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Materialdienst 6/2012
Claudia Knepper

Experiment Gemeinschaft

Die "Gemeinschaftsbewegung" der Ökodörfer und anderer alternativer Lebensentwürfe

In der Altmark, mitten auf dem flachen Land zwischen Salzwedel, Stendal und Wolfsburg wächst seit 15 Jahren ein neues Dorf heran. Programmatisch haben sich die Gründer den Namen „Ökodorf Sieben Linden“ gegeben. Es ist ein in Deutschland wohl einmaliger Vorgang, dass eine neue Siedlung außerhalb eines bestehenden Dorfes entstehen darf, genehmigt von einer damals rot-grünen Regierung in Sachsen-Anhalt. Politisch gehört Sieben Linden zur  Gemeinde Poppau, bekannt als „Mitte der Welt“ in Sten Nadolnys Roman „Ein Gott der Frechheit“. Als die Ökodörfler in den 1990er Jahren nach einer Gemeinde suchten, die sich auf das Projekt einer neuen Siedlung einlassen würde, fanden sie in Poppau einen Bürgermeister, der in dem geplanten Ökodorf eine Chance für die strukturschwache Region sah. In Zukunft sollen einmal 300 Bewohner auf einer aus ökologischen Gründen absichtlich knapp bemessenen Fläche zwischen Kiefernwald und Feldern in Häusern wohnen, die nach ökologischen Kriterien gebaut wurden. Im Moment leben rund 120 Männer, Frauen und Kinder in acht neu gebauten Häusern und in zahlreichen Bauwagen, die als Zwischenlösung zum Wohnen genehmigt wurden. Ein saniertes Hofgebäude dient als Gemeinschaftshaus. Die meisten Siedler sind zwischen 35 und 45 Jahren alt, haben einen Hochschulabschluss und oft mehrere Jahre Stadtleben sowie zum Teil bereits Erfahrung mit Gemeinschaftsprojekten hinter sich.

Das Interesse am Dorf ist groß und wächst weiter. Nicht nur zahlreiche Besucher kommen nach Sieben Linden, um dort zu erfahren, wie man selbst ähnliche ökologisch-soziale Gemeinschaftsprojekte aufziehen kann, auch Film und Presse, wie zuletzt National Geographic1, berichten über die Gemeinschaft, und Soziologen nehmen das Projekt mit wissenschaftlichem Interesse unter ihre Lupe. Das Dorf reagiert auf die zunehmende Aufmerksamkeit mit einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit. Die vielen Besucher erfüllen die Bewohner aber nicht nur mit Stolz, sondern sie bringen auch Unruhe in die Gemeinschaft, die noch im Aufbau begriffen ist. Jüngst hat der Dokumentarfilmer und Autor Michael Würfel, der selbst seit 2007 in Sieben Linden lebt, das lesenswerte Buch „Dorf ohne Kirche“ geschrieben, in dem er das Projekt aus der bewusst subjektiven Sicht eines Bewohners ausführlich vorstellt.2 Mit Bedauern stellt er im Gespräch zu spät fest, dass der Buchtitel in die Irre führen kann, wenn man ihn programmatisch versteht.3 Zum Ausdruck bringen wollte er lediglich den nicht traditionellen Charakter der neuen Siedlung, in der kein Kirchturm den architektonischen Mittelpunkt bildet. Im Dorf hat man nichts gegen Kirche, aber die Bewohner kommen wohl weitgehend ohne sie aus und praktizieren, wenn sie sich nicht als skeptisch in religiösen Dingen bezeichnen, eher freie spirituelle Formen, die durch esoterische, fernöstliche oder indigene Traditionen inspiriert sind. Allerdings, so betonen die Gesprächspartner aus Sieben Linden, gibt es im Dorf Christen, die gemeinsam Taizé-Andachten feiern, und der dorfeigene Chor hat auch schon mehr als einmal in der Poppauer Kirche gesungen. Das Dorf gibt sich betont tolerant und offen für viele Formen der Spiritualität.

Sieben Linden ist ein typisches Beispiel für eine Bewegung, die sich selbst „Gemeinschaftsbewegung“ nennt.4 Eine andere Selbstbezeichnung, die auch von der Soziologie übernommen wurde, ist „intentionale Gemeinschaften“. Im Folgenden soll die Bewegung der intentionalen Gemeinschaften vorgestellt werden. Zunächst wird versucht, die schwer greifbare, inhomogene Bewegung zu charakterisieren. Dabei wird in diesem Beitrag innerhalb der Bewegung die „sozial-ökologische Gemeinschaftsbewegung“ unterschieden, die sich als „die Gemeinschaftsbewegung“ versteht. Ein kurzer Rückblick wird an ähnliche Utopien und Gemeinschaftsprojekte in der Geschichte erinnern. Abschließend werden Fragen formuliert, die sich bei der Auseinandersetzung mit der Bewegung stellen. Die Bewegung „intentionaler Gemeinschaften“ Was vereint höchst unterschiedliche Gemeinschaften von christlichen Kommunitäten über sozial-ökologische, esoterische und links-politische bis zu radikal religiösen Gemeinschaften zu einer Bewegung?

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Anmerkungen

1 Siebo Heinken, Landlust in Sieben Linden, in: National Geographic, April 2012, 18-24.
2 Michael Würfel, Dorf ohne Kirche. Die ganz große Führung durch das Ökodorf Sieben Linden, Sieben Linden/Beetzendorf 2012.
3 Im Rahmen der Recherche zum vorliegenden Beitrag besuchte die Verfasserin im April 2012 das Ökodorf Sieben Linden sowie das Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) und sprach mit mehreren Mitgliedern beider Gemeinschaftsprojekte.
4 Nicht zu verwechseln mit der im 19. Jahrhundert wurzelnden pietistischen Gemeinschaftsbewegung.

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