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Materialdienst 9/2012
Elisabeth Deutscher

Muslimische Seelsorge in Deutschland

Seelsorge wird in Deutschland weitgehend als ein unter spezifisch christlichen Gesichtspunkten entwickeltes Konzept verstanden, das in Verbindung mit einem professionellen psychologischen Ansatz im weitesten Sinne die Begleitung Ratsuchender und Notleidender durch eine meist neutrale Person und mit meist religiösem Bezug meint. Die Seelsorge im öffentlichen Raum ist durch Verträge zwischen den Bundesländern und den christlichen Kirchen geregelt und in vielen kommunalen Einrichtungen fest etabliert.

In der islamischen Welt ist eine derart institutionalisierte Seelsorge bislang weitgehend unbekannt, da Nächstenfürsorge zwar ausgehend von den Aussagen des Korans und der Hadithe eine kollektive Pflicht darstellt, die ihren Ausdruck aber zumeist in Besuchen des Kranken und Beistand in Leid und Not durch den Imam oder durch Familienangehörige findet. Muslime kennen keine besonderen Riten für Kranke (wie etwa Krankenabendmahl, Krankensalbung), für den Krankenbesuch sind keine ausgebildeten „Amtsträger“ nötig. Der Praxis liegt häufig ein traditionelles Krankheitsverständnis zugrunde, das Krankheit nicht selten als Prüfung von Gott oder als Strafe für begangene Sünden betrachtet.

Um den besonderen Bedürfnissen von Muslimen im Notfall-, Pflege- und Justizbereich entgegenzukommen, sind in Deutschland auf lokaler Ebene häufig entsprechende Angebote eingerichtet worden, wobei muslimische Seelsorgeangebote in Kliniken am meisten etabliert erscheinen. Im Notfallbereich werden muslimische Seelsorger oft bei Bedarf nachalarmiert. Die Betreuung in Justizvollzugsanstalten wird meist durch christliche Helfer oder vereinzelt durch muslimische Freiwillige geleistet. Eine muslimische Militärseelsorge besteht nicht. Neben der Forderung nach spezifisch muslimischer Betreuung der Klienten gibt es aus sprachlichen, kulturellen und religionsspezifischen Gründen häufig einen großen Bedarf an qualifizierten Dolmetscher- und Vermittlerrollen zwischen Klienten, Angehörigen und dem Personal, den meist weder christliche Seelsorger noch muslimische Imame oder Familienangehörige im erforderlichen Maße abdecken können. Um diesem Bedarf entgegenzukommen, das Angebot professionell ausgebildeter muslimischer Ehrenamtlicher auszuweiten und gleichzeitig die etablierten Seelsorgestandards und Rahmenbedingungen der Seelsorge in Deutschland (Schweigepflicht, der nichtmissionarische Charakter, Verbot des Missbrauchs der Seelsorgesituation, Methodik der Gesprächsführung etc.) zu gewährleisten, wurden in den letzten Jahren vor allem im Bereich der muslimischen Klinik- und Notfallseelsorge vermehrt entsprechende Ausbildungsangebote für muslimische Ehrenamtliche entwickelt. Sie versuchen zumeist, islamische Theologie mit humanwissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen aus der christlichen Seelsorge zu verbinden, und stoßen auf eine sehr positive Resonanz. Grundsätzlich bleibt aushandlungsbedürftig, wie sich ein christliches Seelsorgekonzept mit islamischen Vorstellungen verbinden lässt, ob der Begriff „Seelsorge“ adäquat ist und wie ein professionalisiertes Seelsorgeangebot von muslimischen Verbänden und Familien angenommen und unterstützt wird. Auch die Tatsache der noch offenen Frage nach einer juristischen Anerkennung islamischer Religionsgemeinschaften in Deutschland beeinflusst die organisatorische Koordination einer muslimischen Seelsorge.

Die einschlägigen Initiativen – die meist auch vom Europäischen Integrationsfonds (EIF) finanziell gefördert wurden – sollen im Folgenden skizziert werden.

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