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Materialdienst 8/2012
Hansjörg Hemminger

Die Welt und Gott in der Esoterik-Bewegung

Personaler Gott gegen kosmische Energie

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Erfahrung und Wissen

Die sogenannte freie Spiritualität und die Esoterik-Bewegung speisen sich aus zwei miteinander verschränkten Quellen: zum einen aus der Suche nach Wissen über Welten jenseits von Alltag und Sichtbarkeit, über geistige Welten, über Unter- und Oberwelten. Der klarste Ausdruck dieser Suche nach Wissen sind die „Okkultwissenschaften“ des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie die aus ihnen entstandenen esoterischen Systeme: das Rosenkreuzertum, die Theosophie, die Anthroposophie, der Spiritismus usw. Dabei sind zwei Ebenen der Erkenntnis zu unterscheiden: Den esoterischen Systemen ging es vorrangig um eine durch höhere, geistige Erkenntnis abgesicherte Weltdeutung. Den populären Formen des „höheren Denkens“, zum Beispiel der Neugeist-Bewegung, der Astrologie, dem „Channeling“, ging und geht es um Wissen, das von lebenspraktischem Nutzen ist. Die darauf aufbauende Praxis wird häufig mit dem unscharfen Begriff „Magie“ oder dem noch unschärferen Wort „Okkultismus“ charakterisiert.

Zum anderen speist sich die Esoterik-Bewegung jedoch auch aus dem, was man im weitesten Sinn als spirituelle Erfahrung von Über- und Unterwelten bezeichnen könnte. Dazu gehört die von der Esoterik-Bewegung vielfach ohne ihre Einbettung in historische Religionen übernommene Mystik, aber auch der Spiritismus in seiner Form als Parapsychologie; dazu gehören zahlreiche Meditationsmethoden vom Zen über tibetische Visualisierungen bis hin zum Sufismus. Veränderte Bewusstseinszustände sind für die Erfahrungssuche der „neuen Spiritualität“ die entscheidende, wenn auch nicht die alleinige Quelle. Prägend für die Deutung des Erlebten sind geistesgeschichtlich wiederum die Theosophie und im deutschen Sprachraum ihr von Rudolf Steiner entwickelter Zweig, die Anthroposophie. Gurubewegungen aus Indien, Satsang-Gruppen usw. spielen als Interpreten der esoterischen Spiritualität ebenfalls eine Rolle. Sie bewegen sich jedoch nicht weit von der theosophischen Rezeption des Hinduismus und Buddhismus weg.

Die folgenden Überlegungen beziehen sich vor allem auf die moderne, westliche Esoterik seit der „New Age“-Bewegung ab ca. 1985. Sie beziehen sich nicht auf die komplizierte Geschichte der Wechselbeziehungen und Überschneidungen von „western esotericism“ und moderner Kultur seit der frühen Neuzeit. Von daher kann auf eine für die gesamte Neuzeit tragfähige Definition von Esoterik verzichtet werden. Gemeint ist hier Esoterik als zeitgeschichtliches Phänomen, wie es ab den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts (in den USA früher) literarisch und als Lebensmacht beobachtbar ist. Diese Esoterik-Bewegung ist – um einer klassischen Unterscheidung zu folgen – eher mystagogisch als mystisch geprägt, da ihre Lehren und Praktiken weithin eine technische Verfügbarkeit spiritueller Erfahrungen voraussetzen. Wenn man davon spricht, dass die „Jesus-Energie“ im Kosmos zur Verfügung steht, von Heilern in Trance angezapft werden kann und von zuverlässigem praktischem Nutzen für das Heilen ist, hat man sich weit von einer unverfügbaren Begegnung mit dem Numinosen entfernt. Als Mystagogie bzw. als eine Mysterienschule ist die Esoterik-Bewegung trotz ihrer Erlebnisorientierung stärker am Wissen um spirituelle Gesetze und Methoden interessiert als am spirituellen Leben. Angeblich zuverlässiges, geheimes, exotisches oder archaisches Wissen (oder solches, von dem man das annimmt) ersetzt innerhalb der Bewegung das unsicher gewordene wissenschaftliche Wissen oder das abgegriffen wirkende christliche Denken. Von daher ist die moderne Esoterik weniger Religion als Weltanschauung, sie ist ein Wissenssystem mit überwiegend praktischem Nutzen für den Alltag und für eine „esoterische“ Lebensführung.

Ein verbreitetes, allerdings auch triviales Beispiel sind die „Bestellungen beim Universum“ der esoterischen Erfolgsautorin Bärbel Mohr, die 2010 im Alter von 45 Jahren an Krebs starb. In der Werbung heißt es: „Bestellungen beim Universum ist ein Handbuch zur Wunscherfüllung. Auf einmalig humorvolle und lockere Weise zeigt die Autorin Bärbel Mohr, wie man sich den Traumpartner, den Traumjob oder die Traumwohnung und vieles mehr einfach ‚herbeidenken’ und quasi beim Universum ‚bestellen’ kann. Sie bringt dem Leser bei, wie er lernt, auf seine innere Stimme zu hören, wie er sich selbst gegenüber eine stärkere Verpflichtung eingeht und wie er sein Leben positiver gestaltet.“2

Mohrs Werk gehört zum Feld des „Positiven Denkens“, das wiederum aus der Neugeist-Bewegung hervorging.

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Anmerkungen

1 Schriftliche Form eines Vortrags vom 15.2.2011 (Mainz), erweitert um Teilinhalte anderer Vorträge zum Thema „Esoterik“.
2 www.amazon.de/Bestellungen-beim-Universum-Handbuch-Wunscherfüllung/dp/393024313X (zuletzt abgerufen am 6.7.2012).

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