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Materialdienst 2/2014
Gabriele Lademann-Priemer

Die Tscherkessen - in alle Winde verstreut

Zur Geschichte der Region um Sotschi

Die Olympischen Winterspiele lassen die Welt nach Sotschi blicken, einem beliebten Badeort am Schwarzen Meer. Sotschi mit dem Stadtteil Krasnaja Poljana ist zu einem exklusiven Wintersportort ausgebaut worden, ohne Rücksicht auf die Umwelt und ohne das Gedenken an die Vergangenheit.1 Für die Tscherkessen ist Sotschi die Stätte ihrer endgültigen Niederlage und des „vergessenen Völkermords“ (Quiring) vor 150 Jahren. „Viele der im 19. Jahrhundert aus ihrer kaukasischen Heimat vertriebenen Tscherkessen bestiegen von dort aus die Fluchttransporte.“2 Am 20. Mai 2013 gab es eine Demonstration vor der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin unter der Überschrift „Wir wollen keine Rache, sondern Gerechtigkeit!“ mit der Forderung, Russland solle als Nachfolgerin des Zarenreiches die Verantwortung für den Völkermord übernehmen, und gegen die Winterspiele in Sotschi, die stattfinden sollen „über den Gräbern unserer Vorfahren“.3

Zur Geschichte und Kultur eines der ältesten Völker Europas

Die Tscherkessen gelten als eines der ältesten Völker Europas, ihre Vorläufer sind ab 330 v. Chr. belegt. Vom 5. Jahrhundert an wurden sie christianisiert. Seit dem 15. Jahrhundert wurden sie unter dem Einfluss der Krimtataren weitgehend sunnitische Muslime. In Nordossetien gibt es jedoch eine kleine christliche Minderheit. Die Verehrung der traditionellen Naturgötter war dennoch im Kaukasus anscheinend nicht ausgestorben. Zwei Lithographien von 1821 zeigen ein Opferritual an einem Baum sowie eine Opfergabe an das Kreuz im heiligen Wald.4

Die Tscherkessen waren in zwölf Stämme untergeteilt. Sie sprachen und sprechen teilweise noch das Tscherkessische in vielen Dialekten. Sie waren in dörflichen Gemeinschaften organisiert, die im lockeren Verbund lebten, regiert von Fürstenfamilien. Es gab eine strikte Ständeordnung. Sitten und Gebräuche fanden und finden genaue Beachtung. Die Bezeugung von Achtung und Respekt, Disziplin und Ehrlichkeit sind die Säulen des Verhaltens. Ein tscherkessischer Ritter muss zwar kühn, aber auch gastfreundlich sein. Die Blutrache war jedoch ebenfalls ein Bestandteil des Sittenkodex.

Bekannt waren die Tscherkessen für ihre Waffenschmiede und ihre Waffen- und Reitkunst. Später kamen zu den Schwertern und Säbeln Feuerwaffen hinzu. Der Mantel eines Tscherkessen war, wie heute der Mantel der Kosaken, auf der Brust mit Patronenhülsen verziert. Die Frauen waren selbstständig, was später in der Türkei unter den Muslimen Erstaunen und Befremden hervorgerufen hat.

Seit dem 16. Jahrhundert waren Tscherkessen im Osmanischen Reich als Händler und Soldaten zugegen. Vielfach waren Tscherkessinnen Haremsfrauen an den türkischen und persischen Höfen. Manchmal kamen sie freiwillig, oftmals waren sie als Sklavinnen verkauft worden. Sie konnten sich dennoch häufig eine einflussreiche Stellung erobern und gelegentlich sogar begütert zu ihrem Volk zurückkehren. In Persien wurde der starke Einfluss der tscherkessischen Partei immer wieder bekämpft. Was aus den Tscherkessen nach dem Fall der Safaviden gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde, ist unbekannt.5 In Ägypten waren die Tscherkessen Kämpfer aufseiten der Mameluken. Von 1382 bis 1517 stammten die Sultane aus den tscherkessischen Mameluken-Einheiten. Dann übernahmen die Osmanen die Macht.6 Wenn nötig, gingen die Kaukasier Zweckbündnisse ein. 1561 heiratete Iwan IV., genannt „der Schreckliche“, eine tscherkessische Prinzessin. Durch die russische Expansion seit etwa 1594 wurden die Tscherkessen und andere Völker im Kaukasus immer weiter zurückgedrängt. Katharina die Große betrieb von 1763 an die Eroberung des tscherkessischen Gebiets. Die Kriege und Befreiungskämpfe endeten am 21. Mai 1864. Nach ungefähr 100 Jahren Kampf wurden die Tscherkessen in Krasnaja Poljana (Sotschi) von den Truppen des Zaren entscheidend geschlagen. Nach tscherkessischen Schätzungen wurden ca. eine Million Menschen über das Schwarze Meer vertrieben, wahrscheinlich kamen mehr als 350 000 Menschen um. Man kann die Deportation als „ethnische Säuberung“ bezeichnen.7

Die Tscherkessen galten als besonders „weiß“, ihre Frauen als besonders schön. Der Anthropologe Johann Friedrich Blumenbach hielt die weiße Hautfarbe für „kaukasisch“, die Kaukasier hätten die „weißeste“ Haut (1795). Später wurde mit Bildchen von Tscherkessinnen für Schönheitsprodukte geworben. In Kunst und Kultur spielten die Tscherkessen und vor allem Tscherkessinnen eine Rolle: In der Operette „Der Zarewitsch“ von Franz Lehár tritt eine Tscherkessin auf. D. F. E. Auber brachte die Oper „La Circassienne“ 1861 auf die Bühne. In Gedichten (z. B. in „Die seidne Schnur“ von Ferdinand Freiligrath 1848) und auf Bildern werden Tscherkessinnen dargestellt. Ungefähr 1959 gab es den Film „Aufstand der Tscherkessen“ und wahrscheinlich zu etwa derselben Zeit „Tscherkessen. Rache – Frauenraub im Kaukasus“ (ohne Jahr). Dann wurde es weitgehend ruhig um sie.

Ab Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts machte der Zirkus Barnum in den USA mit tscherkessischen Frauen Reklame. Von Carl Hagenbeck wurde die Reit- und Säbelkunst der Tscherkessen vorgeführt. In Hamburg gab es 1900, 1928 und 1932 Reiterspiele, die als „tscherkessisch“ beworben wurden. Plakate aus der Werkstatt von Adolph Friedländer wiesen auf sie hin, erhalten sind Plakate von 1928.8

In Hamburg lebte die auf Sansibar geborene tscherkessische Prinzessin Salme von Oman und Sansibar, später mit dem Namen Emily Ruete (1844 – 1924) als Ehefrau und seit 1870 als Witwe des Hamburger Kaufmanns Heinrich Ruete. Ihre tscherkessische Mutter war eine der Frauen des Sultans.9 Der erste tscherkessische Literat und Völkerkundler war Sultan Khan-Girey. Er diente von 1828 bis 1837 in der kaukasischen Gebirgsschwadron von Zar Nikolaus. Zuletzt war Khan-Girey Oberleutnant. Er stellte die Kultur und Geschichte seines Volkes dar und hoffte, eine Vermittlerrolle zwischen Russen und Tscherkessen spielen zu können.10

Die Tscherkessen heute

Insgesamt gibt es heute schätzungsweise 4 Millionen Tscherkessen. 719000 leben in Russland (laut Volkszählung 2010), 2 Millionen in der Türkei, zwischen 80000 und 100000 in Syrien, 65000 in Jordanien, dort stellen sie die Ehrengarde des Königs. 15000 leben im Irak, weitere 3000 bis 4000 in Israel, 9000 in den USA, 40000 in Deutschland und in den Niederlanden sowie im Kosovo. In Europa sind die Tscherkessen in vielen Vereinen organisiert. In Syrien gelten sie als Parteigänger des Regimes von Präsident Assad. Seit 2011 haben laut dem Museum für Völkerkunde Hamburg 10 000 Tscherkessen das Land verlassen, 1000 konnten in den Kaukasus zurückkehren. Dem Einwanderungsbegehren von Tscherkessen aus dem Krisengebiet von Syrien wird in Russland nur zögernd stattgegeben. Seit Mitte 2013 gibt es aber Anzeichen für eine Veränderung.11 Im Kaukasus leben die Tscherkessen in den autonomen Republiken Adygeja, genannt nach ihrer Selbstbezeichnung „Adyge“, mit der Hauptstadt Maikop sowie Kabardino-Balkarien mit der Hauptstadt Naltschik und Karatschai-Tscherkessien mit der Hauptstadt Tscherkessk. Nur in Kabardino-Balkarien stellen die Tscherkessen mit 55,3 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung.12

Zu den berühmtesten Tscherkessen in Deutschland gehören der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir und der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. In der Türkei mussten die verschiedenen Völkerschaften unter Atatürk seit 1923 türkische Namen annehmen. Erst in den fünfziger Jahren und nach einem politischen Rückschlag in den achtziger Jahren konnten sich seit 1990 aufgrund einer offeneren Minderheitenpolitik tscherkessische Vereine bilden.

Ausstellung in Hamburg

Erstmalig gibt es im Museum für Völkerkunde in Hamburg eine Ausstellung über die Tscherkessen: „Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht. Ein legendäres Volk neu entdecken“ (24.11.2013 – 25.5.2014), an deren Eröffnung tscherkessische Vertreter aus vielen Ländern teilnahmen. Die Ausstellung will nicht nur die Geschichte und die Kultur der Tscherkessen im Kaukasus darstellen, sondern gleichzeitig auch auf die Lage im Gebiet von Sotschi hinweisen in der Hoffnung, dass die tscherkessische Kultur stärkere Anerkennung findet.

Anmerkungen

1 Vgl. Reinhard Veser, Putins Trillionenspiel, in: FAZ vom 23.12.2013; Straflager für russischen Umweltschützer, in: FAZ vom 23.12.2013; Manfred Quiring, Der vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen, Berlin 2013, 17ff; Gesellschaft für bedrohte Völker, Tscherkessen: Kriegsflüchtlinge aus Syrien – Rückkehr in den Nordkaukasus – Proteste gegen die Winterolympiade in Sotchi 2014. Ein Überblick, November 2012.
2 Faltblätter des Museums für Völkerkunde Hamburg Nov./Dez. 2013 und Jan./Febr. 2014.
3 www.cherkessia.net (Abruf: 29.12.2013).
4 Zurzeit zu sehen in der Tscherkessen-Ausstellung des Museums für Völkerkunde Hamburg (s. u.).
5 Vgl. www.iranicaonline.de, Čarkas.
6 Museum für Völkerkunde Hamburg, Ausstellungstext.
7 Vgl. Manfred Quiring, Der vergessene Völkermord, a.a.O., 106f.
8 Archiv Hagenbeck, zurzeit zu sehen im Museum für Völkerkunde Hamburg. Adolph Friedländer hatte eine der größten Plakatmalereien dieser Zeit in Hamburg, sie wurde von den Nazis geschlossen.
9 Emily Ruete geb. Prinzessin Salme von Oman und Sansibar, Leben im Sultanspalast. Memoiren aus dem 19. Jahrhundert, hg. von Annegret Nippa, Hamburg ²2007.
10 Vgl. Walter Richmond, The Circassian Genocide, eBook 2013, 45.
11 Vgl. Manfred Quiring, Der vergessene Völkermord, a.a.O., 157ff, Jutta Sommerbauer, Die unerwünschte Rückkehr der Tscherkessen, Welt online, 23.11.2013.
12 Zahlen nach Manfred Quiring, Der vergessene Völkermord, a.a.O., 208f. Das Hamburger Museum für Völkerkunde gibt folgende, zum Teil abweichende Zahlen an: 900000 im Kaukasus, 60000 in Jordanien, 120000 in Syrien, 80000 in der EU, 25000 in den USA, 30000 im Irak, 10000 in Australien.  

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