publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 6/2012
Friedmann Eißler

"Islamisierung des Lebens"?

Zitate aus den Schriften der Gülen-Bewegung

Die türkisch-islamische Dienstgemeinschaft um den einflussreichen Prediger Fethullah Gülen setzt sich weltweit für Bildung in eigenen Schulen und Nachhilfegruppen, für interkulturelle Projekte und Völkerverständigung sowie für den Dialog der Religionen ein. Sie ist dezentral organisiert und basiert großteils auf dem weit überdurchschnittlichen ehrenamtlichen Engagement der zahllosen wohlintegrierten „Freiwilligen“, die ihre Freizeit der sozialen Umsetzung der Ideale Gülens widmen oder/und als zahlungskräftige Sponsoren auftreten. Unterstützt und getragen wird die Arbeit durch ein dichtes Netz von Wirtschaftsverbänden zumeist türkischstämmiger Unternehmer und ein differenziertes eigenes Medienangebot (z. B. Zaman, Die Fontäne, Ebru, Samanyolu).1

Struktur und Herkunft der Bewegung wie auch die Flexibilität der Lehren Gülens begünstigen das weitgehend säkulare Erscheinungsbild der Cemaat („Gemeinschaft“, so eine Eigenbezeichnung, ebenso Hizmet „Dienst“). Religion wird nicht öffentlich thematisiert geschweige denn in den Vordergrund gestellt, Mathematikwettbewerbe und Großveranstaltungen wie zuletzt die „Deutsch-Türkische Kulturolympiade“ in Frankfurt a. M. lassen von einer religiösen Motivation praktisch nichts erkennen.

Kritik richtet sich selbstverständlich nicht gegen eine religiöse Motivation als solche, pauschale Urteile oder gar Verurteilungen haben keinen Platz. Doch wenn die religiöse Motivation einhergeht mit Positionen und Haltungen, die den Konsens über Grundrechte und Grundwerte der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft infrage zu stellen geeignet sind, ist sachgemäße Kritik nötig. Dies ist in unterschiedlichen Milieus insbesondere des konservativen Islam in je unterschiedlicher Weise der Fall. Dies ist auch der Fall in der Gülen-Bewegung, auch wenn die kritisch zu betrachtenden Inhalte bislang öffentlich kaum zur Kenntnis genommen und diskutiert werden. Macht man sich freilich die Mühe, das Schrifttum von Fethullah Gülen zu lesen, so bekommt man einen Eindruck von der Ideologie, die etwa in den „Lichthäusern“ (verbindliche Wohngemeinschaften) an interessierte junge Menschen vermittelt wird. Hier wird der „Dienst“ für die Sache Gottes eingeübt, der höchste Opferbereitschaft sowie religiöse und soziale Verpflichtung erfordert.

Die in den inneren Kreisen gepflegte Beschäftigung mit den religiös-ideologischen Inhalten einerseits und die nach außen angebotenen gesellschaftlichen Aktivitäten andererseits werden weitgehend getrennt. Damit schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Diese Trennung entspricht der in „westlichen“ Gesellschaften vorangeschrittenen „Privatisierung“ der Religion als persönliche Angelegenheit (und kommt daher einem öffentlichen Interesse entgegen, erscheint „modern“ etc.); und sie verschafft den Gülen-Anhängern mehr oder weniger unbeachtete Freiräume für die (interne) Pflege eines äußerst konservativen islamischen Gedankenguts, das entschieden größerer öffentlicher und kritischer Aufmerksamkeit bedürfte.2 Genau hier entsteht eine Diskrepanz der Aktionsebenen, die von Kritikern der Gülen-Bewegung als Intransparenz beklagt wird.

An dieser Stelle kann nur eine eingehende Auseinandersetzung mit Fethullah Gülens Schriften angeregt werden. Zur Einführung folgen deshalb einige ausgewählte Originalzitate aus Schriften Gülens und aus dem Gülen-nahen Fontäne-Verlag in der jeweiligen deutschen Übersetzung (sofern nicht ursprünglich deutsch). Zitate sind notwendigerweise Ausschnitte ohne ihren Zusammenhang, was zu der Bemerkung Anlass gibt, dass die Auswahl sorgfältig und mit Blick auf das Gesamtverständnis Gülens erfolgt ist. Sie ist leicht erweiterbar und begründungsfähig. Nicht der prozentuale Anteil am Gesamtwerk macht die Brisanz von Positionen deutlich, sondern ihr systematischer Stellenwert und damit ihre hermeneutische Bedeutung fürs Ganze.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Siehe allgemein Friedmann Eißler, Die Gülen-Bewegung, in: MD 7/2011, 271-275 (s. auch www.ekd.de/ezw/Lexikon_2487.php).
2 Wie die Gülen-Bewegung zu dieser „Zweigleisigkeit“ kommt und wie sie diese begründet, müsste ausführlicher dargelegt werden, wozu hier nicht der Raum ist. S. dazu aber meinen Artikel Islamisierung profaner Arbeit als Dienst an der Menschheit. Zum Bildungsideal Fethullah Gülens, in: Reinhard Hempelmann (Hg.), Religionsdifferenzen und Religionsdialoge, EZW-Texte 210, Berlin 2010, 175-194.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!