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Materialdienst 11/2012
Christian Ruch

Krebs - (auch) ein weltanschauliches Problem

Es mag vielleicht überraschen, in einer Zeitschrift für Weltanschauungsfragen einen Artikel über Krebserkrankungen vorzufinden. Doch wie die Beratungspraxis zeigt, können die Deutung und Erklärung von Krebs zu fragwürdigen, wenn nicht sogar lebensgefährlichen Therapieentscheidungen führen, dies vor allem in Bereichen wie Komplementärmedizin, Geistheilung oder ganz allgemein der Esoterik.

Krebs ist aber auch eine theologische Herausforderung und führt direkt in den Bereich der Theodizee: Wie kann es ein (angeblich) liebender Gott, der Herr über eine (angeblich) gute Schöpfung, zulassen, dass Zellen entarten und lebensbedrohliche Krankheiten auslösen? Und auch die Frage, warum der eine Krebspatient geheilt werden kann, ein anderer jedoch nicht und stirbt, kann Patienten und Betroffene an Gott (ver)zweifeln lassen. Zweifellos hat die Onkologie in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht – und doch sind Krebserkrankungen in vielen Fällen immer noch mit unermesslichem Leid verbunden, dies auch durch die aus medizinischer Sicht alternativlosen, aber oft strapaziösen Chemo- und Strahlentherapien. Bisweilen lassen sie dem Patienten, wie etwa im Falle des Bauchspeicheldrüsenkrebses, kaum eine Überlebenschance.

„Warum ich?“

Die Frage, die wohl jeden Krebspatienten im Verlauf seiner Krankheit irgendwann einmal umtreibt, lautet: „Warum ich?“ Mag diese Frage im Falle von falscher Ernährung im Vorfeld von Darmkrebs oder Nikotinsucht im Vorfeld von Lungenkrebs noch einigermaßen nachvollziehbar beantwortbar sein, versagen solche Erklärungsversuche etwa bei Tumoren bei Kindern und Jugendlichen völlig, weil in dieser Altersgruppe exogene Faktoren meistens ausgeschlossen werden können. Wenn man zudem berücksichtigt, dass Krebszellen „eine Nachbildung des normalen Körpers unseres Lebens“ sind, ihr „Dasein der pathologische Spiegel unseres Existierens“1, bekommt die Frage nach der Ursache für Krebs eine zusätzliche, fast philosophische Brisanz.

Dass es oft an plausiblen Antworten auf die Frage „Warum ich?“ fehlt, verhindert nicht, dass immer wieder Erklärungsversuche gesucht und gefunden werden – ganz im Gegenteil. Dazu zählen etwa

• psychogene Auslöser wie Schocks, Depressionen oder „unterdrückte Gefühle“ (psychologisierender Ansatz),

• sündhaftes Verhalten oder karmische Vorbelastungen aus früheren Leben (moralisierender Ansatz),

• schädigende Umwelteinflüsse wie Handystrahlen, Elektrosmog, „geheime Experimente“ etc., die aber von etablierten Wissenschaftlern und/oder Behörden geleugnet würden (verschwörungstheoretisch-pseudowissenschaftlicher Ansatz).

Kommen solche Erklärungsansätze ins Spiel, fällt oft auf, dass sie ein hoch komplexes, multifaktorielles biologisches und aus wissenschaftlicher Sicht nur strukturlogisch begreifbares Geschehen wie die Genese und Ausbreitung von Tumorzellen auf eine monokausale Ursache reduzieren und damit einen Versuch der Komplexitätsreduktion darstellen. Gemeinsam ist allen drei Typen von Antworten, dass der Krebs eben nicht mehr struktur-, sondern subjektlogisch erklärt wird: Am Krebs ist irgendjemand oder irgendetwas „schuld“, und dieser bzw. dieses Schuldige kann klar benannt werden.

Die Frage ist nur: Was eigentlich ist mit der Benennung des Schuldigen gewonnen? Beim verschwörungstheoretischen Ansatz wird zwar die Verantwortung für den Krebs sozusagen delegiert, was aber auch nichts nützt, da die vermeintlich Verantwortlichen kaum zur Rechenschaft gezogen werden dürften. Beim psychologisierenden und moralisierenden Ansatz besteht dagegen die große Gefahr, dass der Krebskranke sich selbst zum Schuldigen erklärt bzw. von seiner Umwelt als solcher deklariert wird: „Du hast Krebs, weil du in einem früheren Leben jemanden umgebracht hast“, oder „Ich bin krank geworden, weil ich meine Gefühle immer unterdrückt habe“. Ein berühmtes Beispiel für diese Denkweise ist die wütende Abrechnung „Mars“ von Fritz Zorn (i.e. Federico Angst, 1944–1976), einem Lehrer und Spross aus gutem, großbürgerlichem Schweizer Hause, der seine Krebserkrankung dem psychisch schädlichen Klima seines Elternhauses anlastete. „Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und ein ganzes Leben lang brav gewesen“, lauten die berühmt gewordenen Anfangssätze seiner Anklageschrift.2

Ein weiteres Beispiel für den psychologisierenden Erklärungsansatz bietet die höchst umstrittene und konfliktträchtige „Germanische Neue Medizin“ (GNM) bzw. „Germanische Heilkunde“ des Ryke Geerd Hamer (geb. 1935), dem 1986 die Approbation als Arzt entzogen wurde und der außerdem wegen seiner fragwürdigen medizinischen Diagnosen und Methoden mehrfach vorbestraft ist.3 Hamer will herausgefunden haben, dass eine Art Schockmoment Krebs auslöst. Diesen Schock nannte er nach seinem Sohn „Dirk-Hamer-Syndrom“ (DHS), weil Hamer nach dessen Tod einen Hodentumor bekam, den er heute mit dem Verlust seines Sohnes in Zusammenhang bringt. Das DHS sei „ein schwerer, hochakut-dramatischer und isolativer Konflikterlebnisschock, der das Individuum ‚auf dem falschen Fuß‘ erwischt ... Dieser Konfliktschock ... ist aber eine Notwendigkeit, damit der Organismus auf ein Not- oder Sonderprogramm umschalten kann, um überhaupt mit der unvermutet eingetretenen Situation fertig werden zu können. Denn im Augenblick dieses DHS schaltet sich das Sonderprogramm ein, praktisch synchron: In der Psyche, im Gehirn und am Organ und ist auch dort feststellbar, sichtbar und messbar! Im Computertomogramm des Gehirns z. B. sehen diese Veränderungen (Hamersche Herde) dann wie konzentrische Ringe einer Schießscheibe aus, oder wie das Bild einer Wasseroberfläche, in die man einen Stein hat plumpsen lassen ... Rührt man an das DHS eines Menschen, dann bekommt er meist feuchte Augen. Zeichen für seine emotionale Affektivität. Es ist daher wichtig, dass man das DHS sehr gut versteht, denn dann hat man schon die Hälfte der Germanischen Neuen Medizin begriffen ... Eine Sache wie das DHS, die in der gleichen Sekunde im Gehirn als Hamerscher Herd nachzuweisen ist, ist auch religiös-philosophisch nicht länger zu leugnen.“4

Die Deutsche Krebsgesellschaft kam in einer Stellungnahme zu Hamer und der GNM jedoch zu dem Schluss: „Die Vorstellung, dass psychische Faktoren einen Einfluss auf die Entstehung von Krebserkrankungen haben, hat eine lange Tradition. Von Galen, dem Leibarzt des römischen Kaisers Marc Aurel, wurden Krebserkrankungen mit der Melancholie in Verbindung gebracht. Bisweilen wird bis heute von einer Krebspersönlichkeit gesprochen, die gekennzeichnet sei durch Depression, verminderten Ausdruck von Ärger und Wut sowie Selbstaufopferungstendenzen. Ein Konzept, das mittlerweile wissenschaftlich als widerlegt gilt ... Neuere epidemiologische bevölkerungsbasierte Studien aus Dänemark zeigen eindeutig, dass es keine erhöhte Krebshäufigkeit bei Menschen mit Depressionen gibt und auch schwerwiegende psychische Stressfaktoren wie die ernsthafte Erkrankung eines Kindes zu keiner Erhöhung der Krebsinzidenz führen.“5

Beim moralisierenden Erklärungsansatz wird die Verantwortung für die Krebserkrankung, wie bereits erwähnt, mehr oder weniger dem Erkrankten selbst angelastet. So behauptet etwa die pentekostal ausgerichtete Gemeinde Nasiräer in Hannover auf ihrer Internetseite, dass Krankheiten wie Krebs eine Folge der Sünde seien: „Als die Sünde in das Leben des Menschen einsi­ckerte, begann sie zielstrebig ihre zerstörerische Wirkung. Ja, eben die Zerstörung ist eine Eigenschaft, die die Sünde ausmacht. Wie wir bereits früher bemerkt haben, sind alle Geschöpfe Gottes gut und vollkommen. Das Ziel des Teufels ist es, diese Geschöpfe zu zerstören, Gottes Wahrheit zu verdrehen und die Sünde ist eine Waffe in seinen Händen, die zum Erreichen dieser Ziele nötig ist. Wir alle kennen solche Krankheiten wie Krebs oder Aussatz (Lepra). Sie verbindet eine Besonderheit: der Bereich der Kontamination mit dieser Krankheit beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Organ, sondern sie breitet sich über den ganzen Körper aus, wenn es nicht gelingt, den Prozess aufzuhalten. Das Wirken der Sünde ähnelt dem Prozess dieser Krankheiten. Mehr noch, die Sünde infiziert nicht nur den Körper, sondern auch die Seele und den Geist des Menschen. Das drückt sich in Folgendem aus: Der Geist, der vom Virus der Sünde infiziert ist, stirbt, er verliert die Gemeinschaft mit Gott und ererbt nicht das ewige Leben (Die Bibel, 1. Mose 2,17). Die Seele füllt sich mit solchen ‚Krankheiten‘ wie Hass, Neid, Rache, Stolz u. dgl. mehr (Die Bibel, Galater 5,19). Das sind eiternde Wunden, die geheilt werden müssen, da sie den Menschen von innen ‚auffressen‘ und ihn nicht ruhig leben lassen. Der Körper des Menschen wird Krankheiten und Gebrechen verschiedener Arten ausgesetzt, die ihn quälen (Die Bibel, Jesaja 1,5-6) ... O, Mensch, sind denn die Folgen der Sünde nicht schrecklich? Wecken sie nicht etwa den Wunsch in uns, gegen sie anzukämpfen, diese Gräuel von sich zu streifen und dadurch anderen zu helfen? Ist es etwa nicht schrecklich, dass den Sünder, der auf der Welt leidet, ewige Qualen heimsuchen werden? Wir glauben, dass jeder wirklich Verständige sich das zu Herzen nehmen wird.“6

Der verschwörungstheoretisch-pseudowissenschaftliche Erklärungsansatz macht, wie schon erwähnt, diverse Umwelteinflüsse für Krebserkrankungen verantwortlich. So behauptet ein in der Schweiz tätiger Arzt auf einer Internetseite des eigentlich für seriöse Fachliteratur bekannten Thieme-Verlags: „Erfahrene Rutengänger ebenso wie viele Naturheiler können bestätigen, dass es kaum einen Krebskranken ohne starke Erdstrahlbelastung gibt (meist in Form von geologischen Verwerfungen, unterirdischen Wasseradern sowie Curry- und Hartmanngittern). Wir haben in der Praxis die Erfahrung gemacht, dass ein guter Energietester mit einer speziellen homöopathischen Testampulle (Geovita®) sehr zuverlässig eine Erdstrahlbelastung feststellen kann. Man sollte danach einen guten Rutengänger kommen lassen und das Bett an einen guten Platz stellen.“7

Aber auch konspirative Machenschaften werden als Verursacher von Krebs genannt, und für sie interessieren sich naturgemäß die Anhänger von Verschwörungstheorien. So ist in einem ihrer Internetforen zu lesen, dass die Kosmetikindustrie hinter Hautkrebserkrankungen stecke: „Rein theoretisch ist es möglich, dass, wenn man sich mit Sonnenschutzcreme/-milch einreibt und sich dann in die Sonne legt und die Fette und Öle aus der Sonnenmilch in die Haut einziehen, durch die Wärme der Sonne auf der Haut sich ... PAKs [polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, C.R.] bilden und entsprechend Krebs verursachen können. Mit anderen Worten: Durch die Sonnenmilch erhöht man das Risiko auf Hautkrebs um ein Vielfaches, bzw. schafft sich teilweise überhaupt erst die nötige Grundlage dafür. Klingt jetzt sehr krass, aber überlegt mal, was die Krankheit ‚Krebs‘ für ein Riesen-Geschäft für die Pharma-Industrie ist ... Und jetzt bedenkt noch folgendes: Warum kriegen keine ‚wilden‘ Afrikaner Hautkrebs, sondern nur Westeuropäer, Amerikaner und Menschen anderer ‚zivilisierten‘ (kosmetikverseuchten) Kulturen? Auch in weiten (ich sag jetzt mal ‚unzivilisierteren‘) Teilen Asiens kommt kein Hautkrebs vor, ebenso wenig z. B. bei den Ureinwohnern Amerikas. Warum? Wegen unserer blassen Haut? Dann wäre Melanin (der braune Farbstoff der Haut) doch DER Krebs-Filter schlechthin ... Jedoch zeigt sich, dass gutgebräunte Europäer mit hohem Melanin-Anteil prozentual genauso viel Hautkrebs bekommen. Dafür kann man aber einen direkten, statistischen Zusammenhang zwischen Kosmetikkonsum und Hautkrebsrate feststellen ... Krebs ist keine Krankheit ... Krebs ist ein Geschäft ... und zwar ein verdammt gutes!!!“8 Dass selbst Staatenlenker nicht vor verschwörungstheoretischen Anflügen verschont werden, zeigte sich, als Venezuelas Staatspräsident Hugo Chavez Ende 2011 seine und die Krebserkrankung anderer lateinamerikanischer Politiker den vermeintlich finsteren Machenschaften der USA anlastete.9

Problematische Therapieformen

Fatal an solchen Erklärungsversuchen ist, dass sie oft mit einer Ablehnung wissenschaftlich-medizinischer Therapieformen einhergehen, weil die „Schulmedzin“ nicht als Teil der Lösung, sondern vielmehr des Problems angesehen wird. Die häufige Folge: Es wird auf alternativ-, komplementär- und paramedizinischem Gebiet nach besseren, erfolgversprechenderen Behandlungsmöglichkeiten gesucht, dies auch unter Hinweis darauf, dass die wissenschaftliche Onkologie in ihrer Geschichte zahlreiche Irr- und zweifelhafte Wege gegangen sei10 und, wie gesagt, bei vielen Krebserkrankungen irgendwann selbst einmal mit ihrem Latein am Ende ist.

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Anmerkungen

1 Siddhartha Mukherjee, Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biografie, Köln 2012, 483.
2 Fritz Zorn, Mars, München 1977, 25.
3 Siehe dazu ausführlicher die Informationen der EZW unter www.ekd.de/ezw/Lexikon_2308.php.
4 Zit. nach http://dr-rykegeerdhamer.com/index.php?option=com_content&task=view&id=23&Itemid=34; die angegebenen Internetseiten wurden zuletzt am 27.8.2012 abgerufen.
5 Zit. nach www.krebsgesellschaft.de/news_detail,,,16104.html.
6 Zit. nach http://www.pfingstnet.de/index.php?option=com_content&view=article&id=50&Itemid=57&lang=de.
7 Zit. nach www.thieme.de/viamedici/medizin/alternativ/krebskarma.html#anker2.
8 Zit. nach http://woco.at/punbb3/viewtopic.php?id=7 (Schreibfehler im Original).
9 Siehe dazu den Artikel der „tageszeitung“ auf www.taz.de/!84558.
10 Man denke nur an die sehr riskante Hochdosischemotherapie, siehe dazu Siddhartha Mukherjee, Der König aller Krankheiten, a.a.O., v. a. 407-420.

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