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Materialdienst 12/2013
Irene Klissenbauer

Die Gülen-Bewegung in Österreich

Der türkische Lehrer und Prediger Fethullah Gülen, 2013 vom TIME Magazine zu einem der hundert einflussreichsten Menschen weltweit gewählt, gilt als einer der faszinierendsten, aber auch umstrittensten zeitgenössischen religiösen Führer. Der Grund dafür liegt unter anderem in den weltweiten Erfolgen der von ihm inspirierten Bewegung im Bildungs- und Dialogbereich.

Die Mitglieder der sogenannten Gülen-Bewegung, die eine einheitliche Verwaltung ihrer Gemeinschaft und somit die Struktur der Bewegung als Organisation verneinen, verstehen sich selbst als hizmet-Bewegung. Hizmet, wörtlich „der Dienst am anderen“, bezeichnet religiöses Engagement, wobei dessen Verständnis so weit gefasst ist, dass letztlich hizmet für jeglichen Dienst am anderen steht, sofern er aus religiöser Motivation vollzogen wird.1 Zahlreiche von Gülen inspirierte Personen folgen dem Aufruf zum Dienst am Nächsten, wobei viele die Arbeit der Gülen-Bewegung ehrenamtlich, aber auch durch Spenden unterstützen. Die dahinterstehende Idee ist, dass jeder und jede sich einbringen kann, die eine Person mit zeitlichen, die andere mit materiellen Ressourcen. Die Partizipation der Mitglieder gilt als Grundprinzip und kommt vor allem in vielen Eigeninitiativen zum Ausdruck. Dadurch konnte die Gülen-Bewegung in den letzten Jahren weltweit zahlreiche Organisationen in unterschiedlichen Bereichen, insbesondere der Bildung, der Wirtschaft und den Medien schaffen und so ihren Einflussbereich auch auf globaler Ebene ausbauen.

Ein Teil des Erfolgsgeheimnisses dürfte dabei unter anderem in der „dezentralen Netzwerkstruktur“ (Agai) der Bewegung liegen, die einen unbürokratischen Ablauf mit gleichzeitig starker Vernetzung ermöglicht. So konnten auch in Österreich durch anfängliche Unterstützung aus der Türkei, insbesondere aber durch die Arbeit vor Ort in den letzten Jahren zahlreiche Organisationen und Initiativen aufgebaut werden. Trotz dieser großen Anzahl an unterschiedlichen Aktivitäten wird die Gülen-Bewegung in Österreich bisher von einer breiteren Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Bildung und das Wissen um die eigene Kultur: das Phönix-Institut

Das Phönix-Institut für Kultur, Bildung und Sport wurde 1998 von türkischen und österreichischen Eltern mithilfe von Studenten aus der Türkei ins Leben gerufen. Ziel war es, eigenen Angaben zufolge, eine Institution zu schaffen, die vor allem Migranten und Migrantinnen „Bildung und das richtige Wissen um die eigene Kultur“ vermittelt.Vonseiten der Bewegung wird die Inspiration der Gründer des Instituts durch die Lehre Gülens betont und darauf verwiesen, dass diese etwa darin zum Ausdruck komme, dass Gülens Überzeugung folgend versucht wurde, schulische und persönliche Bildung zu fördern, um so zeitgenössische ebenso wie zukünftige Herausforderungen wahrnehmen zu können. Die Initiatoren des Phönix-Instituts machten es sich daher zur Aufgabe, wissenschaftliches, soziales, kulturelles ebenso wie ökonomisches Wissen durch Nachhilfeangebote an Schülerinnen und Schüler und durch Erwachsenenbildung an deren Eltern zu vermitteln.

Durch zahlreiche Aktivitäten im erzieherischen ebenso wie im kulturellen Bereich konnte die zunächst im 10. Wiener Gemeindebezirk errichtete gemeinnützige Bildungsinitiative ihre Tätigkeit über Wien hinaus auf ganz Österreich ausweiten. Wenn auch der Frage nach der heutigen Inspiration des Instituts durch Gülen zum Teil mit Zurückhaltung begegnet wird, lässt sich der unveränderte Ansatz der Arbeit des Instituts, der auf umfassende Bildung und Partizipation setzt, doch deutlich erkennen. Neben Fortbildungs- und Nachhilfeunterricht werden sportliche Veranstaltungen, Reisen und Exkursionen angeboten. Darüber hinaus werden in regelmäßigen Abständen Diskussionsrunden mit Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland sowie Ausstellungen und Gesprächsrunden organisiert.

Das Phönix-Institut verfügt mittlerweile über mehrere Filialen in Österreich, etwa in Wien, Wiener Neustadt und Linz, wobei für die Vermittlung der Kultur eigene Zentren, das Kulturzentrum für interkulturelle Aktivitäten (Anadolu Kültür Merkezi) in Wien und das Yunus Emre Kulturzentrum in Innsbruck, errichtet wurden. Eine breitere Öffentlichkeit versucht man dabei auch durch Sprach- und Kulturwettbewerbe ebenso wie durch Feste der Interkulturalität und Vielfalt zu erreichen. Als besondere Höhepunkte führt das Wiener Phönix-Institut des 10. Bezirks die Wissenschaftsfeste von 2006 und 2007 an und die Elternschule, in der insbesondere Themen zur interkulturellen Elternerziehung behandelt werden.

„Baut Schulen statt Moscheen!“

Aus den ab 1998 eröffneten Beratungseinrichtungen und Nachhilfe-Instituten wurden in den letzten Jahren unterschiedliche Angebote im Bildungsbereich für alle Altersstufen entwickelt. Zahlreiche private Kinderbetreuungseinrichtungen und die über den Kinderbetreuungsverein „Märchengarten“ organisierten Kindergärten sind hierbei ebenso als Beispiele zu nennen wie etwa unterschiedliche Schulstufen in Wien.

Als bisher größter Erfolg im Bildungsbereich wird von Mitgliedern das im Herbst 2007 in Wien eröffnete Phönix-Realgymnasium als nicht-konfessionelle Privatschule angeführt. Diese geht auf Bemühungen des Phönix-Instituts im Bereich der Bildung zurück und startete als Projekt, so die Angaben des Instituts, vor allem auch auf Wunsch der Eltern und Schüler, die die bisherigen Angebote des Phönix-Instituts genutzt hatten.2Neben den üblichen Schulaktivitäten bietet man im Phönix-Realgymnasium individuelle Lerncoaching-Programme an, die eigenen Angaben zufolge nicht nur die schulische Leistung verbessern, sondern darüber hinaus zu einem stabilen und sicheren Umfeld der Kinder beitragen sollen. Wie bei allen von Gülens Lehre inspirierten Aktivitäten wird auch hier auf Partizipation gesetzt, sodass es neben den Angeboten für die Schüler auch zahlreiche Aktivitäten für Eltern gibt, die auf eine enge Kooperation mit der Schule zielen. Dabei wird eine gesamtgesellschaftliche Perspektive mit in den Blick genommen, die sich etwa in dem Versuch zeigt, aktiv an der Gestaltung des zwischenmenschlichen Zusammenlebens mitzuwirken. Als ein Beispiel dafür kann auf die 2013 gemeinsam mit dem Phönix-Institut organisierte und durchgeführte nationale Sprach- und Kulturolympiade hingewiesen werden.3

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Anmerkungen

1 Bekim Agai, Zwischen Netzwerk und Diskurs. Das Bildungsnetzwerk um Fethullah Gülen (geb. 1938): Die flexible Umsetzung modernen islamischen Gedankenguts, Hamburg-Schenefeld 2008, 136. 
2 Vgl. www.youtube.com/watch?v=-wgD-vDwur8 (die in diesem Beitrag genannten Internetadressen wurden zuletzt am 22.10.2013 abgerufen).
3 Vgl. www.sprachundkultur.at. 

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