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Materialdienst 2/2014
Michael Utsch

Postmaterialistische Wissenschaft?

Hinweise auf eine zunehmende Spiritualisierung der Psychotherapie

Wenn Glaube sich positiv auf die Gesundheit auswirkt, wofür etliche Studien sprechen, stellt sich die Frage, wie das Heilungspozential der Religionen in eine psychologische Behandlung einbezogen werden kann. Die spannende Diskussion um Ausschluss oder Einbeziehung spiritueller Interventionen in Beratung und Psychotherapie hat endlich auch Deutschland erreicht. Bis vor kurzem war es undenkbar, dass in Therapeutenkreisen ernsthaft darüber diskutiert würde, ob etwa in einer Behandlung auf Wunsch des Patienten mit ihm gebetet werden dürfe.

Bekannte Gestalttherapeuten haben sich kürzlich grundsätzlich und vehement gegen eine Einbeziehung spiritueller Interventionen ausgesprochen, weil dabei die Risiken eines ideologischen Machtmissbrauchs viel zu hoch seien: „Spiritualität ist keine Sache wissenschaftlicher Psychotherapie, sondern des persönlichen Glaubens, dem Respekt gebührt.“1 Als rechtlich geregelte Dienstleistung des öffentlichen Gesundheitswesens stehe Psychotherapie deshalb unter dem Gebot der weltanschaulich-religiösen Neutralität. Das moderne Wissenschaftsverständnis habe ein materialistisches Weltbild zur Grundlage, das auf der kategorialen Trennung von Wissenschaft und Glaube beruhe. Deshalb sei für eine wissenschaftlich begründete Heilkunde „prinzipiell“ nur eine materialistisch-monistische Position vertretbar.

Allerdings gibt es inzwischen klare empirische Belege dafür, dass religiöse oder spirituelle Rituale bei gemeinsamen Glaubensüberzeugungen des Therapeuten und des Klienten Ressourcen aktivieren können, die durch herkömmliche Methoden nicht erreichbar sind (Hook et al. 20102). Als Fallbeispiele werden in der genannten Arbeit eine christliche kognitive Therapie bei einer depressiven Störung, eine buddhistische Selbst-Schema-Therapie bei einer Suchterkrankung, eine christliche Vergebungstherapie und eine muslimische kognitive Therapie bei einer Angststörung dargestellt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass religiös-spirituelle Psychotherapien nachweislich sowohl psychologische als auch spirituelle Wirkungen zeigen. Allerdings weisen sie darauf hin, dass ein einfaches Hinzufügen religiöser bzw. spiritueller Elemente zu einer etablierten säkularen Psychotherapie keine Verbesserungen bewirken würden – die säkularen und spirituellen Maßnahmen müssten aufeinander abgestimmt sein. Die höchste Wirksamkeit religiöser und spiritueller Interventionen lässt sich bei stark religiös geprägten Patienten nachweisen.

Der klare Trend zu einer ernsthaften fachlichen Auseinandersetzung mit religiösen und spirituellen Themen beschränkt sich nicht mehr nur auf den amerikanischen Kulturkreis. Das deutsche „Psychotherapeutenjournal“, Hauspostille aller approbierten Psychotherapeuten und damit weit verbreitet und viel gelesen, hat vor einem Jahr ausführlich das Schwerpunktthema „Psychotherapie und Religion/Spiritualität“ behandelt.3 Die auch im Internet zugänglichen Aufsätze plädieren für einen transparenten und differenzierten Umgang mit dem Glauben der Patienten – von der früheren Religionsfeindlichkeit der Psychotherapie ist fast nichts mehr zu spüren.

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Anmerkungen

1 Hilarion Petzold/Johanna Sieper/Ilse Orth, Psychotherapie und „spirituelle Interventionen“?, in: Psychologische Medizin 21 (2010), 13-22, hier 14.
2 Joshua N. Hook et al., Empirically Supported Religious and Spiritual Therapies, in: Journal of Clinical Psychology 66 (2010), 46-72.
3 Psychotherapeutenjournal 3/2012, www.psychotherapeutenjournal.de.

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