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Materialdienst 11/2012
Esoterik

Johann Grander, der Erfinder des Granderwassers", gestorben

Jesus versprach der Samariterin am Brunnen „lebendiges Wasser“. Doch was in Joh 4 eine Metapher für die geistliche Wirklichkeit des ewigen Lebens ist, das behauptete der Österreicher Johann Grander im Auftrag Gottes mit ganz normalem Leitungswasser zu bewerkstelligen: es in „lebendiges Wasser“ zu verwandeln.

Am 24. September 2012 starb in seinem Geburtsort Jochberg/Tirol der Unternehmer und selbsternannte „Wasserpionier“ und „Naturforscher“ Johann Grander im Alter von 83 Jahren. Grander war unter anderem Tankstellenpächter und LKW-Fahrer, bevor er sich vor über 30 Jahren auf die Vermarktung von „Granderwasser“ verlegte. Dabei handelt es sich um eine Geschäftsidee, die auf der Behauptung beruht, Wasser lasse sich mithilfe von Geräten, die Grander konstruiert hat, „beleben“, und dadurch lasse sich eine positive Wirkung erzielen, die das Wasser in praktisch allen seinen Anwendungsbereichen wertvoller und besser nutzbar mache.

Bei dem Verfahren wird Wasser beispielsweise in einem Leitungsrohr an Metallkammern mit „Informationswasser“ (existierendem Granderwasser) vorbeigeleitet, wodurch es zu einer „Informationsübertragung“ kommen soll, die das vorbeiströmende Wasser in seiner nicht genauer beschriebenen Struktur positiv verändere. Diese Informationsübertragung finde zum Beispiel auch zwischen zwei nebeneinanderstehenden Gläsern Wasser statt, wenn eines davon Granderwasser enthalte. Worin genau diese Veränderungen bestehen sollen, wird nie gesagt.

Angeboten werden auf der Homepage www.grander-technologie.com neben kleinen Mengen Granderwasser in Flaschen sogenannte „Belebungsplatten“ („beleben Lebensmittel und Pflanzen“) und ein „Belebungsstift“ („wirkt belebend auf alle Getränke“). Was hier „belebend“ bedeutet, bleibt dabei ebenso unklar wie bei der Behauptung, das Wasser werde „energetisch angereichert“. Als Einsatzbereiche nennt die Firma Trinkwasserleitungen, Schwimmbäder, Heizkreisläufe, Brunnen, Teiche und Landwirtschaft. Preise werden nicht genannt, der Kauf findet über Vertreterbesuch statt.

Grander zufolge ergeben sich aus der Veränderung von Wasser zu Granderwasser physikalische und biologische Wirkungen, die Ernährung, Getreideanbau und Gesundheit positiv beeinflussen. Dabei geht die Werbung geschickt vor, insofern die angeblichen positiven Auswirkungen nicht direkt durch den Anbieter behauptet werden, sondern als Rückmeldungen zufriedener Kunden („Testimonials“) auftreten. Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz sind nämlich Aussagen über therapeutisch gesundheitsfördernde Wirkungen von Lebensmitteln verboten, die nicht nachgewiesen werden können.

Und genau hieran hapert es bei Granderwassser: Es gibt keine wissenschaftlichen Studien und keine reproduzierbaren empirischen Hinweise, die den Nachweis erbringen, dass das Wasser irgendeine physikalische Veränderung erfährt oder irgendeine Wirkung hat. Im Gegenteil kommen mehrere Untersuchungen zu dem Schluss, dass Veränderungen und Wirkungen nicht nachweisbar sind. Statt auf wissenschaftliche Untersuchungen wird seitens des Unternehmens auf „Studien“ verwiesen, die erkennbar nur eine Zusammenstellung von Erfahrungsberichten darstellen und in der Regel ohne Quellenangabe zitiert werden. So heißt es zur Studie des „Bundesdeutschen Arbeitskreises für Umweltbewusstes Management“ (B.A.U.M.): „Rainer Kant, Dipl.-Forstwirt und Projektmanager von B.A.U.M., leitete das Projekt: ‚Am Anfang, als ich mit der Aufgabe betraut wurde, herrschte auch bei mir Skepsis vor.’ Er erwartete sich eine plausible, chemische oder physikalische Erklärung, stattdessen traf er auf außergewöhnliche persönliche Schilderungen und zahllose Hinweise“ (www.grander-technologie.com/de/wissenschaft/baum.php).

Angesichts dessen hat das Oberlandesgericht Wien 2006 zugunsten des Biologen Erich Eder (Universität Wien) entschieden, dass die Bezeichnung von Granderwasser als „aus dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug“ erlaubt und sachlich begründet sei. In Neuseeland wurde die Firma 2005 zu einer hohen Geldstrafe und Schadensersatz verurteilt.

Typisch für weite Segmente der Esoterik-Branche ist die teilweise erstaunlich unkritische öffentliche Anerkennung, die Johann Grander in Österreich zuteil geworden ist. So erhielt er im Jahre 2001 das „Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst“ des Bildungsministeriums und 2009 anlässlich des 30-jährigen Firmenjubiläums das „Ehrendiplom der Wirtschaftskammer Tirol“. Eine Initiative von Vertretern mehrerer Parteien (SPÖ, FPÖ, Grüne), die nach dem Abtreten der damals verantwortlichen Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) forderten, Grander die Auszeichnung mit dem Wissenschaftspreis abzuerkennen, scheiterte 2008. Auch die Einsatzbereiche von Granderwasser in öffentlichen Einrichtungen sind Hinweise auf eine zunehmende Akzeptanz esoterischer Pseudowissenschaft in Teilen des öffentlichen Raums.

Ebenfalls typisch ist die Methode, auf der die gesamte Geschäftsidee beruht. Wasser ist tatsächlich physikalisch einer der wissenschaftlich interessantesten, zugleich alltäglichsten Stoffe der Erde und besitzt mancherlei erstaunliche kontraintuitive Eigenschaften. So ist bekanntlich die Tatsache, dass Wasser seine größte Dichte bei +4 Grad hat, Voraussetzung für die Entstehung von Leben. Beim Granderwasser kommt nun die in der Esoterik übliche Vermischung von naturwissenschaftlichen Begriffen mit esoterischer Wirklichkeitssicht zum Tragen, wobei die wissenschaftlichen Begriffe (z. B. Energie, Oberflächenspannung) entweder völlig neu gefüllt oder gleich ganz sinnentleert verwendet werden. Das macht es für viele Menschen schwer, zwischen harten Fakten und Pseudowissenschaft zu unterscheiden.

Der Jahresumsatz mit Granderwasserprodukten lag 2010 bei ca. 16 Millionen Schweizer Franken. Laut eigenen Angaben sind Grandergeräte in 167 Schwimmbädern in Europa im Einsatz und auch im Bereich Hotel- und Gaststättengewerbe weit verbreitet. Man wird sehen, wie sich der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens nach dem Tod des Gründers weiterentwickelt. Die Firma soll künftig von den Kindern Granders weitergeführt werden.

Kai Funkschmidt

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