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Materialdienst 11/2013
Andreas Goetze

Antisemitismus und Nahostkonflikt

Ein Versuch, Begriffe zu klären

Im Mai 2013 hat Andreas Goetze, Landespfarrer für interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), in der Berliner Urania einen Vortrag zum Thema „‚Das wird man doch noch mal sagen dürfen!‘ Antisemitismus und Nahostkonflikt – Ein Versuch, Begriffe zu klären“ gehalten. Die teilweise heftigen Reaktionen darauf haben gezeigt, dass die Klärungsprozesse, wie die Grenzen zwischen Kritik am Staat Israel und Antisemitismus zu ziehen sind und wie etwa „Philosemitismus“ und „christlicher Zionismus“ einzuordnen und zu bewerten sind, andauern. Wir dokumentieren das Thesenpapier, das als Grundlage des Vortrags diente.


Vielfach werden die folgenden Begriffe im jüdisch-christlich-muslimischen Dialog verwendet, wobei nicht immer deutlich ist, was im Einzelnen gemeint ist. Auf diese Weise entstehen Missverständnisse und Unschärfen, wenn über das Verhältnis zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Antijudaismus gesprochen wird.

Im europäischen Kontext

Antijudaismus: religiös-heilsgeschichtliche Judenfeindschaft

Antijudaismus als eine grundsätzlich ablehnende Gesinnung und Haltung gegenüber den Juden als Juden ist um Jahrhunderte älter als das Christentum. Der christliche Antijudaismus hat seine Wurzeln im Neuen Testament. Als Folge der wechselseitigen Ablehnung von junger Kirche und Synagoge kam es zu zwei konkurrierenden Schriftinterpretationen: Die christologische Auslegung der hebräischen Bibel (unseres Alten Testaments) zog eine antijüdische Auslegung nach sich (Legitimationszwang: Kirche als „neues Israel“; Entlastung der Römer auf Kosten der Juden beim Prozess gegen Jesus, Juden als Gottesmörder, jüdischer Gott als Rachegott, Juden als „Heilsverhinderer“, Zerstörung Jerusalems und die Zerstreuung der Juden als Zeichen des Gerichts Gottes für die Ablehnung von Jesus als Messias u. a.).

Antisemitismus: biologistisch-rassistisch begründeter Judenhass

Der Kampf der (germanischen) „Herren-Rasse“ um die Weltherrschaft, gegen das „internationale Weltjudentum“, hatte zwei Ziele: Lebensraumeroberung (hier gründet der Weltkrieg) und Judenvernichtung (gegen die „jüdische Weltverschwörung“ – hier gründet der Holocaust). Mit dem europäischen Nationalismus wuchs ein Antisemitismus heran, der ganz im Sinne des sozialdarwinistischen Zeitgeistes (Selektionsprinzip: das „Überleben des Tüchtigsten“) rassistisch-biologistisch begründet war und nicht mehr biblisch-religiös (wobei er dessen Motive aufnehmen konnte). Die über Jahrhunderte gezeichneten Zerrbilder hatten sich verselbstständigt: Juden waren zu einer „Metapher des Bösen“ geworden, die nicht einmal mehr einer realen Erscheinung bedarf, um Wirkung zu haben. Neben der religiös motivierten Judenfeindschaft kamen im Mittelalter und in der Neuzeit noch wirtschaftlich motivierte Feindbilder hinzu: die Juden als „Wucherer und Ausbeuter“, die die anderen Menschen finanziell durch hohe Zinsen unterdrücken und die Kontrolle über den Geldmarkt haben. Der Antisemitismus hat bis heute eine starke psychosoziale Funktion: Eine Bevölkerung, konfrontiert mit Schwierigkeiten mannigfacher Art, bedarf nach wie vor des „Sündenbocks“, um sich abzureagieren, sodass sich aufgestaute Neid-, Hass- und Frustrationsgefühle entladen können als Beitrag zur Legitimierung und Absicherung des eigenen Selbstverständnisses. Eine besondere Form in Deutschland ist ein „sekundärer Antisemitismus“ bzw. ein „Antisemitismus wegen Auschwitz“ (Erinnerungs- und Entlastungsfunktion: Schlussstrich-Debatte; Israelkritik anhand von Vergleichen mit der NS-Zeit).

Philosemitismus:1 unkritische projüdisch-israelische Haltung

1880 benutzt der konservative Historiker Heinrich von Treitschke, ein bekennender Judenfeind („Die Juden sind unser Unglück“), den Begriff „Philosemitismus“ zum ersten Mal in einem Aufsatz – als Kampfbegriff, um die Linksliberalen als Judenfreunde zu brandmarken.

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Anmerkung

1 Wolfram Kinzig, Philosemitismus, Teil 1: Zur Geschichte des Begriffs, Teil 2: Zur historiographischen Verwendung des Begriffs, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 105 (1994), 202-228, 361-383. 

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