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Materialdienst 11/2012
Gabriele Lademann-Priemer

Voodoo - eine globalisierte Religion

Der Voodoo (auch Vodun, Vodou) stammt ursprünglich aus dem Gebiet der heutigen Republik Benin (früher: Dahomey) in Westafrika. Von da aus hat er sich durch den Sklavenhandel in Lateinamerika und im Süden der USA ausgebreitet. Der Vodun bildet eine bedeutende Wurzel für die dortigen Kulte Candomblé, Santería und Palo Monte oder für den „haitianischen Vodou“.1

Heute finden wir auch in Europa Vodun-Anhänger, sowohl unter Migranten als auch unter Europäern. Es gibt europäische Eingeweihte, die sich mit den Hintergründen auseinandergesetzt und sich auf den Weg eines Priesters oder einer Priesterin eingelassen haben. Ein Heer von Reisenden fährt nach Afrika und in die Karibik. Sie durchkämmen die verschiedenen Länder, bestaunen Kulte und Landschaft und sorgen für eine boomende Tourismusindustrie. Es reisen ferner Menschen dort hin, die die angebliche Weisheit alter afrikanischer oder lateinamerikanischer Heiler suchen, um ihre Sorgen und Gebrechen loszuwerden, eine Suche, die leider oftmals schiefgeht. Außerdem besuchen viele Afroamerikaner Benin auf der Suche nach ihren versklavten Vorfahren und nach ihrer Herkunft. Gedenkstätten, mithilfe der UNESCO aufgebaut oder restauriert, werden zu Kultstätten, um die Ahnen zu ehren. Die Reisenden tragen zur Ausbreitung der Gedankenwelt des Vodun bei.

Es gibt weltweit um die 20 Millionen Vodun-Anhänger; die Zahlen liegen wahrscheinlich höher, wenn man die latein- und nordamerikanischen Kulte hinzuzählt. Manche Schätzung rechnet mit bis zu 60 Millionen Anhängern. Der Vodun ist seit den Zeiten der Sklaverei eine globalisierte Religion.

Götter, Geister, Lebenskraft

Der Vodun ist nicht jene Mischung aus Zombies, Nagelpuppen, Blut und Gewalt, die in Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln dargestellt wird. Vodun heißt „Gott“ oder „Geist“ und ist zur Bezeichnung der Religion geworden. Bei den Yoruba heißen die Geister Orishas, in Haiti Loas (Lwas). Der Vodun ist ein Heilungskult, der das Gleichgewicht zwischen Göttern, Menschen und Ahnen aufrechterhalten oder wiederherstellen will.

Es gibt ein Götterpantheon, ähnlich dem griechischen, an dessen Spitze der Schöpfergott Mawu-Lisa, ein zweigeschlechtliches Wesen, thront. Mawu-Lisas Kinder, die Vodun-Geister, sind überall zu finden. Es gibt himmlische Vodun wie Shango, den Wettergott, Dan, die Regenbogenschlange, irdische Geister wie Sakpata, den Pockengott, zuständig für Krankheit und Heilung, die Azizas, die Waldgeister, die den Menschen die Heilkräuter lehren, Gu (Ogun), den Eisengott, zuständig für alles, was mit Metall zusammenhängt, mit Autos und Waschmaschinen, Computern und anderen Errungenschaften des modernen Lebens. Außerdem gibt es die Meeresgötter und -geister, z. B. Agwe, den Meeresgott, sowie die Ahnengeister der königlichen Kinder, Tohossu und Nehsuwe.

Bei den Yoruba heißt es, es gebe 400+1 Gott. +1 ist der Hinweis darauf, dass das Pantheon erweitert werden kann. Und so sind neue Götter und Geister hinzugekommen: An prominenter Stelle steht Mami Wata, die Wassergöttin, eine Nixe, verführerisch und wohltätig zugleich. In Benin wird sie als gute Göttin verehrt, die Reichtum und Schönheit schenkt, nur darf man sie nicht eifersüchtig machen. Im Kongo ist sie als todbringend gefürchtet. Von Christen und Muslimen wird sie als böser Geist oder Dschinn verabscheut, der die Menschen in sein nasses, höllisches Reich hinabzieht. Andere Götter und Geister sind in der Kolonialzeit verbreitet worden: z. B. Attigali, ein Kriegergeist aus Ghana, oder die Trongeister des sogenannten Islamischen Vodun. Ein wichtiger Gott, wenn auch der kleinste der Götter, ist Legba, der Gott des Kreuzwegs, der den Weg zu den Göttern ebnet, ihn aber auch verbaut, wenn man ihm keine Aufmerksamkeit schenkt.

Zusammengehalten und durchzogen ist die ganze Welt vom Acé2, von einer Lebenskraft, die in Göttern, Menschen, Tieren und Pflanzen vorhanden ist und an der man einen mehr oder weniger großen Anteil hat. Götter haben mehr Acé als Menschen, Medizinleute und Priester mehr als Normalverbraucher usw. Dieses Acé ist die Kraft, die bei allem ins Spiel kommt, was wir als Magie oder Zauberei bezeichnen – Begriffe, die unscharf und verschwommen sind. Acé wird im sakralen Raum aktualisiert und zeremoniell übertragen3, sie wohnt nicht einfach den Dingen inne. Das ist der Unterschied zu dem, was in der Esoterik als Energie bezeichnet wird. Die Einhaltung von Geboten und Verboten (Tabus) gehört zur Ausübung und zum Erhalt von Acé. Alles ist miteinander verbunden und wirkt aufeinander ein, so die Aussage eines Vodou-Priesters aus Haiti. Begeht ein Mensch eine Übertretung, muss das Acé zeremoniell gestärkt werden. Manche Afrikaner haben sich heute jedoch einen esoterischen Energiebegriff angeeignet, denn die Einflüsse westlicher Esoterik haben Afrika längst erreicht.

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Anmerkungen

1 Zum haitianischen Vodou (so seit Neuestem die offizielle haitianische Schreibweise) vgl. z. B. Gabriele Lademann-Priemer, Voodoo – Wissen, was stimmt, Freiburg i. Br. 2011. Zu Fragen von Begriff und Schreibung sowie verschiedenen Formen des Voodoo vgl. Astrid Reuter, Voodoo und andere afro-amerikanische Religionen, München 2003.
2 J.-M. Agossou, Gbetó et Gbedótó – L´homme et le Dieu Créateur, selon les Sud-Dahoméens, Paris 1971, übersetzt acé mit pouvoir, puissance.
3 Vgl. H. Aguessy, Cultures Vodoun – Manifestations, Migrations, Metamorphoses, Cotonou 1991, 197.

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