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Materialdienst 11/2013

Antijudaismus im Neuen Testament?

Wie gehen wir sachgemäß damit um?

Die Frage „Antijudaismus im Neuen Testament?“ trifft ins Herz christlicher Theologie. Es war ein langer Weg, den heutigen Stand der Diskussion zu erreichen. Ein christlicher Theologe, der sich schon relativ früh mit diesem Thema beschäftigt hat, Gregory Baum, schreibt: „Der anti-jüdische Zug ist tiefer im Christentum verwurzelt, als man zunächst meinte ... Es ist nämlich schwer, die Verkündigung des Evangeliums von der Negierung des jüdischen Volkes zu trennen. Denn wenn wir Jesus als Messias verkündigen, in dem alle göttlichen Verheißungen in Erfüllung gegangen sind, dann lassen wir keinen geistigen Raum für eine Religion, die es nicht glaubwürdig findet, in einer haßerfüllten und gewalttätigen Welt von der Gegenwart des Messias zu sprechen und die noch weiter auf das messianische Zeitalter wartet. Es ist daher nicht leicht, Jesus Christus zu verkündigen, ohne daß dies zugleich die Negierung der Juden beinhaltet. Als Kirche verstehen wir uns als das auserwählte Volk, welches das jüdische Volk abgelöst hat, denn durch seine Untreue habe sich dieses Volk außerhalb des göttlichen Bundes gestellt. So heißt es ja schon im Matthäusevangelium. Darf man sich wundern, dass diese geistige Negierung der jüdischen Existenz sich in eine rechtliche und politische Negierung umsetzte, sobald die Kirche zum siegreichen Kulturkreis der antiken Welt gehörte?“1Was Gregory Baum hier anspricht, lautet in anderen Worten: Der antijüdische Zug im Christentum ist so alt wie das Christentum selbst. Er ist begründet in dem Verständnis Jesu als Messias und in der christlichen Position, das Judentum als erwähltes Volk abgelöst zu haben.

Bevor wir dieser Frage anhand von neutestamentlichen Texten näher nachgehen, muss noch eine Bemerkung zur Terminologie erfolgen: Antijudaismus ist nicht einfach gleichzusetzen mit Antisemitismus. Der Begriff Antijudaismus wird in der Regel so gebraucht, dass darunter eine im Wesentlichen religiös begründete Haltung zu verstehen ist, die sich gegen das Volk Israel richtet und ihm abspricht, das von Gott erwählte Volk zu sein. Ob dies auch für das Neue Testament gilt oder ob es sich hier noch um eine innerjüdische Polemik handelt, ist die entscheidende Frage. Der Begriff Antisemitismus ist sachlich gesehen eigentlich ein Unding; er ist erstmals belegt bei dem Rassisten Wilhelm Marr 1879. Dabei hat „semitisch“ überhaupt nichts mit Rasse zu tun. „Semitisch“ ist die Bezeichnung einer Sprachfamilie wie z. B. „indogermanisch“. Zur semitischen Sprachfamilie gehören auch das Arabische und das Chaldäische. Das Wort hat sich dennoch eingebürgert und meint eine feindselige Einstellung gegen das Judentum bzw. das Volk Israel. Es umfasst religiöse, politische, wirtschaftliche, soziokulturelle, biologisch-rassistische und pseudoreligiöse Elemente.In der jüngeren Antisemitismusforschung wird die Frage diskutiert, inwiefern der moderne Antisemitismus mit dem christlichen Antijudaismus zusammenhängt. Gewiss ist der moderne Antisemitismus nicht ein notwendiges Ergebnis des christlichen Antijudaismus. Gleichwohl gibt es ein unleugbares Fortwirken christlich-antijüdischer Denkstrukturen im eliminatorischen Antisemitismus des 19./20. Jahrhunderts. Wird die Unterscheidung Antijudaismus – Antisemitismus getroffen, um damit die Schuldgeschichte von Theologie und Kirche zu minimieren, ist sie abzulehnen, denn es gibt einen eindeutigen Zusammenhang. Darüber hinaus begegnen antijüdische biologistische und rassistische Elemente bereits im Mittelalter. Man kann dies mit „Proto-Antisemitismus“ oder „Frührassismus“ bezeichnen.2

Antiker Antijudaismus

Judenfeindschaft ist keine christliche Erfindung; es gab sie schon vor der Entstehung des Christentums und auch außerhalb des christlichen Bereiches.

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Anmerkungen

1 Gregory Baum, Geleitwort zu: Charlotte Klein, Theologie und Anti-Judaismus. Eine Studie zur deutschen theologischen Literatur der Gegenwart, ACJD 6, München 1975, 8f. Mit dieser Äußerung wendet sich Baum auch gegen seine eigene Position, die er in seinem Buch „Die Juden und das Evangelium. Eine Überprüfung des Neuen Testaments“, Einsiedeln 1963, vertreten hat.
2 Vgl. zur Sache Christian Wiese, „Gottesmörder – Blutsauger – Fremde“. Die politische Dimension des christlichen Antijudaismus von der Frühen Neuzeit bis zur Schoa, in: epd-Dokumentation 10, 2003, 25-40. Zu Martin Luther s. Thomas Kaufmann, Luthers „Judenschriften“. Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung, Tübingen 2011 (Zusammenfassung 128-133).

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