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Materialdienst 11/2012
Ulrich Dehn

Zeiteinteilungen und Endzeiterwartungen in religiösen Traditionen

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Zeiteinteilungskonzepte und der Blick auf das Ende sind Ausdrucksformen des Menschen in Anbetracht seines Bedürfnisses, mit dem Leben und der Zeit umzugehen: Die Zeit kann nicht einfach als unförmige, unstrukturierte Masse oder unkonturierte Linie „begriffen“ und gelebt werden, sondern sie will definiert und gezählt sein. Sie will Punkte haben. Das ist die Weisheit des 90. Psalms, dessen 12. Vers lautet: „Lehre uns bedenken, unsere Tage zu zählen, auf dass wir klug werden.“ Im Alten Testament wurde die Zeit, wie wir von Gerhard von Rad wissen, nicht linear an objektiven Parametern, sondern an Ereignissen und Menschen gemessen.2 Zeit passierte und wurde gefühlt. Sie verstrich nicht einfach so und konturenlos.

Ein Lehrstück zum Thema Umgang mit der Zeit war der Vorlauf zum Jahreswechsel 1999/2000: Mehr noch als der tatsächliche Jahrtausendwechsel ein Jahr später gab diese zeitliche Wende vielerorts Anlass zu einer Besinnung auf die Geschichte, auf das Ende der Zeit und auf die vorhandenen endzeitlichen religiösen Traditionen. Der Zufall wollte es, dass kurz vor dem prominenten Jahreswechsel auch die Sonnenfinsternis stattfand, die nach einschlägiger Ansicht bereits vor 450 Jahren den französischen Universalgelehrten, Arzt und Dichter Nostradamus beschäftigt haben soll. Der Vatikan erklärte das Jahr 2000 zum Heiligen Jahr, dessen Vorbereitung, so wird Papst Johannes Paul II. zitiert, geradezu als der hermeneutische Schlüssel zum Werk des damaligen Papstes verstanden werden kann.3

Endzeiterwartungen gehören zum Religiösen fast untrennbar hinzu. Dazu kommen Zeiteinteilungen, religiös qualifizierte Phasen, verbunden mit den entsprechenden „Vorzeichen“, die in der biblischen Apokalyptik, aber auch in anderen Kulturkreisen meist Zeichen des Leidens und der Verfolgung sind: Sie lassen sich in vielen Kulturkreisen und religiösen Traditionen finden. Vorstellungen von einem mehr oder weniger bald herannahenden Weltende sind typisch für Minderheitsreligionen und -gruppen weltanschaulicher Art, oft in Situationen der Verfolgung, der Unterdrückung, der Diskriminierung. Oder sie entstehen beim Zusammenstoß zweier Kulturen als Bewegung innerhalb der jeweils unterlegenen Kultur, die sich bedroht fühlt. Beide Phänomene sind eng miteinander verwandt.4 Auch das Christentum konstituierte sich bekanntlich als eine bedrohte religiöse Minderheit mit starker endzeitlicher Naherwartung. Millenaristische Hoffnung war Märtyrerhoffnung. In der metaphorischen Vorstellung eines „Tausendjährigen Reiches“ ging es darum, dass die vom römischen Antichrist Verfolgten vor Gott gerechtfertigt seien. Erst in der Kombination mit einer buchstäblichen Interpretation von Dan 7,27 konnte später aus Offb 20,1-6 eine Weltherrschaftserwartung herausgelesen werden. In der geschichtlichen Entwicklung hat sich die einstige Naherwartung der verfolgten Christen faktisch umgekehrt proportional zu ihrem Einfluss in der Gesellschaft abgeschwächt. Heute gelten Endzeit- und Naherwartung fast per se als „sektenhaft“ – ein wiederum korrekturbedürftiger Zeitgeisttrend, denn auch das Christentum lebt entsprechend seinem Bekenntnis nach wie vor in der Erwartung der Wiederkunft Jesu Christi, wenn auch nicht in chiliastischer Version. Der „Chiliasmus“ wurde, obwohl er seine Grundlage in einem kanonischen Text hat, vom mehrheitlichen Christentum nicht tradiert, d. h. er ist zutreffend als situationsbezogene theologische Aussage unter Verfolgungsverhältnissen begriffen worden.

Bei den sogenannten weltreligiösen Traditionen und den neueren Bewegungen sind grob gesprochen drei Typen zu unterscheiden: 1. ein rein finaler Typ (mit Endzeitvorstellung, aber ohne Phaseneinteilung), 2. ein Phasentyp (Phaseneinteilung ohne dramatische Endzeitvorstellung), 3. eine Kombination aus Typ 1 und 2. Zu differenzieren ist beim Typ 1 zwischen verschiedenen Endzeitansagen und ihrer jeweiligen Funktion, sei es zur gläubigen Aufrechterhaltung und Bestätigung einer biblischen Ansage, sei es zur Stabilisierung der Autorität eines weltanschaulichen Gruppenführers, sei es zur Herbeiführung von Gruppenselbstmorden oder zur aktiven Mitarbeit an einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die sich als nicht „selbsterfüllend“ herausstellte wie im Fall der buddhistisch-hinduistischen Gruppe Aum Shinrikyo. In vielen religiösen Traditionen fließen Endzeiterwartungen und sozialethische Vorstellungen ineinander. Das mag geschehen in der Gestalt eines mutmaßlichen Endgerichts, wie es im Islam und im Christentum vorgesehen ist (Matth 25) und an dessen Maßstäben das jetzige Leben orientiert werden soll, etwa im Modus vorausabbildender perfektionistischer Lebensgemeinschaften.5 Im Zuge der „Verzeitgeistlichung“ von Endzeiterwartungen etwa in Japan ist das Thema in Comicserien, Zeichentrickfilmen und drittklassigen Bestsellern aus der New-Age-Bewegung aufgegriffen und trivialisiert worden. Für eine Renaissance der Nostradamus-Prophezeiungen hatte bereits 1973 der Schriftsteller Goshima (Goto) Masaru (Ben) gesorgt, als er in einem Buch die Parole ausgab, im Juli 1999 werde die Welt untergehen.6 Diese Prophezeiung wurde 1999 in Weltgegenden, die von der Sonnenfinsternis betroffen waren, geringfügig zugunsten des entsprechenden Datums (11.8.1999) verschoben.

In Anbetracht der überdurchschnittlich intensiven Nostradamus-Rezeption in Japan werden wir uns kurz einigen japanischen Neureligionen zuwenden, zunächst aber einen Streifzug durch einige Grundlagen in den großen religiösen Traditionen machen. Ebenfalls zu den Grundlagen des hier zu Behandelnden gehört der persische Prophet Zarathustra, dessen paradigmatische Elemente wir in aller Kürze aufgreifen, um schließlich an Einzeldarstellungen die Typen zu veranschaulichen.

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Anmerkungen

1 Vortrag auf der EZW-Jahrestagung für landeskirchliche Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte in Hamburg im Mai 2011.
2 Vgl. Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. 2: Die Theologie der prophetischen Überlieferungen Israels, München 1960, 108-133.
3 So im apostolischen Schreiben „Tertio Millennio Adveniente“, 1995, IV, 40-55, wo auch eine starke Verbindung zwischen dem Millenniumswechsel und den Marienerscheinungen (drittes Geheimnis von Fatima etc.) hergestellt wird (vgl. Damian Thompson, The End of Time: Faith and Fear in the Shadow of the Millennium, London 1996).
4 Vgl. Hillel Schwartz, Millenarianism: An Overview, in: Mircea Eliade (Hg.), The Encyclopedia of Religion, Bd. 9, New York 1987, 521-532, 527.
5 Vgl. Art. „Perfektionisten“, in: Evangelisches Kirchenlexikon, Bd. 3 (L-R), Göttingen 31992, 1120-1123.
6 Hinweis von Inken Prohl, Mit japanischer „Spiritualität“ ins nächste Jahrtausend?, Referat auf der Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Religionsgeschichte, Tübingen 1.-10. Oktober 1999.

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