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Materialdienst 7/2012
Anika Rönz

Die Emerging Church

"Eine dynamische Bewegung inmitten des gesellschaftlichen Wandels"

Religion und Kultur stehen in einem dynamischen und korrelativen Verhältnis zueinander. Es liegt somit in der Natur der Sache, dass Religionen sich innerhalb im Wandel begriffener gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Kontexte positionieren müssen. Im Wesentlichen ist ihr Verhältnis davon bestimmt, „ob sich eine Religion im Einklang oder im Konflikt mit der sie umgebenden Kultur versteht“.1

In genau diesem Spannungsfeld bewegt sich die „Emerging Church“ – eine dezentrale, konfessions- und nationenübergreifende christliche Bewegung2, die sich konstruktiv mit den Bedingungen der Postmoderne auseinandersetzen will, um Wege zu finden, unter diesen Bedingungen einen zeitgemäßen und zugleich evangeliumsnahen Glauben zu leben. Grundlegende Inhalte der Emerging-Church-Bewegung sind ein postmodernes Selbstverständnis, das Bestreben, „Kommunikationsstrukturen zu schaffen, Gedankenaustausch zu fördern“3 und kirchliche Strukturen, die in der Postmoderne nicht überleben können, zu erneuern.4 Die Vernetzung der Menschen und Gemeinden, die sich mit der Emerging Church identifizieren, erfolgt in hohem Maße über das Internet. Weblogs und Online-Netzwerke spielen eine große Rolle. Geografisch ist die Bewegung vor allem in Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland anzusiedeln.5

Der Theologe Tobias Faix, selbst ein bekannter Vertreter der Bewegung in Deutschland6, stellt fest, dass die „Emerging Church ... keine einheitliche oder gar zu definierende Methode oder ein Modell, sondern eine dynamische Bewegung inmitten des gesellschaftlichen Wandels“ ist.7 Im Folgenden soll diese von Veränderung und kultureller Dynamik geprägte Bewegung aus verschiedenen Positionen in den Blick genommen werden.

Generationskonflikte und Kerzenschein

Ende der 1980er Jahre erwuchsen in weiten Teilen Amerikas christliche Bewegungen, die einen Schwerpunkt auf generationsspezifische Gemeindearbeit legten. Man konzentrierte sich verstärkt auf die „Generation X“, jene Generation, die in den 1960er und 1970er Jahren geboren worden war und zu der die Gemeinden immer weniger Zugang fanden. Um diese Generation anzusprechen, versuchte man zunächst, Gottesdienste durch oberflächliche Veränderungen attraktiver zu gestalten, ohne jedoch in die in der Regel sehr strenge Kirchenpraxis einzugreifen. Schon bald erwuchs aus dieser Entwicklung die Erkenntnis, dass es nicht ausreiche, „nur den Musikstil zu verändern und Kerzen hinzuzufügen“8 – tiefgreifendere inhaltliche Veränderungen schienen notwendig. Im Laufe der 1990er Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt von der ursprünglichen Generationsthematik zu einer übergreifenden Problematik: Die Herausforderung lag nicht nur weiter darin, eine bestimmte Generation zu erreichen, sondern auf die sich wandelnden kulturellen Bedingungen im Allgemeinen zu reagieren – das Stichwort Postmoderne sollte den weiteren Diskurs bestimmen.9

Christsein in der Postmoderne

„Etwas anderes noch nicht ganz Greifbares beginnt – langsam aber immer stärker – aufzutauchen. Dieses Neue noch nicht wirklich Identifizierbare nennt man ... Postmoderne.“10 Die Bewegung der Emerging Church (oder Churches, will man ihre Heterogenität betonen) erlebt sich im Kontext einer Umbruchszeit zwischen zwei geschichtlichen Epochen, im Übergang von der Moderne zur Postmoderne.

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Anmerkungen

1 Richard Faber/Friethjof Hager (Hg.), Rückkehr der Religion oder säkulare Kultur? Kultur- und Religionssoziologie heute, Würzburg 2008, 217.
2 Von einigen wird der Begriff „Konversation“ dem der „Bewegung“ oder „Kirche“ vorgezogen, um die Diversität und Heterogenität der Emerging Church deutlich zu machen. Vgl. Ryan K. Bolger/Eddie Gibbs, Emerging Churches. Creating Christian Community in Postmodern Cultures, Grand Rapids 2005, 29.
3 www.emergent-deutschland.de (die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden zuletzt am 20.2.2012 abgerufen).
4 Vgl. Ryan K. Bolger/Eddie Gibbs, Emerging Churches, a.a.O., 28.
5 Vgl. ebd.
6 www.toby-faix.blogsport.com.
7 Tobias Faix/Daniel Ehniss, Die Emerging Church-Bewegung, in: Tobias Faix/Thomas Weißenborn (Hg.), Zeitgeist. Kultur und Evangelium in der Postmoderne, Marburg 2008, 141.
8 „A true emerging ministry ... is going beyond just changing the style of music and adding candles“ (Dan Kimball, zit. nach Ryan K. Bolger/Eddie Gibbs, Emerging Churches, a.a.O., 33).
9 Vgl. ebd., 32.
10 Tobias Künkler, Kurze Geschichte der Postmoderne, in: Tobias Faix/Thomas Weißenborn (Hg.), Zeitgeist, a.a.O., Marburg 2008, 17.

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