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Materialdienst 10/2013
Gottfried Küenzlen

Die Säkularität des Staates und die Religion

Der Glaube des Kronprinzen1

Am 10. August 1736, am Rande der wöchentlichen Parade des königlich-preußischen Garderegiments in Berlin, kommt es zu einem denkwürdigen Gespräch: Kronprinz Friedrich, der später als „Friedrich der Große“ in die Geschichte eingehen wird, konfrontiert seinen geistigen Mentor, den Grafen von Manteuffel, mit seiner Abkehr vom Glauben an die Unsterblichkeit der Seele. Der Graf ist bestürzt, auch wenn er schon länger von der Neigung seines Schützlings zum Denken der französisch-radikalen Aufklärung wusste, auch davon, dass diesem eine handschriftliche Fassung der in Frankreich noch verbotenen „lettres philosophiques“ Voltaires zugespielt wurde. Warum ist der Graf so bestürzt? Hier geht es weniger um den persönlichen Glauben von Friedrich, auch nicht um eine philosophische oder theologische Bestreitung eines sich von heteronomen Bindungen befreienden aufklärerischen Vernunftdenkens, das den Geist der Zeit, gerade auch in Preußen, schon vielfach prägte. Vielmehr: Es geht um die politische Sicherung des Staates, dessen Regent der Kronprinz einst sein wird. Auf dem Spiel steht die politische Dimension des Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele. Fällt dieser Glaube, so fällt ein fundamentales Sicherungsinstrument monarchischer Herrschaft.

Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele war ein politisch-funktionales Postulat auch einer von aufklärerischem Vernunftdenken geprägten politischen Philosophie, die zeitgenössisch ihre höchste Entfaltung im Werk des „Meisterdenkers“ philosophischer Aufklärung, Christian Wolff, fand. Für Wolff bedurfte der Staat zu seiner Begründung nicht mehr der Herleitung aus einem göttlichen Willen. Er ruhte vielmehr auf einem zwischen Herrscher und Volk geschlossenen, ganz innerweltlichen Vertragsverhältnis. Aber zur Sicherung des öffentlichen Lebens und zur Sicherung der Herrschaft war für Wolff Religion „im gemeinen Wesen ein unverzichtbares Erfordernis, wofern man daselbst Zucht und Gerechtigkeit will befördert wissen“. Also galt: „Herrschaft musste hier zwar nicht mehr religiös begründet werden, bedurfte zu ihrer Durchsetzung aber sehr wohl des christlichen Offenbarungsglaubens.“ Doch nicht nur aufseiten der Beherrschten war die Bindung an den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele ein unaufgebbares politisches Erfordernis – dies galt in zumindest gleicher Dringlichkeit auch für den Herrscher selbst. Denn erst im Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und der darauf gründenden Gottesfurcht „wurde eine Rechenschaftspflicht post mortem auch des absoluten Herrschers denkbar. ‚Und weil die christliche Religion versichert’, so heißt es bei Wolff, ‚dass nach diesem Leben ein anderes Leben ist, da ein Jeder wird Rechenschaft geben müssen, von dem, was er in diesem Leben getan hat, und danach empfangen, was seine Taten wert sind, auch die höchste Obrigkeit davon nicht ausgenommen wird, so erkennt man die Vortrefflichkeit der christlichen Religion und ist sonderlich in diesem Falle dienlich, wenn auch Obrigkeiten ein Eifer und Ernst hierfür beigebracht wird‘.“

Es ist hier nicht zu berichten, wie der geistige „Kampf um Kronprinz Friedrich“ weitergeführt wurde. Auch ist in Umrissen bekannt, dass nicht der christliche Aufklärer Wolff, sondern in mancher Hinsicht der Agnostiker Voltaire den „Sieg“ davongetragen und die geistigen Orientierungen des späteren Königs vielfach bestimmt hat. Aber an dem hier beschriebenen Fall lässt sich exemplarisch festhalten: Es geht nicht um eine bloße Episode, vielmehr bezeichnet der Vorgang eine bedeutsame Stufe in der Entwicklung des Verhältnisses von Religion und Politik und des Weges hin zu einem rein säkularen Staat. Auf dieser Stufe war schon ein Verständnis des Staates, zumindest im Horizont des politischen Denkens, heraufgezogen, nach dem der Staat der Fundamentierung in einem göttlichen Willen nicht mehr bedarf, aber noch waren in „zivilreligiöser“ Dimension die Botschaften positiver Religion und die Rechtgläubigkeit von Herrscher und Beherrschten ein politisch-funktionales Erfordernis. So zeigt das Beispiel, wie „modern“ und nahe uns die geistig-politische Lage vor über 250 Jahren ist – und wie fremd und fern zugleich: Nahe, weil wir nichts anderes mehr kennen als die rationale Selbstbegründung des säkularen Staates, fern, weil uns die Vorstellung, der Glaube an die Wahrheit christlicher Dogmen sichere den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ganz fremd und unverständlich geworden ist. Freilich ließe sich hier schon, bei aller historischer Distanz, die Frage formulieren, die an späterer Stelle eigens aufzugreifen ist: Bedarf gerade auch der säkulare Staat zur Sicherung seiner selbst vorpolitischer Grundierungen und „Glaubenskräfte“?

Sicherung des bürgerlichen Friedens

Säkularität des liberalen Verfassungsstaates heißt: Die Legitimität des Staates ruht nicht auf religiösen (oder weltanschaulichen) Wahrheitsansprüchen, vielmehr kennt der Staat nur eine „Wahrheit“: die Sicherung des bürgerlichen Friedens. Um deswillen ist er da, und um diese Grundaufgabe erfüllen zu können, bedarf er im Wesentlichen dreier Voraussetzungen: des Gewaltmonopols, der Bindung an das positive Recht und – damit verbunden – der prinzipiellen Neutralität (nicht: Indifferenz!) gegenüber religiösen, weltanschaulichen oder politisch-ideologischen Botschaften und Lehren. 

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Anmerkung

1 Der folgende Abschnitt fußt weitgehend auf dem Text von Bronisch, Johannes, Kronprinz Friedrich und die Unsterblichkeit der Seele, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.1.2012, 4. Die Zitate entstammen ausschließlich diesem Text und werden nicht eigens nachgewiesen.


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