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Eine mit vier Fingern erhobene schwarze Hand auf gelbem Grund ist zum Protest- und Siegeszeichen der islamistischen Opposition in Ägypten geworden. In Windeseile hat sich das Symbol als einfache Geste wie auch in Form des schwarz-gelben Logos verbreitet. International ist es plötzlich tausendfach zu sehen, ob auf Pro-Mursi-Demonstrationen oder in sozialen Netzwerken. 

Es sind nicht zwei Finger wie beim Victory-Siegeszeichen der verhassten Mursi-Gegner auf dem Kairoer Tahrirplatz, sondern vier, die eine schwarze Hand auf gelbem Hintergrund nach oben streckt, teilweise mit der schwarzen Flagge der Salafiten geschmückt, dazu der Schriftzug „R4bia“. Rabia heißt auf Arabisch „die Vierte“ (daher die Schreibweise R4bia) und ist zugleich der Name einer berühmten islamischen Sufi-Heiligen aus dem 8. Jahrhundert. Damit wird auf den Platz vor der Rabia al-Adawiyya-Moschee im Kairoer Stadtteil Nasr-City, der Hauptmoschee der Muslimbrüder, angespielt. Er war nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zum Sammelplatz seiner Anhänger und von Islamisten geworden und wurde am 14. August 2013 von Sicherheitskräften brutal geräumt. Es gab Hunderte Tote. Darüber hinausgehende Deutungen wirken meist weit hergeholt und sind mitunter, z. B. in der Verbindung zu Mursi als viertem Präsidenten Ägyptens, auch sachlich falsch, da Mursi der fünfte Präsident war.

Wenige Tage nach der Zerschlagung des Protestcamps tauchte das R4bia-Symbol in Ägypten, in der Türkei und auch bei uns auf. Wer der Urheber ist, ist unbekannt, ebenso, ob es zuerst in Kairo oder auf türkischen Fußballplätzen zu sehen war. Das Symbol steht für Wut, Trauer und Protest gegenüber den Militärs. Schnell springen andere mit auf, Solidarität wird zum Ausdruck gebracht und Kampfbereitschaft bis zur Selbstaufgabe. Mit der „Hand des Widerstands“ grüßen sich mittlerweile nicht nur Mursi-Anhänger im engeren Sinne, sondern auch allerlei Sympathisanten der Muslimbruderschaft und anderer Islamisten, fromme Mitläufer ebenso wie militante Radikale.

In der Türkei von Fußballstars und Spitzenpolitikern, darunter Ministerpräsident Erdogan selbst, aufgegriffen und propagiert, hat die Aufmerksamkeit auch hierzulande schlagartig zugenommen. Immer weiter werden die Kreise, und immer diffuser das Bild, worum es eigentlich geht. Wie so häufig ist man sich vor allem über die Feindbilder einig. Folgt man der R4bia-Website, gehören dazu neben dem ägyptischen Militär und seinen Unterstützern der gesamte „verkommene“ Westen und obligatorisch Israel, interessanterweise aber auch die „Ölscheichs“. Antiisraelische und antisemitische Parolen („R4BIA ist das Ende der Zionisten“) mischen sich mit Prophezeiungen einer „neuen Welt“ und der Vereinigung aller islamischen Staaten, mehrfach wird das „Märtyrertum“ gepriesen. Stellvertretend für die Programmatik kann folgender Satz herangezogen werden: „Westliche Konzepte wie Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und das Recht auf Leben, bei denen häufig mit zweierlei Maß gemessen wird, sind in Palästina, Syrien, Bosnien und schließlich in Ägypten vollkommen zusammengebrochen. Mit dem Geiste des Rabia-Zeichens werden diese und ähnliche Konzepte auf der Grundlage islamischer Prinzipien neu interpretiert werden“ (www.r4bia.com). In diesen und anderen Phrasen findet sich insgesamt wenig bis nichts Neues, wohl aber Altbekanntes, gelegentlich in überraschender Deutlichkeit: „R4BIA sind die Enkel Hasan al-Bannas.“ Entsprechend ließe sich auch formulieren: R4bia ist althergebrachte Muslimbrüder-Ideologie mit vier Fingern.

Es ist vor diesem Hintergrund nicht unerheblich, wer die zahllosen Demonstrationen in vielen Städten besonders aktiv unterstützt: Ganz vorne dabei sind neben Anhängern der Muslimbrüder die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die aufgrund ihrer antidemokratischen Tendenzen vom Verfassungsschutz beobachtet wird, sowie die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die als Lobby-Organisation der türkischen Regierungspartei AKP gilt. Wer die Internetseite der türkischen Tageszeitung „Milli Gazete“ aufruft, bekommt als erstes zehn Sekunden lang das R4bia-Emblem zu sehen, bevor sich die eigentliche Seite öffnet. Auch die Schura Hamburg, einer der Hauptpartner beim Hamburger „Staatsvertrag“, wirbt für die Kampagne.

Ende August 2013 rief eine „Initiative für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie in Ägypten“ zur Demonstration in Stuttgart für mehr „Frieden und Demokratie“, für Menschenrechte und die Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit in Ägypten auf. Überwiegend schweigend protestierten mehrere hundert Menschen; Kinder und Babys wurden mitgebracht und teilweise mit R4bia-T-Shirts ausgestattet. Die bekundete Solidarität mag im Falle vieler Mitläufer tatsächlich eher den Opfern der Gewalt als den politischen Zielen der Muslimbrüder gelten. Doch darf der teilweise krasse Widerspruch zwischen der Themensetzung nach außen und den internen Diskursen nicht unbeachtet bleiben, wenn eine verzerrte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit vermieden werden soll.

Noch gibt es keine auch nur ansatzweise geschlossene internationale Bewegung. Vielmehr zeigt sich in R4bia die Sehnsucht danach. Eine „weltweite Vernetzung“ von Unterstützern (www.r4biaplatform.com) erscheint angesichts der gegenwärtigen Entwicklung noch als – im wahrsten Sinne – frommer Wunsch. Ob R4bia letztlich eine längere Lebensdauer beschert ist, lässt sich gegenwärtig genauso wenig abschätzen wie die Großwetterlage, von der das abhängt. Inhaltlich und organisatorisch aber hat die Kampagne bislang kaum mehr zu bieten als vier Finger. Damit symbolisiert R4bia über spontane Solidaritätsbekundungen hinaus die alten panislamischen Utopien und Feindbilder, die bis – und gerade – heute viele Muslime „von der Straße“ ansprechen. Eine mögliche Perspektive, die sich daraus ergibt, ist, dass sich bisher befehdende radikale islamistische Kräfte, die sich ohnehin bereits aufgrund der politischen Situation im Nahen Osten in einem Annäherungsprozess befinden, über ein gemeinsames Symbol enger zusammenrücken und effektiver kooperieren. Ansätze dafür sind gegenwärtig in Deutschland zu beobachten.

Tom Bioly und Friedmann Eißler

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