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Materialdienst 12/2012
Islam

Überraschender Führungswechsel beim größten Islamverband

Die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.“ (DITIB) hat zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres einen neuen Vorstand. Bei der unangekündigten und vorzeitigen Personalwahl am 7. Oktober 2012 schied Ali Dere, der erst seit gut einem Jahr (Juni 2011) an der Spitze des Verbandes stand, aus dem Amt. Mit dem Theologen verließen zwei weitere Mitglieder den Vorstand. Erst Ende Februar hatte es eine überraschende Umbesetzung des siebenköpfigen Gremiums gegeben. Damals wurden der stellvertretende Vorsitzende und vier weitere Mitglieder ausgetauscht. Bei beiden Versammlungen war Mehmet Görmez, der Präsident der türkischen Religionsbehörde (Diyanet) und damit oberster Glaubenshüter der Türkei, anwesend.

Neuer Vorstandsvorsitzender ist Izzet Er, türkischer Staatsbeamter und bisher Botschaftsrat in Frankreich. Sein Stellvertreter Halife Keskin gehört zum diplomatischen Corps der Türkei in Belgien. Beide sind promovierte islamische Theologen. Der dritte Neugewählte ist zumindest kein Unbekannter und aus Deutschland: Der frühere DITIB-Dialogbeauftragte Bekir Alboga wird stellvertretender Generalsekretär. Wiedergewählt wurde die promovierte Psychologin Emine Seçmez, die seit Februar 2012 als einzige Frau dem Gremium angehört. Ebenso bleiben die beiden Buchhalter (ein Theologe und ein Bauingenieur) sowie Suat Okuyan, der zum Generalsekretär aufrückt (vgl. http://www.ditib.de/detail1.php?id=325&lang=de).

Irritiert hat, dass die DITIB-Zentrale sich zunächst tagelang überhaupt nicht zu dem Vorgang äußerte und dies dann recht unbeholfen mit „personellen Abwesenheiten“ zu rechtfertigen suchte. Partner beklagten sich über schlechte Kommunikation und mangelnde Transparenz. Mitglieder des Beirats, der den Bau der Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld begleitet, hatten von der Umbesetzung erst durch die Presse erfahren. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Dabei ist die DITIB mit rund 900 Moscheegemeinden der mit Abstand größte islamische Dachverband in Deutschland und ein wichtiger Ansprechpartner in Politik und Gesellschaft. Nachdem die Organisation im vergangenen Jahr einen desaströsen Streit über angebliche Baumängel an der neuen Moschee geführt hatte, sieht sie sich erneut in Schwierigkeiten.

Offenkundig rumort es in der DITIB. Über die Bedeutung des Wechsels an der Führungsspitze wird gerätselt. Es wurde spekuliert, ob damit ein Politikwechsel verbunden sei. Die – aus integrationspolitischer Sicht kontraproduktive – Wahl türkischer Beamter aus Frankreich und Belgien verstärkt den Eindruck, dass die türkische Regierung ihren gestaltenden Einfluss auf den deutschen Verein weiterhin geltend macht und denjenigen Kräften eine Abfuhr erteilt, die sich von der Anbindung an die Türkei lösen wollen. Es ist ferner sicherlich kein Zufall, dass der Diyanet-Präsident während seines Deutschlandaufenthalts die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in Kerpen besuchte. Die in letzter Zeit zu beobachtende Annäherung zwischen der DITIB und der als extremistisch eingestuften IGMG ordnet auch Machtverhältnisse neu. So passt die Abservierung des bisherigen Vorsitzenden ins Bild. Offiziell hieß es, Ali Dere habe schon vor einiger Zeit angekündigt, nicht wieder für das Amt zu kandidieren. Der in Deutschland promovierte Theologe und Professor für islamische Theologie wolle sich wieder der akademischen Arbeit widmen und DITIB „bei Bedarf beratend zur Seite stehen“. Es ist jedoch keineswegs ausgeschlossen, dass Dere der Führung in der Türkei einfach nicht (mehr) gepasst hat. Er soll sich nicht deutlich genug im Sinne Ankaras gegen die „Vermisst“-Plakatkampagne des Bundesinnenministeriums gestellt haben. Freilich wurde auch intern der Führungsstil Deres als autoritär beklagt. Außerdem habe der ausgeschiedene Vorsitzende wegen seiner Personalpolitik sowie wegen des Kölner Moscheebau-Streits in der Kritik gestanden, hieß es.

Die DITIB mit Hauptsitz in Köln ist ein Verein nach deutschem Recht. Zugleich bestehen enge personelle und strukturelle Verbindungen mit der türkischen Religionsbehörde in Ankara. Das Diyanet entsendet und bezahlt die rund achthundert Imame an DITIB-Moscheen in Deutschland.

Friedmann Eißler

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