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Materialdienst 12/2013
Armin Pfahl-Traughber

Strukturmerkmale extremistischer Ideologien

Im Folgenden geht es nicht pauschal um die negative Etikettierung nonkonformer Einstellungen und Verhaltensweisen, die in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade legitim sind. Im Zentrum der Erörterung stehen lediglich die Auffassungen, deren Umsetzung zur Aufhebung eines solchen Modells von Sozialordnung führen würde. In Anlehnung an eine Formulierung Karl R. Poppers gelten deren Anhänger hier als „Feinde einer offenen Gesellschaft“.1 Die nun beabsichtigte Präsentation eines Kriterienkataloges für solche politischen Denkstrukturen gliedert sich wie folgt: Zunächst geht es um eine abstraktere Definition des jeweiligen Merkmals, danach soll dies anhand von Bespielen aus dem Bereich des linken, rechten und religiösen Extremismus erläutert werden.2 Hierbei finden sich sowohl exemplarische Fälle aus der Geschichte wie aus der Gegenwart des politischen Extremismus.

Exklusiver Erkenntnisanspruch

Als erstes Kriterium extremistischer Ideologien soll hier der exklusive Erkenntnisanspruch behandelt werden. Es geht dabei um den Glauben an ein „höheres Wissen“, das nur ausgewählte Individuen besitzen könnten und das den anderen Menschen eher unzugänglich sei. Daraus lässt sich für die politische Sphäre über die Rechtfertigung eines Herrschaftsanspruchs auch eine soziale Sonderstellung legitimieren.3 Im Fokus steht hierbei die Inanspruchnahme eines Interpretationsmonopols, das lediglich einer bestimmten Elite oder charismatischen Führerfigur zubilligt, bestimmte Aussagen der entsprechenden Ideologie zu deuten, und deren übrigen Anhängern nur den gläubigen Gehorsam zugesteht.4 Der Anspruch, über ein besonderes Wissen zur gesellschaftlichen Entwicklung zu verfügen, geht dabei mit dem Anspruch auf deren Gestaltung in eben diese eine Richtung einher. Er rechtfertigt darüber hinaus die alleinige Entscheidungskompetenz der exklusiven Inhaber dieses Deutungsanspruchs.

Als ein Beispiel für diese Auffassung im linken Extremismus gelten kann das Parteimodell Lenins, das nahezu allen kommunistischen Parteien im 20. Jahrhundert eigen war. Der russische Revolutionär ging seinerzeit von folgenden Überlegungen aus: Die Arbeiter seien nicht in der Lage, eigenständig ein sozialistisches Bewusstsein zu entwickeln. Daher müsse dieses ihnen von außen, hier durch die Elite einer revolutionären Kaderpartei, nähergebracht werden. Die damit angesprochenen Berufsrevolutionäre würden durch ihre Kenntnisse des Marxismus die tatsächlichen Interessen der Arbeiter besser kennen als sie selbst. Die Führung der Bolschewiki beanspruchte damals, wie später die kommunistischen Parteien, im alleinigen Besitz des Wissens über die eigentlichen Interessen und Ziele des Proletariats oder des Volkes zu sein. Bereits früh warnten seinerzeit sozialistische Kritiker Lenins, ein derartig elitäres Selbstverständnis würde nicht zu einer Diktatur des Proletariats, sondern zu einer Diktatur über das Proletariat führen.5

Als exemplarisch für den exklusiven Erkenntnisanspruch im rechten Extremismus gelten kann die Auffassung der intellektuellen französischen Neuen Rechten, nur ihre politischen Auffassungen stützten sich auf eine naturwissenschaftliche Grundlage. Mit Verweisen auf die Ergebnisse der Vererbungs- und Verhaltensforschung deutete man die Biologie als Leitwissenschaft. In diesen Bereichen gewonnene Erkenntnisse sollten auch auf die Gestaltung des sozialen Lebens übertragen werden. Man geht von einem genetisch verankerten Raumzwang aus, deutet den Nationalismus als Ausdruck sozialer Territorialität oder sieht in gesellschaftlichen Hierarchien eine Vorgabe der Natur. Dabei handelt es sich jeweils um naturalistische Fehlschlüsse, wird doch aus dem angeblichen Sein in der Natur auf das angestrebte Sollen in der Gesellschaft geschlossen. Entscheidend für den hier zu erörternden Kontext ist allerdings die Annahme, nur die eigenen Politikvorstellungen basierten auf den Vorgaben der Natur.6

Als Beispiel für den exklusiven Erkenntnisanspruch im religiösen Extremismus kann das Avantgarde-Verständnis des bedeutenden islamistischen Ideologen Sayyed Qutb gelten: Er beschrieb die Gesellschaften der islamischen und westlichen Welt als von Unwissenheit und Verderbnis geprägt. Ähnlich wie die Gefährten des Propheten Mohammed müssten heute wahrhaft Gläubige die Welt von diesem Zustand befreien. Auf diesem Weg voranschreiten sollte eine ausgewählte Gruppe von Muslimen, die Gottes Vorstellungen in die Tat umzusetzen hätte. Zunächst müssten deren Angehörige aber von der abgelehnten Mehrheitsgesellschaft isoliert den Islam für sich verwirklichen. In dieser Phase offenbare sich Gott den wenigen, die danach die wahre Religion verinnerlicht hätten und fortan für die Bildung einer islamischen Gemeinschaft kämpfen würden. Auch Qutb sprach demnach von einer Elite, die zunächst allein die göttlichen Gebote annehmen und mit ihnen für eine Befreiung der ganzen Gesellschaft im islamischen Sinne eintreten würden.7

Dogmatischer Absolutheitsanspruch

Als zweites Merkmal extremistischen Denkens kann der dogmatische Absolutheitsanspruch gelten. Diese Einstellung manifestiert sich in Behauptungen von Aktivisten und Ideologen, bestimmte Einsichten oder Prinzipien ihrer Auffassung seien absolut wahr, allgemein gültig und nicht bezweifelbar. Sie wähnen sich im Besitz des einzig richtigen und universal anwendbaren Instruments zur Weltorientierung, ohne Abweichungen und Varianten zu dulden oder zu kennen.8

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Anmerkungen

1 Vgl. Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. I: Der Zauber Platons, Bd. II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen, München 1980.
2 Um den Umfang der Erörterung einzuschränken, werden jeweils nur ein Beispiel und ein Literaturhinweis genannt.
3 Vgl. Ernst Topitsch, Grundformen antidemokratischen Denkens, in: ders., Mythos, Philosophie, Politik. Zur Naturgeschichte der Illusion, Freiburg i. Br. 1969, 142-169, hier 152f.
4 Vgl. Kurt Salamun, Ist mit dem Verfall der Großideologien auch die Ideologiekritik zu Ende?, in: ders. (Hg.), Ideologien und Ideologiekritik. Ideologietheoretische Reflexionen, Darmstadt 1992, 31-49, hier 46.
5 Vgl. Leszek Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung – Entwicklung – Zerfall, Bd. II, München/Zürich 1977, 431-445.
6 Vgl. Patrick Moreau, Die neue Religion der Rasse. Der Biologismus und die kollektive Ethik der Neuen Rechten in Frankreich und Deutschland, in: Iring Fetscher (Hg.) Neokonservative und „Neue Rechte“. Der Angriff gegen Sozialstaat und liberale Demokratie in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und der Bundesrepublik, München 1983, 117-162.
7 Vgl. Sayyed Qutb, Milestones, Kairo 1964, 12, 38, 47 und 76.
8 Vgl. Kurt Salamun, Konfliktverschärfende Tendenzen von Ideologien, in: ders., Ideologie und Aufklärung. Weltanschauungstheorie und Politik, Köln/Graz 1988, 54-66, hier 58. 

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