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Materialdienst 10/2012
Jehovas Zeugen

Neues Internet-Portal und altes Endzeit-Szenario

(Letzter Bericht: 3/2012, 111f) Am 27. August 2012 wurde das neue Webportal der Zeugen Jehovas online gestellt. Erklärtes Ziel war es dabei, die Internetseite ansprechender zu gestalten und die Seiten für PCs und mobile Geräte zu optimieren. Informierten früher unterschiedliche Portale über die Glaubenslehre und -praxis dieser christlichen Sondergemeinschaft, gibt es künftig nur noch eine offizielle Website von Jehovas Zeugen: www.jw.org. Andere Portale wie www.watchtower.org oder www.jw-media.org sollen eingestellt werden.

Die aktualisierte Website ist graphisch ansprechend gestaltet, und zahlreiche Bilder aus allen Kontinenten belegen die weltweite Verbreitung der Glaubensgemeinschaft. Auf der Seite findet man kurze Antworten auf Fragen zur Bibel, Infos zur Bildungsarbeit der Zeugen Jehovas, bekommt Auskunft über ihre Kongresse, Zweigbüros und Zusammenkünfte in den Königreichssälen. Die Rubrik „Aktuelles“ bietet Meldungen und Berichte über Jehovas Zeugen in aller Welt. Für Familien, Jugendliche und Kinder gibt es ansprechend gestaltete interaktive Angebote, die zur inhaltlichen Beschäftigung mit der Neue-Welt-Übertragung der Bibel und der Glaubenspraxis eines „treuen“ Zeugen einladen.

Nach Angaben der Wachtturm-Gesellschaft werden die online zugänglichen Publikationen jeden Tag von mehreren hunderttausend Menschen in einer von rund 430 Sprachen gelesen. Alle deutschen Ausgaben der Zeitschriften „Wachtturm“ und „Erwachet!“ sowie die Wachtturm-Studienausgabe sind ab 2010 komplett online zugänglich. Täglich sollen etwa eine halbe Million Audiodateien, E-Book-Dateien, PDFs oder Videos in Gebärdensprache heruntergeladen werden, und täglich sollen auch etwa 100 Personen um ein Bibelstudium bitten. Diese Zahlen belegen, wie intensiv die Wachtturm-Gesellschaft sich auf zeitgemäße Kommunikationsmedien eingelassen hat. Auch in sozialen Netzwerken sind die Zeugen präsent. Die Februar-Ausgabe 2012 von „Erwachet!“ behandelte in der Titelgeschichte Gefahren und Chancen von Facebook, Twitter und Co: „Soziale Netzwerke sind eine super Möglichkeit, Kontakte zu pflegen. Aber wie bei allem anderen muss man einfach wissen, wann Schluss ist.“

Neben den modernen Medien werden die traditionellen Großveranstaltungen weiter gepflegt. Wie in jedem Sommer haben Jehovas Zeugen auch im deutschsprachigen Raum wieder ihre Bezirkskongresse durchgeführt. Zwischen dem 15. Juni und dem 12. August 2012 wurde das Programm „Behüte Dein Herz!“ nach eigenen Angaben auf 54 Kongressen in 27 Städten durchgeführt. Um die wachsende Besucherschar mit Migrationshintergrund direkt anzusprechen, wurden die Beiträge in 19 Sprachen übersetzt. Von den etwa 240000 Besuchern haben sich Berichten zufolge 1125 neue Gläubige im feierlichen Rahmen dieser Kongresse taufen lassen. Die Zahl der in Deutschland Getauften für das Jahr 2011 wird mit 2827 angegeben (Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2012, 45).

Die Missionsbemühungen scheinen also zu fruchten. Enthusiastisch heißt es in einem Brief der leitenden Körperschaft vom 1. August 2012, „euch treuen (über sieben Millionen!) Dienern Jehovas“ geschrieben: „Besonders ermutigend war für uns die beeindruckende Zahl der Besucher im Jahr 2011 bei der Feier zum Gedenken an den Tod unseres Herrn: 19374737! ... Ob ihr nun zu den 2657377 Hilfspionieren gehören konntet oder es sonst irgendwie probiert habt, mehr für Jehova zu tun – bei dem Gedanken an die Einsatzfreude, das Engagement, das ihr alle gezeigt habt, wird uns ganz waren ums Herz. Im letzten Jahr sind 263131 Neue dazugekommen“ (http://wol.jw.org/de/wol/d/r10/lp-x/302012006). Dass sich zu der merkwürdigen, einmal im Jahr stattfindenden Abendmahlfeier letztes Jahr weltweit mehr als 19 Millionen Menschen in den Königreichssälen versammelt haben, dokumentiert das Interesse bestimmter Bevölkerungsgruppen für diese Glaubensrichtung.

In der rückblickenden Jahresstatistik weist die Leitende Körperschaft der Wachtturm-Gesellschaft darauf hin, dass Lettisch und Litauisch die 99. und 100. Sprache waren, in der nun die Neue-Welt-Bibelübertragung vorliege. Voller Stolz stellte die Religionsgemeinschaft fest, dass ihre Sicht der biblischen Botschaft jetzt in doppelt so vielen Sprachen wie 2004 verfügbar sei. Damit könnten nun 76 Prozent der Weltbevölkerung die „Neue-Welt-Übersetzung“ ganz oder teilweise in ihrer Muttersprache lesen. Übersetzer in aller Welt seien emsig dabei, sie in noch mehr Sprachen zu übersetzen, damit sich Jehovas Königreich weiter ausbreiten könne. Schon jetzt sind die Erfolge dieser 142 Jahre jungen Gruppe „ernster Bibelforscher“ beachtlich: In Deutschland hat sie über 200000 Mitglieder (aktive Verkündiger 2011: 165387), weltweit etwa 7,5 Millionen.

Auch in der deutschen Öffentlichkeit kommen zunehmend andere Töne als „Sekte“ zum Vorschein. Das Fernsehteam eines Privatsenders durfte im Mai 2012 – nach eigenen Angaben erstmalig – Aufzeichnungen und Interviews in der Zeugen-Jehovas-Zentrale in Selters machen. Dabei ist ein unkritischer Beitrag herausgekommen, der das Konfliktpotenzial dieser umstrittenen Gemeinschaft übergangen hat (www.prosieben.de/tv/galileo/videos/clip/321351-mein-leben-als-zeuge-jehova-1.3202746). Allerdings werden nach wie vor auch Fernsehbeiträge ausgestrahlt, die sowohl Mitglieder als auch Aussteiger zu Wort kommen lassen. Die Sendung „Aufgewachsen mit Jehova“ gab ein relativ ausgewogenes Bild vom Konfliktpotenzial dieser Gruppe wieder (Reihe „Seelenfänger“, vom 21.3.2012, 3sat, abzurufen unter www.youtube.com).

Konflikte mit Jehovas Zeugen entzünden sich immer wieder an der Behauptung der Leitenden Körperschaft, den Fahrplan des Endgerichts Gottes genau zu kennen. Das Titelbild der Zeitschrift „Erwachet!“ vom September 2012 zeigt eine zerstörte Großstadt und die Fragen: „Geht die Welt unter? Was ist Fakt? Was Fantasie?“ Die Autoren beschreiben darin das derzeitige Endzeitfieber und berichten von dem angeblichen Weltuntergang am 21.12.2012. Mit eindrücklichen Bildern unterstreichen sie berechtigte Befürchtungen, die sich auf den Klimawandel, auf Seuchen oder einen potenziellen Atomkrieg beziehen. Doch nach Überzeugung der Zeugen Jehovas wird alles ganz anders kommen: „Es gibt eine Überlebensgarantie – für jeden, der sich so verhält, wie Gott Jehova es erwartet.“

Präziser wird der Endzeit-Fahrplan in der begleitenden Studienausgabe des Wachtturms vom 15. September 2012 erläutert. Unmittelbar vor Ausbruch des Tages Jehovas werden führende Politiker einschließlich der Religionsführer Frieden und Sicherheit ausrufen. Danach sollen „die Hure Babylon – alle falschen Religionen einschließlich der Christenheit“ (4) von den Vereinten Nationen angegriffen und vernichtet werden. Danach sollen auch Jehovas Zeugen unter Druck geraten. Weil sie aber unter dem Schutz Jehovas stünden, würden „die Unterstützer des Teufels ihre Waffen in panischer Angst und heilloser Verwirrung gegen die eigenen Reihen richten“ (6).

Das benutzerfreundliche und zeitgemäße Internetportal der Zeugen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Lehren Endzeitängste schüren und vernichtende Weltkriege prophezeien, in denen einzig Zeugen Jehovas das Überleben in Aussicht gestellt wird.

Michael Utsch

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