publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 10/2012
Anika Rönz

Religionshaftigkeit und Geistesmagie

Über Grenzen religionswissenschaftlicher Definitionen am Beispiel von Scientology in Deutschland

„Deshalb ist Scientology im ursprünglichen Sinne des Wortes eine Religion“ (Scientology).1 – „Nein, eine Religion ist Scientology nicht“ (Werner Thiede).2

Ein Besuch auf der Internetpräsenz von Scientology lässt zunächst keinen Zweifel zu. Worte wie Kirche, Gott, Andacht und Kapelle, dazu ein Online-Kurs zum Scientology-Geistlichen – die Assoziationen sind eindeutig, die Selbstdarstellung klar: Hier geht es um Religion.

Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur, die jenseits reißerischer und verharmlosender Extreme das Phänomen Scientology in den Blick nimmt, führt in die Problematik der wissenschaftlichen Ambivalenzen und in die Schwierigkeiten definitorischer Annäherung und objektiver Stellungnahme ein. Die Aussagen sind differenzierter: Hier geht es um Religionshaftigkeit, neugnostische Geistesmagie und funktionale Religiosität.

Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986) legte mit seiner 1950 publizierten Theorie der Dianetik den Grundstein für die spätere Entwicklung von Scientology. Angelehnt an damals populäre Ansätze der Pränatal- und Tiefenpsychologie entwickelte Hubbard Dianetik als „moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“: ein Therapiemodell, mit dessen Hilfe ein Mensch den Zustand „clear“ erreichen könne – den Zustand des „optimalen Menschen“, frei von unterbewussten negativen Erinnerungen.3 Ursprünglich als rein therapeutisches Modell entwickelt, wurde Dianetik im Laufe der 1950er Jahre um Elemente transzendenter Vorstellungen und um religiöse Begriffe ergänzt. Die Verschiebung des Schwerpunkts von dianetischer Therapie zur Scientology-„Religion“ verlief stufenweise.4 Schon drei Jahre nach der Veröffentlichung von „Dianetik“ gründete Hubbard die „Church of Scientology“.5 Aber war und ist Scientology eine Religion „im ursprünglichen Sinne des Wortes“?

Zu Besuch bei einer scientologischen Andacht

Sonntagvormittag, 11.30 Uhr: In den Scientology-Zentralen finden weltweit die wöchentlichen Sonntagsandachten statt. Auch in der Berliner Zentrale versammeln sich Scientologinnen und Scientologen in der Kapelle im ersten Stock des großen Gebäudes, das sie im Januar 2007 bezogen haben. Sie tragen dunkle Anzüge, weiße Hemden und Blusen. Man begrüßt sich, sucht sich einen Platz – von den ungefähr 50 Stühlen in dem länglichen Raum mit Fensterfront bleibt gut die Hälfte leer.6 Aus den Boxen der hochwertigen Anlage schallen keine sakralen Gesänge, sondern amerikanischer Hip-Hop. Der Kaplan, ein Mann sicheren Auftretens und mittleren Alters, betritt den Raum, die Musik verklingt. Auch bei Scientology gibt es ein Glaubensbekenntnis, und mit diesem beginnt jede Sonntagsandacht. Darin geht es um Menschenrechte und Meinungsfreiheit, aber auch um Religionsausübung, um die Gesetze Gottes und die Errettung der Seele.7 Der Kaplan liest vor, die Anwesenden hören zu. Von der vorderen linken Ecke aus scheint das übergroße Portrait L. Ron Hubbards das Geschehen mit einem leichten Lächeln auf den Lippen interessiert zu verfolgen. Auf das Glaubensbekenntnis folgt eine Passage aus einem der vielen Werke Hubbards, danach die Predigt des Kaplans. An diesem Sonntag geht es um die grundlegenderen Inhalte der Lehre Hubbards, darum, wie man auf diesen Grundlagen „dem Leben begegnen“ kann. Dann verlassen fast alle Anwesenden den Raum: Das Gruppenauditing beginnt, ebenfalls als fester Bestandteil der scientologischen Andacht. Diejenigen, die nicht teilnehmen, möchten damit sicherstellen, dass ihr persönliches Auditing-Programm nicht gestört wird, erklärt eine Scientologin mit 20-jähriger Erfahrung. Drei Frauen und ein Mann bleiben in der Kapelle zurück. In den nächsten Minuten fordert der Kaplan sie auf, bestimmte Dinge zu tun oder zu denken: Kontakt zum Boden herzustellen, die Unterschiede zwischen der rechten und der linken Wand, zwischen Boden und Decke festzustellen, die Entfernung zwischen sich selbst und dem vorderen Teil des Raumes, die Entfernung zwischen sich selbst und den eigenen Augäpfeln. Nach fast jeder Frage oder Aufforderung bedankt sich der Kaplan, ab und zu stellt er Zwischenfragen: „Habt ihr das? Hat das geklappt?“ Meist klappt es, nur ab und zu müssen Anweisungen wiederholt werden. Sogar das spontane Lachen auf Aufforderung klingt nach einer Weile relativ echt.

Vor allem nach der (vom Stil her eher unerwarteten) musikalischen Einstimmung an diesem Sonntagmorgen ist auffällig, dass Musik während der Andacht keine Rolle spielt. Im Gegensatz dazu hat das gemeinsame Singen oder gesungene Rezitationen heiliger Schriften in so vielen religiösen Gemeinschaften einen sehr hohen Stellenwert und vermag sowohl das Gemeinschaftsgefühl zu stärken als auch religiöse Inhalte auf eine sehr viel emotionalere Art und Weise zu vermitteln. Während beispielsweise bei der Darstellung von Scientology in den offiziellen Filmen und Kurzclips im Internet viel Wert auf musikalische Unterlegung und emotionale Berichterstattung gelegt wird, fehlen diese Elemente in der scientologischen Andacht, die mit einem gemeinsamen, stehend gesprochenen „Gebet der völligen Freiheit“ endet: Auf dass alle Menschen ihre geistige Natur und ihr Potenzial zu verstehen lernen und die völlige Freiheit erlangen – „gebe Gott, dass es so sei“.

Unbestreitbar lassen sich in einer solchen Andacht zahlreiche Parallelen zu Abläufen und Begriffen in christlichen Gottesdiensten aufzeigen. So attestieren auch Cowan und Bromley Scientology „zahlreiche äußere Elemente ... des Christentums“.8 Ist Scientology also eine Religion?

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 www.scientology.de/faq/background-and-basic-principles/why-is-scientology-called-a-religion.html (19.1.2012).
2 Werner Thiede, Scientology – Religion oder Geistesmagie? Reihe Apologetische Themen (R.A.T), Bd. 1, Neukirchen-Vluyn 1995, 126.
3 Vgl. L. Ron Hubbard, Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit. Das Handbuch der dianetischen Verfahren, Kopenhagen 1984, 21ff.
4 Douglas Cowan/David Bromley, Neureligionen und ihre Kulte, Berlin 2010, 55.
5 Ebenso die „Church of American Science“ und die „Church of Spiritual Engineering“; Linus Hauser, Scientology. Geburt eines Imperiums, Paderborn 2010, 57.
6 An dieser Stelle sei angemerkt, dass die sonntäglichen Andachten nicht Teil der „Brücke zur völligen Freiheit“ sind und ihnen deshalb keine zentrale Bedeutung zukommt – die Anzahl der Teilnehmenden sagt also nicht zwingend etwas über den Grad der Aktivität der Mitglieder o. Ä. aus. Vgl. Douglas Cowan/David Bromley, Neureligionen und ihre Kulte, a.a.O., 52.
7 Vollständiger Wortlaut des Glaubensbekenntnisses: www.scientology.de/what-is-scientology/the-scientology-creeds-and-codes/the-creed-of-the-church.html (2.2.2012).
8 Douglas Cowan/David Bromley, Neureligionen und ihre Kulte, a.a.O., 56.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!