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Materialdienst 8/2013
Gesellschaft

"Leben und Tod" - Vom Besuch einer in Deutschland bisher einzigartigen Messe

„Ich möchte Bescheid wissen“, erzählte eine ältere Dame mir im Eingangsbereich des Bremer Messezentrums. „Ich habe nämlich keine nahen Verwandten und meinen Bekannten will ich nicht zumuten, sich überlegen zu müssen, was ich für mein Ende gerne hätte. Jetzt bin ich ja noch fit, darum mache ich mich hier schlau.“ Und voller Vorfreude betrat sie die Bremer Messehalle, in der dieses Jahr zum vierten Mal alle möglichen Themen rund um das Ende des Lebens und darüber hinaus ihren Platz hatten.

Eigentlich gibt es nichts, was es nicht gibt auf dieser bunten Messe. Es ist dabei, was man erwartet, und das, was eher erstaunt. Bestattungsvereine und einzelne Institute haben einen Stand, Friedwälder und Seebestatter informieren die vorbeischlendernden Menschen über Konditionen und Möglichkeiten, und sogar wer seine Urne in einer schiffsähnlichen Grabanlage aus Findlingen beisetzen möchte, kann das auf dem Urnenfriedhof „Am Flamarium“ in der Nähe von Halle tun.

„Wir begleiten Ihren Freund auf seinem letzten Weg“, wirbt ein Kleintierbestatter. Man kann sein Haustier im eigenen Garten oder auf dem Tierfriedhof beisetzen. Der Tierbestatter erledigt alle Formalitäten und übernimmt die Einäscherung. Wer die Asche seiner Verstorbenen gar nicht in der Erde wissen möchte, kann sich bei einem Schweizer und einem österreichischen Anbieter informieren, wie aus Asche Rubine, Saphire oder Diamanten produziert werden können. Einer der Anbieter nimmt Fausts Mephisto als Namen und Programm: So wie Mephisto sich in der Gestalt des Pudels als treuer Gefährte des Menschen zeigte, so wandelt er auch „unsere Liebsten … und transformiert sie in etwas Bleibendes“, wird im Prospekt erklärt. Modern gestaltete Grabvasen runden die Gedanken um Trauerfeier und Grabschmuck ab. Kerzen in Engelform sollen den Grenzbereich zwischen Himmel und Erde durchlässiger machen.

Auch wer als Zurückbleibender Rat sucht, wird auf der Messe fündig. „Zurück ins Leben“ heißt eine Gruppe für verwitwete Partner. „Verwaiste Eltern“ kümmern sich um Väter und Mütter, denen ein Kind gestorben ist. Spezielle Klangmöbel, Sinneswagen, und Utensilien zum „Snoezelen“ (dabei werden in einer entspannten Atmosphäre die Sinne u. a. durch Musik und Lichteffekte stimuliert) machen Kranken und Sterbenden das Dasein leichter. Diakonie und Caritas, die Innere Mission und die evangelische Kirche zeigen ihre Angebote bei „Leben und Tod“. Die Bremer Heimstiftung, die Hospize, der Palliativdienst und die Demenzberatung informieren über Chancen und Möglichkeiten für Kranke oder Sterbende und ihre Angehörigen.

„Alles hat seine Zeit“, ein Projekt der Religionspädagogischen Arbeitsstelle, gibt Schulklassen nach Voranmeldung Raum, ihre Sorgen und Ängste, aber auch ihre Wünsche im Hinblick auf den eigenen Tod oder den von Freunden und Familienmitgliedern auszusprechen und klären zu können. In einem offenen Forum werden Vorträge zu Patientenverfügungen gehalten und Anhaltspunkte gegeben, an denen sich eine Demenz bei Angehörigen erkennen lässt. Anselm Grün ist ebenso im Programm wie Franz Müntefering.

Man kann über die Messe schlendern und einfach Eindrücke sammeln. Man kann auch gezielt nach Informationen suchen. Zu allem, was in den Bereich „Leben und Umgang mit dem Tod“ gehört, findet man Werbeflyer genauso wie Fachmaterial und die Adressen von Beratungszentren oder Selbsthilfegruppen. Und wer noch mehr möchte, kann mit einer Zusatzkarte den Fachkongress in zwei angeschlossenen Räumen besuchen.

Wie wohl auf den meisten Messen findet man auch bei „Leben und Tod“ großes Fachwissen und kompetente Gesprächspartner neben einigen abenteuerlich anmutenden Anbietern. Eine mediale Lebensberaterin wirbt außer für Geistheilung, Channeling und Krafttierreisen auch für ihre Seelenrückholungen. Eine andere bietet Bilder für heilende Räume. Die Rosenkreuzer laden ausgesprochen freundlich zur Mitnahme ihrer Veranstaltungsflyer ein. Dort findet man Termine der Vorträge zur Kunst des Sterbens und zur Überwindung des Todes. Daneben wirkt der Stand der Gralsbewegung etwas angestaubt. Aber auch dort bietet eine Broschüre „Antworten auf die ungelösten Fragen des Lebens“. Ein Pantomime schließlich hat ein Programm für Trauernde im Repertoire.

Alles in allem ist die Messe „Leben und Tod“ eine bunte Mischung von Einzelnen und Einrichtungen, die sich mit dem Ende des Lebens beschäftigen. Das macht den Besuch anregend. Ich habe vieles entdeckt, was ich in Bezug auf das Thema „menschliche Endlichkeit“ nie vermutet hätte. Manche Angebote haben mich sehr nachdenklich gemacht hinsichtlich der Frage, welche Möglichkeiten wir als Gesellschaft eigentlich Kranken und Sterbenden bieten und welche leider oft ungenutzt bleiben. Auf jeden Fall ist diese Messe ein großer Schritt auf dem Weg, den Tod und das Sterben wieder mehr ins Gespräch zu bringen.

Ingrid Witte, Bremen

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