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Materialdienst 9/2013
Johannes Kandel

Islam ohne Islamismus?

Was nicht sein darf ...

In der Wiener Zeitung „Die Presse“ unternahm die Ethnologieprofessorin Ingrid Thurner im Februar 2013 einen Generalangriff gegen die Verwendung des Begriffes Islamismus.1 Sie war schon in der Vergangenheit durch streitbare Beiträge gegen vermeintlich grassierende islamophobe Tendenzen in Österreich und Deutschland aufgefallen und hatte auch gegen ein Burka-Verbot Stellung bezogen. Nun forderte sie die Abschaffung des angeblich pauschalen und diskriminierenden Begriffes des Islamismus.2 Ihre Argumentation ist oberflächlich, polemisch, streckenweise naiv und fehlerhaft, so z. B. wenn sie den Begriff Islamismus als „jung“ bezeichnet, der „irgendwann nach 9/11“ entstanden sein soll. Diese Behauptung zeigt, dass Thurner die lange Fachdiskussion zum Islamismus nicht kennt und stattdessen über die Nutzlosigkeit von „-ismen“ philosophiert. Man bezeichne ja auch konservative Vertreter aus dem Christentum nicht als „Christisten“ (Lutheristen, Protestantisten etc.). „Angehörige des Islam“, für die „das Religiöse einen konzeptuellen Rahmen für das Politische“ liefere, so Thurner, strebten Werte an, die „auch mit westlichen kompatibel“ seien, „wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, gute Regierungsführung: statt Zensur Freiheit der Rede, statt Privilegien einiger Partizipation aller, statt Diktat von oben breite öffentliche Diskussionen“. Was sie hier so apodiktisch feststellt, ist jedoch Gegenstand sehr weit in die Vergangenheit zurückreichender heftiger Kontroversen. In der kritischen Diskussion geht es ja nicht nur um Islamismus, sondern eben auch um den realdominanten Islam, d.h. den in den wichtigsten autoritativen Lehrstätten (z. B. Al-Azhar, Deoband) und zahllosen Moscheen vermittelten Islam. Dieser Islam, der sich in den maßgeblichen Interpretationen der religiösen Kerndoktrinen und weltweit in religiösen Praktiken und gesellschaftlichen Wertvorstellungen von zahllosen Muslimen zeigt, begründet m. E. ernsthafte Zweifel an seiner Vereinbarkeit mit Menschenrechten, Rechtsstaat, Pluralismus und Demokratie. Die Debatten um die Defizite dieses Islam und um eine Reform im Sinne eines „progressiven Islam“ haben dies deutlich herauskristallisiert.3

Dass Islam mit Islamismus nicht einfach gleichgesetzt werden darf, ist im Fachdiskurs unumstritten, aber es ist geradezu absurd, Zusammenhänge zwischen Islam und Islamismus leugnen zu wollen und die Abschaffung des Begriffes zu fordern. Es gibt eine offene und kontroverse Debatte darüber, wie Islam und Islamismus aufeinander bezogen sind. Hier hätte sich Ingrid Thurner beteiligen können, anstatt mit billiger Polemik der Allianz jener beizutreten, die aus unterschiedlichen Motiven und von verschiedenen Interessenlagen aus seit Langem die Delegitimierung des Begriffes betreiben und damit Analyse und Bekämpfung von Islamismus erheblich behindern. Diese unorganisierte, aber medienwirksame Diskursallianz von Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten und Interessenvertretern muslimischer Gruppierungen meldet sich häufig mit dem pathetischen Anspruch zu Wort, einen Beitrag zur „Versachlichung“ und „Differenzierung“ des Diskurses zu leisten. Die eigentliche Absicht ist der Kampf gegen das, was die Protagonisten der Allianz für „Islamkritik“ halten, die sie für vermeintlich exorbitant gewachsene „Islamfeindschaft“ mitverantwortlich machen.4

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Anmerkungen

1 http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/1341375/Was-hat-Islam-mit-Islamismus-zu-tun.
2 So schon im August 2012 in einem Rundfunkbeitrag: www.wdr5.de/sendungen/politikum/s/d/08.08.2012-19.05/b/islamismus-gehoert-abgeschafft.html.
3 Siehe dazu Omid Safi (Hg.), Progressive Muslims. On Justice, Gender and Pluralism, Oxford 22004; Rachid Benzine, Islam und Moderne. Die Neuen Denker, Berlin 2012; Charles Kurzman (Hg.), Liberal Islam. A Sourcebook, New York/Oxford 1998; Jon Armajani, Dynamic Islam. Liberal Muslim Perspectives in a Transnational Age, Lanham/Oxford 2004; Katajun Amirpur/Ludwig Amman (Hg.), Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion, Freiburg i. Br. u. a. 2006; Zeyno Baran (Hg.), The Other Muslims. Moderate and Secular, New York/Basingstoke 2010.
4 Siehe dazu v. a. Thorsten Gerald Schneiders (Hg.), Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Wiesbaden 2009; Patrick Bahners, Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift, München 2011; Wolfgang Benz, Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet, München 2012; Kai Hafez, Freiheit, Gleichheit und Intoleranz. Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas, Bielefeld 2013; Klaus J. Bade, Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, „Islamkritik“ und der Terror in der Einwanderungsgesellschaft, Schwalbach am Taunus 2013. Vgl. ferner die zahlreichen Beiträge der Journalisten Heribert Prantl und Thomas Steinfeld. Einen sehr fragwürdigen Beitrag leistete auch die Konferenz zur „Muslimfeindlichkeit“, 4./5. Dezember 2012 (organisiert von der Deutschen Islamkonferenz).

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