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Materialdienst 7/2012
Esoterik

Esoterik in der Wissenschaft?

Die wissenschaftliche Erforschung ungewöhnlicher Phänomene und unerwarteter Zusammenhänge wird auch hierzulande weiter vorangetrieben. Zwei diesbezügliche Universitätsprojekte haben in den letzten Wochen mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Am „Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften“ der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) wurde eine Masterarbeit angenommen, die als ein Hinweis für die Möglichkeit von Hellsehen verstanden werden kann. Kritiker bewerteten die Arbeit allerdings als eine „völlige Entgleisung akademischer Qualitätsstandards“. Am Institut West-Östliche Weisheit an der Universität Freiburg startete im Mai die zweijährige, berufsbegleitende Weiterbildung „Spiritualität und Interkulturalität“. Das von einem Freiburger katholischen Theologen initiierte Projekt will in Zusammenarbeit mit Religions- und Naturwissenschaftlern sowie Theologen die Grundlagen der wichtigsten spirituellen Traditionen untersuchen und in den interdisziplinären akademischen Diskurs stellen. Eine große Tageszeitung witterte gleich Aberglaube und Hokuspokus: „Raus aus der Schmuddelecke, rein in die Uni: Erstmals wird Esoterik in Deutschland zum Studienfach.“1 Obwohl beide Projekte unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen, stimmen viele Kritiker überein: Esoterik hat an einer Universität nichts zu suchen. Wie sind die beiden akademischen Projekte einzuschätzen?

Schon im Jahr 2010 war das Institut für Gesundheitswissenschaften an der Viadrina in die Schlagzeilen geraten, weil dort im Rahmen des 2009 begonnenen Masterstudiengangs „Komplementäre Medizin – Kulturwissenschaften – Heilkunde“ (seit 2012: „Kulturwissenschaften und komplementäre Medizin“) obskure Heilmethoden wie Energiemedizin und Geistheilung vermittelt wurden. Mittlerweile wurde die Zusammenarbeit mit einem externen Anbieter dieser Verfahren, der „Deutschen Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin“, eingestellt.2 Die wissenschaftliche Seriosität des Instituts wird jetzt jedoch durch die erwähnte Masterarbeit erneut infrage gestellt. Einer der 35 Absolventen des ersten Durchgangs des Studiengangs hat in seiner Masterarbeit in einer Pilot-Studie den statistisch signifikanten Nachweis erbracht, dass mithilfe eines sogenannten „Kozyrev-Spiegels“ telepathische Effekte erzielt werden können. Der Autor, ein Berliner Orthopäde, hatte sich dazu folgende Versuchsanordnung ausgedacht: In zwei kleine Aluminiumdosen, die den metrischen Vorgaben des großen Originals des Kozyrek-Spiegels entsprachen, und in zwei weitere Pappdosen wurden verschlossene Umschläge mit Zahlen zwischen null und neun gelegt. An den Dosen waren zwei Drähte befestigt, deren Metallgriffe die Versuchspersonen in die Hand nehmen sollten. Der auf den umstrittenen russischen Astrophysiker Nikolai Kozyrek (1908-1983) zurückgehende Spiegel solle es ermöglichen, eine Bewusstseinserweiterung zu erleben, weil kurzfristig die Raum-Zeit-Verschränkung unterbrochen werden könne. In seiner Masterarbeit beschrieb der Autor auch eigene Erfahrungen mit dem Spiegel, der ihm „die Induktion einer Selbsttrance mit verstorbenen Angehörigen“ ermöglicht habe.3 Doppelblind sollten die Versuchsteilnehmer die verdeckten Zahlen in den Dosen erraten. Bei der Hälfte der Versuche waren Metall- bzw. Papierdosen sichtbar, bei der anderen Hälfte nicht. Nur wenn die Teilnehmer sahen, dass die Zahl in der verspiegelten Dose lag, erhöhte sich der Trefferquotient geringfügig. Ein Hauptergebnis der Arbeit besagt, dass die Aluminiumdosen die intuitive Fähigkeit der Probanden unterstützen und deshalb von hellseherischem Vorteil seien.

Die Masterarbeit entspricht jedoch in vielen Punkten nicht akademischen Standards.

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Anmerkungen

1 www.sueddeutsche.de/bildung/freiburg-startet-esoterik-studium-gotteszeichen-im-nilpferdmaul-1.1356478 (30.5.2012).
2 Vgl. www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/kozyrev-spiegel-masterarbeit-an-der-viadrina-uni-belegt-hellsehen-a-831305.html (27.5.2012).
3 Peter Conrad, Der Kozyrev-Spiegel in der Praxis. Masterarbeit an der Europa-Universität, Frankfurt (Oder) 2011, 10 (abrufbar auf www.fostac.ch).

Michael Utsch  

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