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Materialdienst 10/2012
René Gründer

Neopaganismus im deutschsprachigen Raum

Entwicklungslinien eines neureligiösen Feldes

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Spätestens seitdem im September 2010 erstmals Mitglieder der neopaganen Initiative „Heidentum ist kein Faschismus“ (HikF) gemeinsam mit evangelischen Christen gegen ein von nationalistischen und rechtsextremen Gruppen organisiertes „Fest der Völker“ im thüringischen Pößneck protestierten und im April 2011 durch den Geraer Jugendpfarrer zum interreligiösen Dialog ins evangelische Gemeindezentrum der Stadt geladen wurden, ist der Pluralisierungsprozess des neopagenen bzw. neuheidnischen Spektrums offenkundig geworden.2 Vorschnelle Rückschlüsse von der Verwendung archaischer Symbolik und einem Bekenntnis zur Verehrung germanischer oder keltischer Gottheiten auf rassistische bzw. völkische Religionsvorstellungen erscheinen heute nicht immer gerechtfertigt.

Wenn im Folgenden von Neuheidentum bzw. Neopaganismus3 die Rede ist, dann sind damit jene neureligiösen Formen alternativer Religiosität gemeint, die sich im Rückgriff auf unterschiedlichste Überlieferungen zu „vorchristlichen Religionen Europas“ im Sinne einer Wiederbelebung archaischer Glaubens- und Ritualformen der Stammesgesellschaften in Nord- und Mitteleuropa verstehen. Zumeist handelt es sich dabei um polytheistische Stammeskulte, die mitunter als „Naturreligionen“ verstanden werden, da ihre Gottheiten in enger Bindung an Naturphänomene vorgestellt werden.

Pluralisierung und Individualisierung im neuheidnischen Spektrum

Neopagane Bewegungen entstanden in der Schnittmenge von esoterisch-okkultistischem Milieu, nationalromantischer Mythenfaszination des Bürgertums und der Lebensreformbewegung im späten 19. Jahrhundert in zahlreichen Staaten Europas.4 Sie sind mithin als ein Phänomen der abendländischen Kultur zu verstehen, das eng mit der (national-)romantischen Reaktion bürgerlicher Schichten auf lebensweltliche Entfremdung durch Modernisierungsprozesse (westlicher) Industriestaaten verbunden ist. Es ist kaum verwunderlich, dass die Verunsicherung nationaler Identitäten in Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkrieges germanophile Volkstumskulte begründete und Ähnliches aus der Erosion des Britischen Empire nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Wiederbelebung einer „Britischen Hexenreligion“ (später Wicca genannt) heraus resultierte. Dieser nationalkulturelle Kondensationskern neopaganer Religionsentwürfe verlor allerdings seit den 1970er Jahren an Bedeutung.

Hingegen kam es (kaum beachtet) bereits seit den 1980er und verstärkt in den 1990er Jahren zu einer „Überschichtung“ völkischer bzw. nationalromantischer Interpretationen heidnischer Glaubensvorstellungen durch ökologisch-feministische bzw. individualistische, liberale und explizit antifaschistische Strömungen im Neopaganismus. Der Begriff Überschichtung zeigt an, dass es sich hierbei nicht um einen Ablösungsprozess, sondern um eine Aufsplitterung bzw. Pluralisierung eines breiten Spektrums (re-)konstruierter vorchristlicher bzw. naturreligiöser Polytheismen handelt. Völkische bzw. „blutgnostische“5 Gruppierungen wie die „Artgemeinschaft“ oder der „Armanen-Orden“ existieren heute nach wie vor, sie verlieren jedoch die Deutungshoheit über den Heidentumsbegriff innerhalb des pluralisierten Feldes.

Diese Entwicklung lässt sich insbesondere für das germanisch ausgerichtete Neuheidentum im deutschsprachigen Raum rekonstruieren6, sie ist jedoch ebenso innerhalb anderer neopaganer Strömungen (Keltoi, Wicca) sowie in angrenzenden Bereichen (Ordensmagie, Neoschamanismus) nachweisbar. Innerhalb all dieser Spektren kommt es in vielen jüngeren Gruppierungen zu einer Abkehr von dogmatischen Glaubensvorgaben, von priesterschaftlich ausgerichteter Ritualistik und von völkisch-rassistischen und antichristlichen Ideologemen als Fundierung eigener religiöser Überzeugungen. Stattdessen werden das spirituell autonome Subjekt und sein persönliches religiöses Wahrheits- und Richtigkeitsempfinden zur maßgeblichen Instanz in heidnischen Glaubensfragen. Kollektivistische Deutungen einer Volkstums- und Rassenreligion stehen solchen Auffassungen diametral entgegen.

Eine Ursache dieser Entwicklung kann darin gesehen werden, dass neopagane Religionsgemeinschaften und Glaubensvorstellungen seit jeher eine große Attraktivität auf jüngere und akademisch gebildete Personen ausübten. Mithin sind die heute sichtbaren Veränderungen innerhalb des germanisch-heidnischen Spektrums beispielsweise ein Ausdruck für die Gewinnung neuer Mitglieder germanischer Asatru- oder keltischer Keltoi-Gruppen aus linksliberalen Elternhäusern bzw. entsprechenden Studierendenmilieus.

Diese Entwicklung ist nicht spezifisch für Deutschland, sondern sie ist eingebettet in jene religiöse Globaltendenz westlicher Staaten, die unter dem Schlagwort „Spiritualisierung der Gesellschaft“ diskutiert wird und die gewissermaßen als (möglicherweise schichtspezifische) Gegentendenz zu neuen Fundamentalismen zu verstehen ist. Genauer gesagt ist sogar innerhalb des neopaganen Spektrums die Doppeltendenz zur Traditionswahrung einerseits (etwa der Renaissance des „British Traditional Wicca“) und zur Individualisierung andererseits (freifliegende Hexen, Junghexen-Trend usw.) sichtbar.

Im internationalen Kontext lässt sich diese Unterscheidung grob an der Existenz zweier Dachverbände festmachen: der liberalen „Pagan Federation“ einerseits und dem „World Congress“ bzw. „European Congress of Ethnic Religions“ andererseits.In diesem Beitrag soll es um die Nachzeichnung dieser Entwicklungen in Deutschland und deren Bedeutung für ein angemessenes Verständnis neuheidnischer bzw. neopaganer Religionsentwürfe in der Gegenwart gehen.

Welche Rolle spielen völkisch geprägte Ideen?

Auch die gesellschaftliche Thematisierung von „Neuheidentum“ als devianter Religion unterlag in den vergangenen Jahren einem grundlegenden Wandel. Während in den 1980er und 1990er Jahren vor allem die Problematisierung völkisch-religiöser Gruppen und Einzelakteure wie der „Artgemeinschaft“ des 2009 verstorbenen NPD-Mitglieds Jürgen Rieger sowie die mögliche „Scharnierfunktion“ neuheidnischer Gruppen wie des blutgnostischen „Armanen-Ordens“ zwischen Esoterik-Szene und dem organisierten Rechtsextremismus im Mittelpunkt stand7, ist es seit Beginn des neuen Jahrtausends um das Thema vergleichsweise ruhig geworden. Einerseits ordnen religionswissenschaftliche Studien neopagane Strömungen zunehmend unter einer globalen Perspektive als Phänomene schwach institutionalisierter und hochgradig individualisierter Spiritualität ein8, andererseits verschob sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit gegenüber völkisch-religiösen Konzepten in Richtung der musealen Darstellung frühmittelalterlicher Lebensverhältnisse im Reenactment bzw. der Mittelalter-Szene sowie der Verwendung entsprechender Ideologeme in bestimmten Musikszenen (z. B. Pagan Metal und Black Metal).

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Anmerkungen

1 Der Text basiert auf einem Vortrag, der im April 2012 im Rahmen der Gemeinschaftstagung der katholischen Weltanschauungsreferenten und -referentinnen Österreichs und Deutschlands in Salzburg gehalten wurde.
2 Die Dokumentationen finden sich unter: http://heidentumistkeinfaschismus.jimdo.com/termine-presse (Stand: 28.8.2012).
3 Beide Begriffe werden im Text synonym verwendet. Obgleich der Begriff „Neuheidentum“ aufgrund seiner missionstheologischen Prägung problematischer erscheint als der religionswissenschaftlich geprägte „Neopaganismus“, sollen beide Worte hier doch denselben Gegenstand bezeichnen: neureligiöse Gruppen und Strömungen, die sich als Wiederbelebung archaischer Religionen europäischen Ursprungs verstehen.
4 Vgl. Gründer/Schetsche/Schmied-Knittel 2009).
5 Gründer 2010a.
6 Vgl. Gründer 2008.
7 Vgl. Schnurbein 1992.
8 Maréchal 2010, Gründer 2010.

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