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Materialdienst 1/2014
Buddhismus

Widerstand gegen einen buddhistischen Stupa-Bau in Österreich

Heftigen Streit um einen Sakralbau gab es in Österreich in den zurückliegenden Monaten. Was manche Parallelen zu Moscheebaukonflikten hatte, ging allerdings erstmals in dieser Form um ein buddhistisches Bauwerk, um ein geplantes Stupa-Areal im niederösterreichischen Gföhl. Im November 2013 wurde vom Kremser Landesgericht wegen Verhetzung im Zuge einer Flugblattaktion eine Geldstrafe von 5400 Euro verhängt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Vor einer Volksbefragung im Februar 2012 waren Flugblätter an alle Gföhler Haushalte verteilt worden, die von der „Nazi-Religion“ (Buddha mit Hakenkreuz) und finsteren Ritualmordvorwürfen über kriegerische Welteroberungspläne bis hin zum Einfallstor für Pädophilie und mädchenschändender Sexualmagie kein Vorurteil ausließen, um den Buddhismus als „menschenverachtende Ideologie“ darzustellen. Die Schärfe und Einseitigkeit der Vorwürfe ist alarmierend. Die Staatsanwaltschaft hielt sie laut Medienberichten für „zielgerichtet“, „Hass gegen eine anerkannte Religionsgemeinschaft zu schüren“.

Geplant war mit über 30 Metern Höhe und 20 Metern Durchmesser auf einem knapp zwei Hektar großen Grundstück direkt an einer Bundesstraße das „größte Weltfriedensdenkmal Europas“. Neben dem eigentlichen Stupa mit einer Halle für 100 bis 150 Personen wären ein religiöses Zentrum mit Wohnungen für Mönche und Nonnen, Gemeinschafts- und Meditationsräumen sowie anbei Parkplätze für Besucher mit einer entsprechenden Infrastruktur entstanden, so die Planungen der Wiener Privatstiftung Lotos-Lindmayer, die hinter dem Projekt stand. Dass es damit nun zumindest an diesem Ort nichts wird, ergab die erwähnte Volksbefragung, bei der 67 Prozent gegen den Stupa stimmten.

Ein Stupa ist ein buddhistischer Kultbau, der ursprünglich – und laut Tradition auf Anweisung des Buddha – Reliquien (Asche) Buddhas oder seiner hervorragenden Schüler beherbergte und sich als Symbol der Präsenz des Buddha bzw. der Buddhaschaft bald zum Gegenstand ritueller Verehrung entwickelte. Im Mahayana-Buddhismus entfaltete sich dies in mannigfaltigen architektonischen Formen und reicher Symbolik. So bezieht sich eine Dreigliederung häufig auf die „Drei Juwelen“ (Buddha, Dharma, Sangha), ebenso können die fünf Elemente oder der achtfache Pfad eine formgebende Rolle spielen. Die Errichtung wie die Verehrung eines solchen Reliquiendenkmals (durch Rechtsumwandlung) gilt als verdienstvoll.

Es hatte im Vorfeld viele positive Stimmen gegeben, die sich für den Bau eines Stupa aussprachen. Die Kommune hatte sich hinter das Projekt gestellt, aus der katholischen Kirche waren zwar auch Bedenken zu hören, man rief jedoch zur Toleranz auf. Auch die Grundstücksfrage war geklärt. Angesichts dessen, dass der Buddhismus, gerade auch der tibetische Buddhismus, im Allgemeinen ein sehr positives Image genießt, überraschte doch die Vehemenz und Durchschlagskraft der Kampagne von Rechtspopulisten, der Piusbruderschaft und weiteren christlichen Splittergruppen, die innerhalb kurzer Zeit eine zunehmend polarisierte Debatte und dann die Ablehnung des Bauvorhabens („Götzentempel“) provozierte.

Es zeigt sich, dass mangelnde Kenntnis der anderen Religion und Überfremdungsängste in der Spannung zwischen freier Religionsausübung und der Sorge um die „Bewahrung eigener Werte“ nicht nur gegenüber Muslimen, sondern auch gegenüber Buddhisten zu aggressiven Abgrenzungsreaktionen führen können, die höchster gesellschaftlicher Aufmerksamkeit bedürfen.

Friedmann Eißler  

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