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Materialdienst 12/2012
Karin Walther

Das Gemeindekonzept der "Willow Creek Community Church"

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In den vergangenen 30 Jahren bildete sich insbesondere in den USA ein religiöses Phänomen besonderer Art heraus: „Megachurches“, „Mega“, weil diese Gemeinden wöchentlich bis zu 20000 Besucher in ihren Gottesdiensten versammeln. Mittlerweile zählen die USA 1600 solcher Kirchen. Neben der „Saddleback Church“ in Kalifornien gehört die „Willow Creek Community Church“ bei Chicago zu den Megachurches, die auch über die US-amerikanischen Grenzen hinaus hohe Ausstrahlungskraft besitzen.

Seit Mitte der 1990er Jahre werden die Gemeindekonzepte der Willow Creek Community Church in Deutschland vonseiten der kirchlichen Praxis mit starkem Interesse verfolgt. Mit jährlich stattfindenden Kongressen und dem Vertrieb von Arbeitsmaterialien sollen bereits bestehenden Gemeinden grundlegende Impulse zur Veränderung der Gemeindestruktur vermittelt werden. Das eigens gegründete Netzwerk „Willownetz“ versteht sich als „Visionsgemeinschaft innovativer Menschen aus verschiedensten Kirchen und Gemeinden, die nach dem biblischen Auftrag Gemeinde bauen und dabei voneinander lernen wollen“.2 Gemeinden sowohl aus dem frei- als auch aus dem landeskirchlichen Bereich gehören dieser Visionsgemeinschaft an. Vorwiegend sind die Gemeinden in den westlichen Bundesländern angesiedelt. Verbände wie die Evangelische Allianz, der Arbeitskreis Missionarische Dienste (AMD) oder die Geistliche Gemeinde-Erneuerung (GGE) begegnen der Willow Creek Community Church ebenfalls mit großem Interesse.

Zur Geschichte

Vor zwei Jahren feierte die Willow Creek Community Church ihren 35. Geburtstag. Seit ihrer Gründung entwickelte sich in kürzester Zeit aus einer experimentellen gottesdienstlichen Veranstaltung im gemieteten Kinosaal ein professionell organisiertes Gemeindeleben mit eigenen Auditorien und Grundstücken. Dem eigentlichen Gründungsdatum geht der Aufbau einer florierenden Jugendarbeit in der South Park Church in Park Ridge bei Chicago voraus. Der damals erst 22-jährige Bill Hybels (geb. 1951) entwickelt mit einem Mitarbeiterstab aus den Reihen der Jugendlichen die Gottesdienstformate „Son City“ und „Son Village“, die nach relativ kurzer Zeit bis zu 1000 Jugendliche anziehen. Zeitgemäße Musik, Theaterstücke, Multimediashows und Themenpredigten sind methodische Kernpunkte, das ideelle Herzstück aber ist der Wunsch, kirchendistanzierte Jugendliche zu erreichen.

1975 verlässt Hybels die Gemeinde und weitet seine Tätigkeit auf den Kreis der Erwachsenen aus. Inspiriert wird er durch seinen Dozenten Gilbert Bilezikian am Trinity College Deerfield/Illinois, der die Darstellung der Jerusalemer Urgemeinde in Apg 2 mit steter Euphorie als optimale Version einer christlichen Gemeinde betont. Hybels mietet die Gemeinde stundenweise in Räume des Willow Creek Theater in South Barrington ein. Das Kino wird zum Namensgeber der Gemeindeneugründung. Bis 1981 finden hier die sonntäglichen Gottesdienste statt, die in Anlehnung an die Veranstaltungen von „Son City“ ebenfalls mit zeitgemäßen Elementen gestaltet werden und nun kirchendistanzierte Erwachsene ansprechen sollen. Bis 1978 erfährt die Gemeinde ein stetiges Wachstum. Aufgrund interner Konflikte, finanzieller Belastungen und fehlender Strukturen kommt es 1979 jedoch zu einer Krise, im Mund der Willow Creek Community Church „the great train wreck of ’79“ (Großer Schiffbruch von 79).3 Spätestens jedoch mit dem Einzug in das neu gebaute Gemeindehaus 1981 hat die Gemeinde die Krise überstanden. Die Veranstaltungsformate differenzieren sich aus in gruppenspezifische Angebote für Singles, Frauen, Kinder oder gemeindliche Dienste, zum Beispiel Seelsorgeangebote. Die Gottesdienste erleben einen Aufschwung. 1991 finden vier Wochenendgottesdienste für Kirchendistanzierte statt, 17000 Besucher kommen.

Der nationale Bekanntheitsgrad der Willow Creek Community Church steigt, sodass Hybels als Gastredner auf Konferenzen auftritt und die Medien vermehrt über die neue Megachurch berichten. Aufgrund der steigenden Mitgliederzahlen führt die Gemeinde eine Umstrukturierung durch: Es wird auf Kleingruppen umgestellt, mehr Aufgaben auf ehrenamtliche Mitarbeiter verteilt. Im Dezember 1994 zählt die Willow Creek Community Church 1000 Kleingruppen, bis 2006 erhöht sich die Zahl auf 2300. Unterschieden sind sie in Jüngerschaftsgruppen, Gemeinschaftsgruppen, Dienstgruppen, offene Gruppen und Selbsthilfegruppen.4 Nicht ohne Grund wird davon gesprochen, dass die Megakirche „nicht Kleingruppen habe, sondern aus Kleingruppen bestehe“.5 Aus ihnen rekrutieren sich tausende ehrenamtliche Mitarbeiter, nur 280 Menschen sind hauptamtlich angestellt.

Ein Anbau vergrößert später die nutzbare Fläche des Gemeindezentrums um 2000 m2. Das Auditorium bietet mittlerweile ca. 7200 Besuchern Platz. Der Gemeindebau erstreckt sich auf einen imposanten Campus, der neben dem Veranstaltungssaal für die Gottesdienste eine Buchhandlung, eine Turnhalle sowie u. a. Unterrichts- und Konferenzräume, ein zentral angelegtes Atrium, ein Foyer mit Infoständen und einer Cappuccinobar sowie einen Parkplatz mit 3500 Stellplätzen beherbergt. Auf dem Gelände befindet sich zudem ein kleiner See, in dem Taufen stattfinden. Hybels beschreibt „das ‚große Zimmer‘ von Willow Creek“ als einen Ort, „an dem Menschen sich treffen, kennen lernen, entspannen und einfach ‚Teil der Familie‘ sein konnten.“6

Anliegen

Das nach außen erklärte Ziel der Gemeinde lautet: „Willow Creek exists to turn irreligious people into fully devoted followers of Jesus Christ.“7 Erreichen will die neue Gemeinde von Beginn an „unchurched Harry and Mary“, im Sprachgebrauch von Willow Creek also Menschen, die einem kirchlich sozialisierten Hintergrund entstammen, sich aber von der traditionellen Institution Kirche abgewendet haben. Kennzeichnend ist dabei im Missionsverfahren der Willow Creek Community Church, dass die (religiösen) Bedürfnisse und die ästhetischen Muster der Zielgruppe zum Ausgangspunkt für die Präsentation der Inhalte gemacht werden. Umgesetzt wird dies u. a. im „Seeker-Service“. Schon der erste Gottesdienst, zu dem die Willow Creek Community Church einlud8, trug den Titel „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber nie zu fragen wagten“.9 Derzeit finden jedes Wochenende drei „sucherorientierte“ Gottesdienste statt, zu denen bis zu 25000 Besucher kommen.

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Anmerkungen

1 Diesem Bericht liegt eine im Februar 2012 an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig entstandene Hausarbeit mit dem Titel „Das Kirchenverständnis der Willow Creek Community Church. Eine Analyse mit kritischer Reflexion“ zugrunde. Für die Publikation wurde sie gekürzt und überarbeitet.
2 www.willowcreek.de (die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden zuletzt abgerufen am 7.11.2012).
3 Bill Hybels/Lynne Hybels, Gemeinde neu entdeckt. Die Geschichte von Willow Creek, Übersetzung: Annette Schalk, Aßlar 22006, 128.
4 Vgl. ebd., 192.
5 Wilfried Plock, Die Willow Creek Community Church. Eine differenzierte Beurteilung, in: Gemeindegründung 51, 3/1997, 17.
6 Bill Hybels/Lynne Hybels, Gemeinde neu entdeckt, a.a.O., 153.
7 www.willowcreek.org/aboutwillow/what-willow-believes.
8 Datum: 12.10.1975.
9 Bill Hybels/Lynne Hybels, Gemeinde neu entdeckt, a.a.O., 86.

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