und Gremien. Neue religiöse Bewegungen sind daher oft sehr an Kontakten mit der Kirche von England interessiert, was für diese Probleme aufwirft. Um welche Arten neuer Religionen geht es? Neben etablierten, gut organisierten und oft finanziell gut dastehenden Religionen wie den Mormonen und Scientology gibt es viele religiöse Gruppen, oft christlicher Herkunft, deren Führer in anderen Ländern leben, die aber hier Ableger unterhalten. Ihre Zahl erhöht sich durch Einwanderung stetig. Hinzu kommt eine Vielzahl unterschiedlich ausgeprägter heidnischer Gruppierungen („Pagans“) und von New-Age-Anhängern, die sich oft in bestimmten Regionen konzentrieren.

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Anmerkungen

1 Der Beitrag wurde von Kai Funkschmidt aus dem Englischen übersetzt.

2 Die Religionssoziologie zieht heute das neutral-deskriptive „neue religiöse Bewegungen“ den abwertenden Bezeichnungen „Sekte“ und „Kult“ vor. Allerdings sind einige dieser Bewegungen keineswegs neu. Daher werden auch Begriffe wie „Minderheitsreligion“ verwendet. Mit der Bezeichnung „new religious movements“ schließt sich die Kirche von England dem häufigsten wissenschaftlichen Sprachgebrauch und den dazugehörigen Definitionen an.

3 Schätzung des Information Network on Religious Movements (INFORM, siehe Fußnote 13). INFORM zählt „Kulte, Sekten, neue religiöse Bewegungen, unkonventionelle Religionen, Alternativreligionen, spirituelle oder esoterische Bewegungen und ‚self religions’“ zu diesen 4000. Die Kirche von England übernimmt diese weite Definition für die Abgrenzung der Zuständigkeit ihres Grundsatzreferates „Neue religiöse Bewegungen und Formen alternativer Spiritualität“.

4 „Reverse evangelism“ meint die Bemühungen von Christen aus dem Süden um eine Re-Evangelisierung des Westens. Die Einwanderer bringen dabei ihre eigenen Interpretationen des Evangeliums in die britische Kirche und Gesellschaft ein.

5 Bei der Volkszählung 2001 stuften sich bei der Beantwortung einer freiwilligen Zusatzangabe zur Religionszugehörigkeit in England und Wales 72 Prozent der Antwortenden als „Christen“ ein. Bei der Volkszählung 2011 war dieser Wert auf 59,3 Prozent gefallen. Die Zahlen liegen um ein Vielfaches über den Mitgliederzahlen der Kirchen, denn bei der Volkszählung geben viele Menschen „Kirche von England“ als „normale“ Standardantwort an. Es handelt sich dabei eher um ein kulturelles als um ein religiöses Selbstverständnis.

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