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Materialdienst 8/2013
Hansjörg Hemminger

Kirchliche Weltanschauungsarbeit und empirische Forschung

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In den Jahrzehnten nach 1948 hat sich allmählich eine „Weltanschauungsarbeit“ in den Kirchen etabliert, ausgehend von der Arbeit Kurt Huttens und der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sowie seit den 1960er Jahren von der Arbeit der damals so genannten Sektenbeauftragten der Landeskirchen. Die Bezeichnung steht heute für einen Arbeitszweig, in dem Apologetik sowie Seelsorge und Beratung im Kontext religiöser Pluralität zusammenkommen. Die Ortsbestimmung dieser Arbeit ist demnach zuerst eine kirchliche und theologische. In welchem Verhältnis steht sie aber zu den einschlägigen, empirisch arbeitenden Humanwissenschaften, zu Psychologie, Soziologie, Religionswissenschaft, Ethnologie und anderen? Der Begriff Weltanschauung signalisiert erst einmal ein Nicht-Verhältnis, denn er gehört in die Geschichte der deutschen Geisteswissenschaften, und er ist politisch hoch belastet.2 Dieser Begriffsgeschichte soll hier nicht weiter nachgegangen werden. In den empirisch arbeitenden Humanwissenschaften wird der Begriff „Weltanschauung“ nicht verwendet, schon deswegen nicht, weil diese heute englischsprachig sind. Das erledigt allerdings die Frage nicht, was die empirische Forschung zur kirchlichen Weltanschauungsarbeit beitragen könnte.

Als Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen eignet sich die Begriffsbestimmung des katholischen Religionsphilosophen Otto Muck (Innsbruck): „Es ist schwer, einen passenden Ausdruck zu finden für diese grundlegende Lebensorientierung, also für jene Auffassung, aus der heraus ein Mensch das ihm im Leben in den verschiedenen Bereichen Begegnende auffasst, in Beziehung zu anderem setzt und in seiner Bedeutung für die Lebensgestaltung bewertet. Soll man von grundlegender Daseins- und Lebensorientierung sprechen oder von lebenstragender Auffassung – kurz Lebensauffassung – oder von Weltanschauung?“ Er fährt fort: „Eine solche grundlegende Lebensorientierung, gelebte Weltanschauung, hat die Funktion, das Begegnende theoretisch und praktisch zu deuten. Es bestimmt die Weise, wie wir jeweils das, was uns begegnet, auffassen und in seiner Relevanz für unser Handeln einschätzen und in diesem Sinne bewerten ... im weitesten Sinn alles das, was wir im Leben erfahren, die ‚Lebenserfahrung‘.“3

Große, stabile Weltanschauungen erfüllen diese Funktion in Form einer „öffentlichen Wahrheit“. Sie treten historisch und kulturell, in einer modernen Gesellschaft auch aktuell, im Plural auf. Für Muck besteht eine Weltanschauung, wie gesagt, nicht nur aus ihren Antworten auf große Existenzfragen. Sie besteht darüber hinaus aus allen Konstanten der Welt- und Lebensdeutung, die orientierend und sinnstiftend wirksam sind. Sie muss daher nicht einmal explizit sein, sondern kann als unreflektierte Lebens­orien­tierung implizit wirken. So verstanden ist eine Weltanschauung, wenn auch nicht unter diesem Namen, auch ein Objekt der empirischen Sozialforschung.  

Was ist empirische Forschung?

Wer an Empirie denkt, denkt allerdings zuerst an die Naturwissenschaft – die Humanwissenschaften sind weniger im Blick. Ihr Ziel ist – soweit sie empirisch arbeiten – jedoch wie in der Naturwissenschaft eine bestimmte Form des Wissens, nämlich naturalistische Beschreibungen und kausale Erklärungen. Durch Beobachtung und Messung, eventuell auch experimentell, werden für den Forschungsgegenstand relevante Daten gewonnen. Sie werden definierend, abstrahierend und quantifizierend mithilfe von Konzepten festgehalten, die sich dafür bewährt haben. Dieses „beschreibende Wissen“ ist demnach keine Repräsentation der Wirklichkeit, sondern ein Präparat. Es wird als Antwort auf spezifische Fragen mit spezifischen Methoden gewonnen. Sie werden vom Forschungsobjekt mitbestimmt. Dass sich das beschreibende Wissen der Astrophysik anders darstellt als das der Psychologie von Gruppen, liegt auf der Hand. Kausale Erklärungen ergeben sich schließlich durch die Modellierung von Wechselwirkungen mit einer hypothetisch-deduktiven Methode. Dafür sind nicht-empirische Konzepte nötig, in der Physik zum Beispiel solche wie „Energie“ oder „Feld“. Die Theorienbildung in den Sozialwissenschaften erfordert wiederum andere Konzepte als in den Naturwissenschaften, z. B. ist „Gruppe“ ein solches Konzept. Die Erklärung ist dabei enger gefasst als in der Umgangssprache. Nur kausale Wechselwirkungen, die sich allgemeingültig formulieren lassen, gelten als Erklärung. Sie werden theoretisch als Objektsprache formuliert und müssen anhand von Daten geprüft4 werden können.

Ein simples Beispiel, das sich bereits auf Weltanschauungen bezieht, ist die demoskopische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen religiösen und politischen Einstellungen von Menschen in einem weltanschaulich pluralen Staat: Man erhebt durch Umfragen Daten, die in Kategorien eingeteilt und statistisch dargestellt werden (Stichwort Kategorisierung). Die „Weltanschauung“ der Befragten wird dabei auf wenige Aussagen reduziert und selektiv erfasst. Korrelationen zwischen den religiösen und politischen Kategorien werden – hoffentlich mit der gebotenen Vorsicht – im Rahmen eines Modells als kausale Wechselwirkungen gedeutet. Wenn sich z. B. eine Korrelation zwischen hoher Religiosität und politischem Konservativismus ergibt, könnte eine Hypothese den kausalen Zusammenhang zu formulieren suchen.5 Sie ist immer das Ergebnis einer vereinfachenden, von einer selektiven Fragestellung geleiteten Rekonstruktion des untersuchten Phänomens.

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Anmerkungen

1 Der Artikel beruht auf einem Vortrag, der am 9.11.2012 im Rahmen einer Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Religionsphilosophie in Innsbruck gehalten wurde.
2 Hier einige Hinweise zur Begriffsgeschichte: Sie beginnt mit Immanuel Kants „Kritik der Urteilskraft“, setzt sich fort mit einer romantischen Verwendung z. B. bei Novalis, Friedrich Schelling und Friedrich Schleiermacher; einflussreich war u. a. die Typologie der Weltanschauungen in Wilhelm Diltheys „Weltanschauungslehre“ und Karl Jaspers „Psychologie der Weltanschauungen“, der Begriff der Weltanschauungsparteien bei Max Weber sowie – in negativer Form – die Verwendung in der nationalsozialistischen Propaganda. In anderen Sprachen existiert das Wort Weltanschauung als Germanismus oder in Übertragung, siehe z. B. David K. Naugle, Worldview – the History of a Concept, Grand Rapids, Cambridge UK, 2002.
3 Otto Muck, Evolutionäre Erkenntnistheorie – Welt/Weltbild, in: Wolfgang Wickler/Lucie Salwiczek (Hg.), Wie wir die Welt erkennen – Erkenntnisweisen im interdisziplinären Diskurs, Freiburg i. Br./München 2001, 243-272, 251f.
4 Der schwächere Begriff „prüfen“ steht hier ausdrücklich für den stärkeren Begriff „falsifizieren“. Es ist nicht ohne Weiteres klar und führt in eine schwierige Diskussion, was eine Falsifikation im Fall der Modellierung komplexer Prozesse ist bzw. sein muss.
5 Ob man Theorie und Modell unterscheidet oder empirische Hypothesen und Theorien prinzipiell als Modelle auffasst, ist in diesem Zusammenhang nicht wichtig.

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