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Materialdienst 11/2013
Apostolische Bewegungen

Sechste Jahrestagung des "Netzwerks Apostolische Geschichte"

Vom 26.-28.9.2013 fand in Brockhagen (Westfalen) die Jahrestagung des Netzwerks Apostolische Geschichte statt.

„History will be kind to me for I intend to write it“ soll Winston Churchill gesagt haben, und er setzte dies dann auch erfolgreich (Literaturnobelpreis) in die Tat um. Geschichtsschreibung ist Machtausübung. Darum ist auch die Geschichtswissenschaft als Quellenanalyse der Machtfrage um die Deutungshoheit von Vergangenheit und Gegenwart unterworfen.

Welchen Sprengstoff das enthalten kann, wurde für die Neuapostolische Kirche (NAK) deutlich, als sie am 4. Dezember 2007 der Öffentlichkeit ein Papier vorstellte, das die Ereignisse rund um die sogenannte „Botschaft“ des Stammapostels Johann Gottfried Bischoff in den 1950er Jahren aufarbeitete. Damals war durch Ausschlüsse Einzelner und Abspaltungen ganzer Gemeinden im Rheinland die heute noch bestehende „Apostolische Gemeinde“ (heute Teil der „Vereinigung Apostolischer Gemeinschaften“, VAG) unter Peter Kuhlen entstanden. Die einseitige Deutung der Ereignisse durch die verantwortliche „Arbeitsgruppe Geschichte“ unter NAK-Apostel Walter Drave führte zu einem Sturm der Kritik inner- und außerhalb der NAK sowie zum Abbruch der vorsichtigen Annäherungsgespräche zwischen NAK und VAG.

Vor diesem Hintergrund ist das Netzwerk Apostolische Geschichte (www.apostolische-geschichte.de) als bedeutsam einzuschätzen. Denn im Gegensatz zu der damaligen interessegeleiteten NAK-Geschichtsschreibung „von oben“ handelt es sich um einen freien Verein, eine Laieninitiative von Geschichtsinteressierten, die unabhängig von Kirchenhierarchien an der Erforschung der apostolischen Geschichte arbeitet.

Das Netzwerk ist international (Deutschland, Schweiz, Niederlande) und konfessionsübergreifend (NAK, VAG, reformierte Kirche, katholisch-apostolische Gemeinden). Das ist bemerkenswert, denn die genannten apostolischen Gruppen stehen in mehr oder weniger spannungsgeladenem Verhältnis zueinander, was den Beteiligten auch bewusst ist. Trotz des guten persönlichen Miteinanders will das Netzwerk aber nicht primär als Beitrag zur interkonfessionellen Versöhnung wirken. Auch als Bündnis zur historiografischen Unterstützung der Reformkräfte in der NAK oder gar zur Argumentationshilfe für die Aussteigergruppen wäre es missverstanden. Ziel und Anspruch des Netzwerks sind die Sammlung und historisch-kritische Erforschung von Quellen aus allen Phasen und Zweigen der apostolischen Geschichte. Diese setzte am 14. Juli 1835 mit der „Aussonderung“ der ersten Apostel in England ein. Wer mit der traditionellen neuapostolischen Geschichtsschreibung vertraut ist, bemerkt sogleich den Kontrast: Soweit Geschichte im Kontext der radikalen Naherwartung überhaupt von Interesse war – und das ist bis heute in weiten Teilen der NAK nicht der Fall –, wurde zumeist im konfessorischen Duktus und in apologetischer Absicht gearbeitet. Im Netzwerk hingegen leistet man klassische historische Quellenforschung und schreckt dabei auch vor brisanten Themen und Forschungsergebnissen nicht zurück (Bischoffs Botschaft, Entschlafenenwesen).

Schon am Rande der Erarbeitung des NAK-Katechismus hatte sich gezeigt, dass eine Einordnung der eigenen Geschichte zur Relativierung, Neuformulierung oder grundsätzlichen Änderung bestimmter Lehren führen kann, weil man beispielsweise herausfindet, dass Praktiken, Interpretationen und Lehren, die man für ur-neuapostolisch hielt, in Wirklichkeit auf die relativ späte Zeit des Stammapostels Bischoff zurückgehen, während die ursprüngliche katholisch-apostolische Bewegung noch ganz anders, oft ökumenischer dachte. Geschichtsforschung eröffnet so den Raum für Reformen und radikales Umdenken im wörtlichen Sinne des Rückbesinnens auf die Wurzel (radix).

Seit 2007 begann man mit dem Aufbau eines Archivs, das derzeit über 5000 Originaldokumente aus verschiedensten Zweigen der apostolischen Bewegung, nicht nur der NAK, sondern auch der zahlreichen Abspaltungen, umfasst und das unentgeltlich genutzt werden kann (www.archiv-brockhagen.de). Dieses Archiv ist seit 2012 in Brockhagen auf historischem Boden, nämlich in Ostwestfalen nahe des Bauernhofs des zweiten Stammapostels Hermann Niehaus (1848 – 1932) in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Das Gebäude wurde dem Netzwerk von der NAK zur Verfügung gestellt. Offenbar hat nach dem Desaster mit der offiziellen „Arbeitsgruppe Geschichte“ 2007 auch die NAK-Kirchenleitung erkannt, dass es keine Alternative zur unabhängigen Forschung gibt und sich diese ohnehin nicht unterbinden lässt. Heute gibt es sogar eine gewisse Zusammenarbeit des Netzwerks mit Mitgliedern der offiziellen Arbeitsgruppe Geschichte. Man hilft sich gegenseitig beim Zugang zu Dokumenten und tauscht sich über Forschungsergebnisse aus.

2011 kam es zur ersten offiziellen Begegnung anlässlich der Jahrestagung. Die damalige Podiumsdiskussion kann auf YouTube angesehen werden; bei den Debatten abseits der Kamera ging es noch kontroverser zu, wie damalige Tagungsteilnehmer berichten. Ein Mitglied der offiziellen Arbeitsgruppe, einer der wenigen studierten Historiker im Netzwerk, gehört heute sogar zu dessen aktivsten Mitarbeitern. Kurzum, das Verhältnis zwischen Kirchenleitung und der jungen Garde der Historisch-Kritischen hat sich offenbar entspannt. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht irgendwann auf Kosten der Unabhängigkeit geht. Aber dafür dürften im Zweifelsfall neben der akademischen Integrität der Beteiligten schon die nicht-neuapostolischen Mitstreiter im Netzwerk sorgen.

Seit 2008 führt das Netzwerk an wechselnden Orten jährliche Treffen durch, dieses Jahr im Archivgebäude in Brockhagen. Etwa 50 Teilnehmer versammelten sich zum Thema „150 Jahre Hamburger Schisma – Die Allgemeine christlich-apostolische Mission und ihre Tochtergemeinschaften“. Das ist zwar ein nicht ganz so brisantes Thema wie die Ereignisse um Stammapostel Bischoffs „Botschaft“ vom Kommen Christi noch vor seinem Tod, die auch schon einmal Schwerpunktthema der Jahrestagung waren, klingt aber spezieller, als es ist. Das „Hamburger Schisma“ bezeichnet die Spaltung der ursprünglichen katholisch-apostolischen Bewegung unter Führung des „Propheten“ Heinrich Geyer (1818 – 1896), bei der sich unter anderem die Hamburger Gemeinde von den britischen Aposteln trennte und die „Allgemeine christlich-apostolische Mission“ (AcaM) gründete, aus der später die heutige NAK hervorging. Weil die NAK in diesem Ereignis ihre Entstehung verortet, feiert sie 2013 ihr 150-jähriges Bestehen.

Die Vorträge behandelten die Geschichte der AcaM (Mathias Eberle), die Liturgieentwicklung in den 1850er bis 1860er Jahren (Andreas Ostheimer), die ökumenische Kommunität des Schweizerischen Diakonievereins und seine apostolischen Wurzeln und Bezüge (Marco Würgler) und „Heinrich Geyer und die Entstehung der Neuapostolischen Kirche“ (Dietmar Pohl). Inhaltlich wurden dabei keine heiligen Kühe geschlachtet, allerdings entstand ein durchaus ambivalentes Bild jenes „Propheten Geyer“, der immer wieder Spaltungen der von ihm geführten oder gegründeten Gemeinschaften provozierte. Heldengeschichte eines NAK-Gründervaters wurde hier jedenfalls nicht geschrieben. Bei den Diskussionen wurde wiederholt deutlich, dass es innerhalb des Netzwerks durchaus unterschiedliche Einschätzungen gibt, die teilweise auch entlang der konfessionellen Linien verlaufen. Am wichtigsten aber scheint für die Teilnehmer der Austausch über Quellenmaterial zu sein, das sich häufig noch verstreut in Privatbesitz befindet.

Interessant war die Vorstellung eines Videos, das bei einem NAK-Jugendprojekt entstanden war. Jugendliche hatten ältere Gemeindeglieder befragt, wie sie die Zeit nach der Botschaft Bischoffs und dessen Tod zehn Jahre später erlebt hatten. Da sich auch im Netzwerk eine Handvoll Zeitzeugen befindet, führte dies zu einem lebhaften Plenumsgespräch. Sogar NAK-Mitglieder um die 30 berichteten von der alltäglichen Naherwartungsstimmung und ihren Auswirkungen. Kam man zum Beispiel von der Schule heim und es war zufällig niemand zu Hause, schoss einem sofort durch den Kopf: Der Herr ist wiedergekommen und ich war bei der Entrückung nicht dabei.

Neben den Jahrestagungen widmet sich das Netzwerk auch in anderer Weise der Verbreitung des gewonnenen Wissens. Dazu gehören Vorträge in apostolischen Kirchengemeinden (nicht nur der NAK), in denen die eigenen Forschungsergebnisse vorgestellt werden (z. B. zur Entstehung des Entschlafenenwesens bis hin zu Kirchenspaltungen in den 1980er Jahren), und die Publikation der im Archiv befindlichen Quellen im Internet (www.apostolische-dokumente.de). Diese Sammlung deckt schon jetzt weite Teile der Lehre und Geschichte der frühen katholisch-apostolischen Gemeinden ab. Sie umfasst derzeit etwa 2200 Schriften mit 50 000 Seiten und wächst ständig. Für Weltanschauungsbeauftragte interessant ist auch das apostolische Online-Lexikon APWiki (www.apwiki.de), in dem man viele Informationen zu Struktur und Geschichte der apostolischen Bewegung findet.

Kai Funkschmidt

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