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Materialdienst 9/2013
Heiko Ehrhardt

"Wahn! Wahn! Überall Wahn!"

Anmerkungen zu Richard Wagner (1813 - 1883)

„Jedes Mal, wenn ich Wagner höre, bekomme ich Lust, in Polen einzumarschieren.“ Worte Woody Allens, die prägnant das Unbehagen in Sprache fassen, das den Bayreuther Komponisten und sein Werk bis heute begleitet. Und mit seinem Unbehagen ist Woody Allen nicht allein in Hollywood. So unterschiedliche Regisseure wie Francis Ford Coppola und John Landis haben in Blockbustern („Apocalypse Now“ und „Blues Brothers“) Wagners „Walkürenritt“ in Schlüsselszenen eingesetzt: Beim Angriff der Helikopter auf ein vietnamesisches Dorf der eine, beim „Todesflug“ der amerikanischen Nazis der andere. Bittere Satire also, martialischer Kriegsfilm und eher slapstickhafter Umgang mit dem Thema „Nationalsozialismus“: Immer ist Wagners Musik die scheinbar angemessene Untermalung. Und immer artikuliert sich ein Unbehagen.

Dass es nicht seine Musik ist, der dieses Unbehagen gilt – das ist inzwischen Common Sense. Eher im Gegenteil: Die Neuerungen1, die Wagner in die Opernwelt eingebracht hat, reichen aus, ihn als genialen Opernschöpfer und als innovativen Neuerer aller europäischen Opernbühnen zu feiern. Auch wenn manche dieser Neuerungen zu Beginn einen handfesten Skandal wert waren (so vor allem die als „schräg“ bzw. atonal empfundene Harmonik im „Tristan“), auch wenn man sich vor Augen halten muss, dass fast das gesamte Werk des Meisters nur auf Pump und durch rücksichtslose Ausbeutung seiner zahlreichen Gönner entstand: Richard Wagner hat die Oper verändert wie niemand vor oder nach ihm. Musikhistorisch betrachtet ist sein Werk aller Ehren wert und nicht hoch genug zu schätzen. Eine derartige Würdigung freilich kann nicht Aufgabe eines Aufsatzes in einer Zeitschrift sein, die über Weltanschauungsfragen nachdenken will. Sie müsste von anderer Seite und durch berufenere Kenner erfolgen.

Zu hinterfragen ist aber sehr wohl das Weltbild Wagners – und dies nicht nur deshalb, weil es immer wieder Regisseure zu handfesten Skandalen provoziert hat.2 Um die folgenden Punkte dieses Weltbildes soll es im Folgenden gehen: Wagners politisches Weltbild, seinen Antisemitismus, seinen Umgang mit germanischer Mythologie und sein Verhältnis zum Christentum.

Wie viel Hitler ist in Wagner?

„Es ist viel Hitler in Wagner.“3 Dieses provokante Zitat Thomas Manns, das das einleitende Zitat Woody Allens illuminiert, gilt es auszuhalten. Denn die Verflechtungen zwischen Bayreuth, hier speziell Wagners Witwe Cosima und seiner Schwiegertochter Winifred, und dem Dritten Reich und hier speziell dem „Führer“ Adolf Hitler lassen in ihrer Eindeutigkeit keinen Spielraum für Interpretationen: „Die Wagners waren Nazis der ersten Stunde.“4 Oder anders, und mit den Worten Brigitte Hamanns, gesprochen: Der Bayreuther Geist der zwanziger Jahre war ein Gemisch aus „reaktionären, monarchistischen, deutschvölkischen, antisemitischen Elementen mit ständiger Nachbeterei der Chamberlain-Thesen und der seiner Epigonen“.5

Dass Wagner der verehrte Lieblingskomponist Adolf Hitlers war (speziell der vom Volk verratene Fürst im „Rienzi“ war für Adolf Hitler eine ideale Projektionsfläche), auch das kann man nicht bestreiten. Und dass es im Werk Wagners immer mal wieder heftig „deutschtümelt“, so etwa im Schlusschor „Ehr Eure deutschen Meister“ der „Meistersinger von Nürnberg“, und dass Wagner sich – anders als die klassischen Opern vor ihm – vor allem an deutschen Sagen und germanischer Mythologie orientierte, mit Helden, die nicht gebrochen daherkommen oder eine Entwicklung erfahren, sondern die vielfach durchgehend als heroische Helden auftreten, die politisch leicht missbraucht werden konnten: Auch das ist nicht zu bestreiten und zugleich eine breite Einflugschneise für ein nationalsozialistisches Weltbild.

Zugleich gilt aber auch: Richard Wagner war zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtübernahme schon ein halbes Jahrhundert tot und ist natürlich nur bedingt für das verantwortlich zu machen, was seine Familie nach ihm getrieben hat.

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Anmerkungen

1 Vier Neuerungen stechen heraus und sind unbedingt zu erwähnen: die „unendliche Melodie“, die die zuvor starre Aufteilung in Arien, Rezitative, Chöre und Erzählpassagen in durchgehende Musik auflöst, die „Tristan-Harmonik“, die den Weg in die Musik des 20. Jahrhunderts weist, die Technik der Leitmotive, die Personen, Gegenständen und Themen ein immer wiederkehrendes Motiv zuweist, und die Vorstellung vom „Gesamtkünstler“, der Text, Musik und Inszenierung in einer Hand vereint und der die vorherrschende Trennung von Librettist, Komponist und Regisseur aufhebt.
2 Zuletzt und besonders heftig bei der Düsseldorfer „Tannhäuser“-Aufführung im Frühjahr 2013.
3 Das berühmte Zitat Thomas Manns wird zitiert nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Wagner.
4 So das Fazit von Volker Ulrich in: ZEIT Geschichte 1/2013: Richard Wagner, 86.
5 Brigitte Hamann, Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, München/Zürich 2002, 156.

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