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Materialdienst 10/2013
Christian Ruch

"Mö Gü" für den Meister

Annäherung an einen schillernden Begriff

„Hingabe ist erst vollkommen, wenn sie auch Handeln und Wissen geworden ist.“ (Sri Aurobindo) 

In den großen Religionen Asiens kommt dem spirituellen Meister oder Lehrer wie beispielsweise dem Guru im Hinduismus oder dem Lama im Vajrayana, also in der tibetischen Spielart des Buddhismus, eine sehr große Bedeutung zu. Im Folgenden soll diese besondere Beziehung zum Meister anhand eines ebenso schillernden wie spannenden Begriffs aus dem Vajrayana näher beleuchtet werden. Dieser Begriff heißt Mö Gü (mos gus in der Transliteration nach Wylie1) und wird oft mit „Hingabe“ (im Englischen mit „devotion“) übersetzt, wobei in diesem Fall die Hingabe an den Meister bzw. Lama gemeint ist. Der Begriff Mö Gü setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: Mö(-pa) bedeutet gemäß dem in der Schweiz lebenden Tibetischlehrer Lobsang Zatul „Sehnsucht“ oder „Überzeugung“, Gü(-pa) „Hochachtung“ oder „Respekt“. Mö Gü bedeute demzufolge, „dass man jemanden oder etwas respektiert, weil man von seinen (guten) Qualitäten überzeugt ist.“2

Einem breiteren Publikum im Westen dürfte der Begriff durch Sogyal Rinpoches Bestseller „Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ bekannt geworden sein. Rinpoche schreibt: „Wenn es dem Meister gelingt, Ihr Herz im Innersten zu öffnen und Ihnen einen unübersehbaren, machtvollen Einblick in die Natur Ihres Geistes zu gewähren, steigt eine Woge freudiger Dankbarkeit für ihn [den Meister, C.R.] in Ihnen auf, da er Ihnen die Augen für die Wahrheit geöffnet hat, die Sie nun im Meister, seinen Lehren und seinem Weisheitsgeist verkörpert sehen ... Ausschließlich das ist es, was wir auf Tibetisch mö gü – Hingabe nennen. Mö gü bedeutet ‚Sehnsucht und Hochachtung‘: Hochachtung vor dem Meister, die umso tiefer wird, je mehr Sie begreifen, wer er in Wirklichkeit ist, und Sehnsucht nach dem, was er in einem wachrufen kann. Man hat im Meister eine Herzensverbindung mit der absoluten Wahrheit und die Verkörperung der Natur des Geistes gefunden.“3 In einer Belehrung des Kagyü-Lamas Garchen Rinpoche heißt es zum Mö Gü: „When you have so much trust, love and devotion to the lama, you will always remember his/her words ... We have respect, trust and faith in all lamas. Devotion, however, we have towards just a few ... Tears come into your eyes and this is not like the faith/trust in the earlier days but rather there is mind to mind merging.“4

Diese „Geistesverschmelzung“ als letztendliche Konsequenz des Mö Gü beschreibt eine hübsche Geschichte, die Sogyal Rinpoche von einem hohen tibetischen Lama erzählt: „Jikme Gyalwe Nyugu ... hatte schon viele Jahre praktizierend in der Abgeschiedenheit einer Höhle in den Bergen verbracht. Als er eines Tages vor seine Höhle trat, schien die Sonne besonders hell. Er schaute in den Himmel und sah eine Wolke, die in Richtung des Ortes zog, an dem sein Meister Jikme Lingpa lebte. Er dachte: ‚Dort, weit fort, ist mein Meister‘, und mit diesem Gedanken stieg eine so tiefe und erschütternde Sehnsucht und Hingabe in ihm auf, dass er bewusstlos zu Boden sank. Als Jikme Gyalwe Nyugu wieder zu sich kam, hatte sich der Weisheitsgeist seines Meisters vollständig auf ihn übertragen, und er hatte die höchste Stufe der Verwirklichung erlangt.“5

Die große Bedeutung des Begriffs Mö Gü kommt in zahlreichen Texten des tibetischen Buddhismus zum Ausdruck. In dem auch im Westen recht bekannten tibetischen Gebet „Den Lama von ferne herbeirufen“ von Jamgön Kongtrül Lodrö Thaye kommt das Wort mehrmals vor. So heißt es darin etwa „Mö gü nel ma gyü la kye ne“ – „erwecke aufrichtige Hingabe in unserem Geist“ und „La ma ten zhin mö gü rim gyi drib“ – „obwohl wir dem Lama dienen, verdunkelt sich unsere Hingabe immer mehr“ oder auch „Mö gü nying je ting ne ma kye pay“ – „Hingabe und Mitgefühl haben sich nicht in den Tiefen unseres Seins erhoben“.6

Chögyam Trungpa schreibt dazu: „Der Schlüssel zum Herbeirufen von Segnungen ist Hingabe, die durch Traurigkeit und Entsagung erweckt wird. Dies ist nicht ein bloßer Gemeinplatz, sondern wird in der Mitte des Herzens und in der Tiefe der Knochen geboren.“7 Und an anderer Stelle: „Hingabe heißt auch, die groben, schwerfälligen und schockierenden Eigenschaften des Ego einzugestehen und sie ... aufzugeben ... Wir müssen unsere Hoffnungen und Erwartungen ebenso wie unsere Ängste aufgeben und uns ohne Umwege auf Enttäuschung einlassen, damit arbeiten, eins mit ihr werden und sie zu unserem Lebensweg machen.“ Ebenso gelte es, sich von dem Gedanken zu verabschieden, „sehr hochstehende, gebildete und wertvolle Menschen zu sein ... Hingabe hat ... nichts damit zu tun, sich auf einen sanften Fall einrichten zu können, sondern bedeutet vielmehr einen Aufprall auf ganz normalem, hartem Boden, in einer steinigen, wilden Landschaft. Wenn wir uns öffnen, landen wir auf dem, was wirklich ist ... Wir geben uns ... hin, weil wir eine Verbindung herstellen möchten zu der Welt, ‚wie sie ist‘.“8 Man müsse „die Einstellung fallen lassen, dass wir gerettet werden, dass es eine durch Zaubertricks schmerzlose Operation geben wird und dass wir lediglich die Arztrechnung bezahlen müssen ... Es gibt Probleme, wenn ein Lehrer zu nachgiebig gegenüber Schülern ist, die nicht von seiner Rasse oder wie er erzogen sind.“ Hingebungsvoll zu sein bedeute, „wie eine Teetasse zu sein. Wenn wir in eine Tasse Tee eingießen, könnte die Tasse als demütig bezeichnet werden. Die Tasse vermittelt das Gefühl, an dem ihr gemäßen Platz zu sein. Wenn wir Tee in die Tasse gießen, ist die Tasse auf einer niedereren Ebene und die Kanne auf einer höheren ... Genau wie eine demütige Tasse sollte sich der Schüler fruchtbar und gleichzeitig offen fühlen ... Wir sind einfach Schüler, die wissen wollen, die lernen und Unterweisungen erhalten wollen ... Es ereignen sich zwei Annäherungsvorgänge: die Tasse wird von der Teekanne angezogen, und die Teekanne wird genauso von der Tasse angezogen. Es spielt sich eine Liebesaffäre ab. Faszination entsteht.“

Der Meister ist der Weg, der zur Erleuchtung führt

Doch warum ist Mö Gü eigentlich so wichtig? Sogyal Rinpoche zitiert dazu den Magier Padmasambhava, der den Buddhismus im 8. Jahrhundert n. Chr. nach Tibet brachte. Er soll gesagt haben: „Volle Hingabe bringt vollständigen Segen; Freiheit von Zweifeln bringt ganzen Erfolg.“ 

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Anmerkungen

1 Nach Turrell Wylie benannte Methode zur Umschrift der tibetischen Schrift. Dabei werden nur die Zeichen auf der englischen Tastatur (also ohne Umlaute) verwendet.
2 Schriftliche Auskunft an den Verfasser.
3 Sogyal Rinpoche, Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben. Ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod, München ²¹1998, 169.
4 Zit. nach http://home.swipnet.se/ratnashri/milarepa.htm. (Wenn man dem Lama gegenüber so viel Vertrauen, Liebe und Hingebung empfindet, wird man sich seiner/ihrer Worte immer erinnern ... Respekt, Vertrauen und Glauben bringen wir allen Lamas entgegen. Mit Hingebung begegnen wir aber nur einigen wenigen ... Deine Augen füllen sich mit Tränen, und das ist nicht vergleichbar mit dem früher schon empfundenen Glauben/Vertrauen, vielmehr ist es eher eine Geistesverschmelzung.)
5 Sogyal Rinpoche, Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, a.a.O., 171.
6 Zitiert und übersetzt nach www.kcl-heidelberg.de/index.php/gebete-mainmenu-48/devotion-that-moves-the-heart-mainmenu-106.
7 Chögyam Trungpa, Feuer trinken, Erde atmen. Die Magie des Tantra, Köln 1982, 19. Darin auf den Seiten 19ff die deutsche Übersetzung des Gebets „Den Lama von ferne herbeirufen“.
8 Chögyam Trungpa, Spirituellen Materialismus durchschneiden, Küsnacht/Schweiz 1989, 34ff.
9 Ebd., 68ff.

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