publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 12/2012
Werner Thiede

Mobilfunk und implizite Weltanschauung

Geistige Affinitäten einer invasiven Technologie

Friedrich Nietzsche hat einmal sinniert: „Was tun, um sich anzuregen, wenn man müde und seiner selbst satt ist? Der Eine empfiehlt die Spielbank, der Andere das Christentum, der Dritte die Elektricität.“1 Nietzsche selbst empfahl das Ausschlafen. Wem das allerdings nicht genügt und wen auch die Spielbank angesichts der heute üblich gewordenen, den „Hochfrequenz-Handel“ einschließenden Zockerei keinesfalls reizen kann, der hätte laut Nietzsches Diktum noch die Wahl zwischen Christentum und Elektrizität. Im 21. Jahrhundert hätte der Philosoph vielleicht zugespitzt formuliert: zwischen Christentum und Mobilfunk-Hightech.

Aber lässt sich denn eine Religion oder Weltanschauung ernsthaft auf eine Auswahl-Ebene mit einer Technologie und ihren Anwendungen stellen? Sind nicht viele Christen selbst begeisterte Mobilfunk-User? In der Tat wäre eine direkte Kontrastierung dann fragwürdig, wenn damit gesagt sein sollte, der Mobilfunk bzw. seine Entwicklung oder Nutzung stelle als solcher eine alternative „Weltanschauung“ oder gar (Ersatz-)Religion dar. Doch eine indirekte Kontrastierung ist so fernliegend nicht.2 Denn die supermoderne, naturwissenschaftlich fortentwickelte Technik impliziert tendenziell durchaus weltanschauliche, zumindest auf unbewusster Ebene mitunter fast schon religiös anmutende Elemente3 – je übergriffiger sie sich auswirkt, desto mehr! Gerade darum kann sie ja so anregend, sogar existenziell aufregend sein.

In diesem Sinn stellen die Installation und das Betreiben von Mobilfunk-Technologie sowie ihre breite, vernetzte Nutzung Handlungsweisen dar, die als solche sowohl nach ihrer ethischen Legitimation als auch nach ihrer impliziten weltanschaulichen Begründung fragen lassen. Jede Ethik hat ihr Fundament in einem Orientierungsrahmen, der ihrer Regelbildung vorausliegt: Er umfasst sozusagen das „Dogmatische“, das Weltanschauliche4, das jeweilige Gottes- und Wirklichkeitsverständnis im Zusammenhang mit einem entsprechenden Menschenbild.5 Demgemäß lassen auch die mitunter heiß diskutierten Pro- und Kontra-Argumente zur allgegenwärtig gewordenen Mobilfunk-Technologie im Hintergrund ihrer Wertungen tendenziell – freilich nicht unbedingt beim individuellen Nutzer – auf zumindest implizite Grundzüge eines jeweils immerhin umreißbaren Welt- und Menschenbildes schließen.

Ob die Behauptungen von Experten und Medizinern aus vielen Ländern stimmen, dass unter der nicht ionisierenden, meist gepulsten Mobilfunk-Strahlung so manche Menschen, Tiere und Pflanzen6 zu leiden haben, oder ob derlei Beobachtungen und Thesen von anderen Wissenschaftlern und von interessengebundenen Fürsprechern dieser Technologie mit Fug und Recht zurückgewiesen werden, ist keine einfache und schon gar keine unwichtige, ethisch überflüssige Frage. Die so krass divergierenden Wahrnehmungen und Deutungen lassen sich im Grunde kaum ohne den Einbezug weltanschaulicher Wertungen verstehen. In unserer immer mehr von dieser und anderen Technologien beherrschten, dabei immer unübersichtlicher werdenden Welt ist es lohnend, ja dringend, über diese Art von geistigen Bezügen nachzudenken und sich darüber klarer zu werden.7 Das bedeutet Aufklärung anstelle eines lethargischen Verharrens in selbstverschuldeter Unmündigkeit auf einem Gebiet, dessen Problematik wegen seiner technologischen Omnipräsenz ungefähr die gesamte Bevölkerung betrifft.

Zur impliziten Weltsicht des Mythos Mobilfunk

Unsere Kultur wird inzwischen von der Mobilfunk-Technologie in einem Maße unterstützt oder – kritischer formuliert – dominiert, dass sich die Frage nach ihren möglichen geistigen Implikaten eigentlich geradezu aufdrängt. Das Gemenge aus technischem Vorwärtsstreben, industriell-wirtschaftlichem Gewinnstreben, großenteils naiver Nutzer-Begeisterung und gesellschaftlich spürbaren Konsequenzen lässt, wie ich kürzlich in einer Monografie ausführlich dargelegt habe, auf einen regelrecht modernen „Mythos Mobilfunk“8 schließen. Gerade dessen Komplexität bewirkt zugleich seine nur eingeschränkte Wahrnehmung – und wiederum so seine besondere Effizienz. Denn Mythen werden „im Menschen gedacht, ohne daß er etwas davon weiß“, wie der Mythenforscher Claude Lévi-Strauss9 erklärt.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Friedrich Nietzsche, Morgenröthe (1881), IV. Buch, Abs. 376.
2 Schon vor Jahrzehnten erkannte Klemens Brockmöller, man habe „die Funktion der Technik für den modernen Menschen als Ersatz für die alte Magie erklärt, mit der man in primitiver Natur-Religiosität sich die Natur dienstbar zu machen versuchte, so daß also Technik als Religionsersatz dient“ (Industriekultur und Religion, Frankfurt a. M. 71964, 88). Im Streben nach absoluter Macht mit den Mitteln der Technik könne die Versuchung stecken, sich von der transzendentalen Abhängigkeit befreien zu wollen.
3 Vgl. bereits Ludwig Büchner, Über religiöse und wissenschaftliche Weltanschauung, Leipzig 1887 (Reprint 1999).
4 „Jede Weltanschauung impliziert aufgrund des ihr inhärenten Erkenntnisanspruchs immer auch handlungsleitende Aspekte“ (Werner Thiede, Art. Weltanschauung, V., in: RGG4 Bd. 8, 2005, 1405).
5 Laut Eilert Herms involviert jede als Akt verstandene Handlung die Weltanschauungsfrage (Menschenbilder und Weltanschauungen in der ethischen Urteilsbildung, in: Friederike Nüssel [Hg.], Theologische Ethik der Gegenwart, Tübingen 2009, 49-71).
6 Dazu das VII. Kapitel meines Mobilfunk-Buches – und zur Schädigung von Bäumen jetzt http://timesofindia.indiatimes.com/city/vadodara/Cellphones-ring-in-death-knell-for-plants-Study/articleshow/16715290.cms (Zugriff: 14.10.2012).
7 „Die rasante Entwicklung der modernen Naturwissenschaft und Technik hat zu einer weit gehenden Abkoppelung von Geisteswissenschaften und Kunst und zu einem Rückstand der kulturellen Verarbeitung technischer Entwicklungen geführt“, gibt Michael Kloepfer zu bedenken (Art. Technik, in: Evangelisches Staatslexikon3 Bd. 2, Stuttgart 1987, 3590). Das aber ist ungut: „Seit unsere wissenschaftliche Neugierde ohne die Korrekturen des Warum arbeitet, laufen tatsächlich viele selbstzündende Prozesse – gewissermaßen ohne uns –, deshalb vielfach gegen uns“ (Gertrud Höhler, Das Glück, Düsseldorf 1981, 99).
8 Werner Thiede, Mythos Mobilfunk. Kritik der strahlenden Vernunft, München 2012.
9 Claude Lévi-Strauss, Mythos und Bedeutung, Frankfurt a. M. 1980, 15.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!