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Materialdienst 7/2012
Christian Ruch

Extra ecclesiam etiam salus?

Ritualdesign im außerkirchlichen Bereich

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Wie und warum stoßen Rituale, die vor allem anlässlich von Lebensübergängen im außerkirchlichen Bereich angeboten werden, auf eine anscheinend wachsende Akzeptanz? Die Frage stellt sich schon deshalb, weil sie für einen Teil des kirchlichen Personals eine veritable und daher zumindest teilweise ebenso unerwünschte wie lästige Konkurrenz darstellen. In diesem Zusammenhang ist neuerdings auch immer wieder von „Ritualdesign“ die Rede, ein Begriff der erst nach dem Jahr 2000 aufgetaucht ist.2 Die Schweizer Fernsehjournalistin Andrea Meier (bekannt als Moderatorin der „Kulturzeit“ auf 3sat), die sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit Ritualdesign befasst hat, meint dazu, dass dieser Begriff einem „Spannungsmomentum ausgesetzt“ sei, denn „beide Begriffe, Ritual und Design, trennt erst einmal ein beträchtlich gefühlter Altersunterschied. Rituale gibt es, seit der Mensch kulturelle Handlungen vollziehen kann. Sie haben mit dem Urwesen des Menschen zu tun. Dasselbe gilt natürlich für die Gestaltung. Doch sprechen wir heute von Design, verbinden wir dies mit einer modernen Lebenskultur, ganz egal ob es sich dabei um Architektur, Kunst oder Lifestyleprodukte handelt. Design ist der stetigen Wandelbarkeit unterworfen und folgt den Bedürfnissen der Gesellschaft. Auch Rituale und ihre Konstruktion folgen diesem Bedürfnis, doch stehen sie eben auch für das Urwesen jenseits von Raum und Zeit. Die Spannung, die diese beiden Worte vereint und gleichzeitig trennt, verbindet uns auch mit einem starken Gefühl des modernen Lebensmenschen. Einerseits freut er sich täglich über den technischen Fortschritt und genießt den modernen Lebenswandel mitsamt seiner Beschleunigung, andererseits sehnt er sich nach Langsamkeit und den Wurzeln der Weisheit und seines Urwesens. Mit diesem Gefühl, von dem Fortschritt getragen werden zu wollen, gleichzeitig aber in den Wurzeln des Urwesens ein Aufgehobensein zu finden, tritt die Klientel an den Ritualdesigner. Wenn er es gut macht, schafft er es, ein Stück gefühlte Zeit und Sehnsucht in ein modernes Ritual des Augenblicks zu verwandeln.“3

Doch was ist eigentlich ein Ritual? Der Soziologe Niklas Luhmann definierte Rituale kurz und bündig als „Prozesse feierlicher, wichtiger Kommunikation“.4 In dieser knappen Definition ist schon ein ganzes Bündel an Fragen angelegt: Was wird kommuniziert? Was heißt „feierlich“, was „wichtig“? Da die Systemtheorie davon ausgeht, dass soziale Systeme nur aus Kommunikation – und eben nicht aus Menschen! – bestehen, ist m. E. auch der thesenhafte Umkehrschluss zulässig, dass es sich bei Ritualen um soziale Systeme bzw. Kommunikation handelt – allerdings selbstverständlich nicht um dauerhafte soziale Systeme wie einen Staat, eine Familie oder eine Religionsgemeinschaft, sondern um ein zeitlich und räumlich sehr beschränktes System. Interessant ist an Luhmanns Definition, dass – im Gegensatz zu den zahllosen anderen Beschreibungen von Ritualen – aus seiner Sicht das Moment der Wiederholung offenbar nicht zwingend ein Merkmal rituellen Handelns sein muss. Darauf hinzuweisen ist gerade im Zusammenhang mit außerkirchlichen Ritualen sehr wichtig, weil deren Anbieter nämlich gerne darauf hinweisen, dass ihre Rituale individuell zugeschnitten sind und sich damit als einmaliges Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes vom angeblich standardisierten kirchlichen Ritual abheben.

Soziale Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich von ihrer Umwelt unterscheiden. Es muss also auch im sozialen System Ritual etwas geben, das es in der Umwelt des Systems nicht gibt, d. h. es existiert ein binärer Code, an dem sich die Unterscheidung zwischen System und Umwelt festmachen lässt. Berücksichtigen wir Luhmanns Definition, ist es wohl der binäre Code feierlich/profan und wichtig/unwichtig. Die Kommunikation des Rituals ist also feierlich und hebt sich damit vom profanen Alltag ab. Und sie hat einen wichtigen Inhalt, der das Ritual überhaupt erst rechtfertigt. Dass diese binären Codes im Zusammenhang mit den sogenannten „Alltagsritualen“ problematisch werden, sei hier nur kurz angemerkt, kann aber für unsere weitere Betrachtung wohl unberücksichtigt bleiben, gerade weil die Rituale zu Anlässen wie Beerdigungen und Hochzeiten die Alltagskommunikation unterbrechen. Rituale ziehen also damit in zweifacher Weise eine Grenze zwischen dem System und seiner Umwelt: räumlich, indem das Ritual in einem separaten lokalen Setting stattfindet (im Falle einer Hochzeit unter einem Baum, auf einem Ausflugsschiff, in einer konfessionell nicht gebundenen Kapelle oder zumindest einem abgetrennten Seitenraum des Restaurants, in dem anschließend gefeiert wird, und im Falle einer Bestattung auf dem Friedhof oder der dazugehörigen Räumlichkeit); sowie zeitlich, indem sich das Ritual vom Vorher und Nachher logischerweise unterscheidet, unterscheiden muss, sonst wäre das Ritual als solches gar nicht mehr erkennbar.

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Anmerkungen

1 Bei diesem Artikel handelt es sich um die gekürzte Version eines Vortrags im Rahmen der EZW-Fortbildungstagung „Kraftlose Zeichen oder heilende Symbole? Umgang mit Ritualen in neuen religiösen Bewegungen“ vom 24. bis 26.2.2012 in Berlin.
2 Vgl. Andrea Meier, Ritualdesign. Eine Analyse zu den performativen Designprozessen von Ritualen, unveröff. Masterarbeit, Zürich 2012, 11f.
3 Ebd., 12.
4 Niklas Luhmann, Funktion der Religion, Frankfurt a. M. 1982, 81.

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