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Materialdienst 6/2012
Karina Hawle

Der Dialog der Fethullahcis (Gülen-Bewegung)

Am 3. März 2011 wurde Ahmet Sik von der türkischen Polizei festgenommen, nach über einem Jahr Untersuchungshaft wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Offiziell warf man dem renommierten türkischen Journalisten der linksliberalen Zeitung „Radikal“ vor, Mitglied des geheimen nationalistischen Ergenekon-Netzwerks zu sein, einer Untergrundorganisation, die ab 2003 die konservativ-religiöse AKP-Regierung von Premierminister Tayyip Erdogan zu stürzen versuchte.

Da aber Sik selbst mit seinen investigativen Recherchen an der Aufdeckung der Ergenekon-Pläne beteiligt war, ist es nicht verwunderlich, dass der tatsächliche Inhaftierungsgrund von vielen in Siks angekündigtem Buch „Die Armee des Imam“ gesehen wird. Dieses sollte im Mai 2011 veröffentlicht werden und versprach aufsehenerregende Details über eine einflussreiche muslimische Gemeinschaft um den Prediger Fethullah Gülen publik zu machen – darunter eine jahrzehntelange, systematische Unterwanderung des Polizeiapparats durch die Gruppe. Gleich nach der Verhaftung Siks wurde die Veröffentlichung unterbunden und der Besitz des Manuskripts unter Strafe gestellt.

Dass die Fethullahcis, wie das Netzwerk um Gülen genannt wird, erheblichen politischen Einfluss besitzen, bezeugen die jüngsten Aussagen von AKP-Mitgliedern wie dem Abgeordneten Yalçin Akdogan, der in einem Interview verdeutlichte: „Es kann keinen Konflikt geben zwischen Mitgliedern der Gülen-Bewegung, die Premierminister Erdogan von Herzen lieben und AKP-Anhänger (sic), die Herrn Gülen lieben.“1

Von Kritikern wird die muslimische Bewegung sogar als „eine nebulöse islamistische Sekte, die vom mysteriösen Hocaefendi Fethullah Gülen geleitet wird“2, beschrieben. Fakt ist, dass die Fethullahcis in den letzten 30 Jahren ein effektives Privatschulsystem mit hohen Bildungsstandards entwickelt haben, mit der zweitauflagenstärksten Tageszeitung „Zaman“ meinungsbildend auf die türkische Bevölkerung einwirken und sogar ein eigenes Bankinstitut betreiben. Ihr Aktionsradius beschränkt sich nicht nur auf das Ursprungsland; weltweit gründet die „Armee des Imam“ Vereinigungen und Institutionen, über die sie nach Anregung Gülens an der Gestaltung der jeweiligen Gesellschaft aus ihrem religiösen Bewusstsein heraus Anteil nimmt. Schätzungen zufolge sollen sich dem Prediger über zehn Millionen Sympathisanten verbunden fühlen.

Eine Istanbul-Reise

Ich selbst machte mit dem Namen Fethullah Gülen Bekanntschaft, als ich mich im Sommer 2006 einer Istanbul-Reise der Theologiestudierenden meiner Diözese anschloss. Organisator war das Wiener Dialoginstitut „Der Friede“, das durch den muslimischen Bekannten eines Kommilitonen vermittelt worden war. In den Institutsräumlichkeiten in der noblen Wiener Innenstadt zeigten sich die Reiseveranstalter während des ersten Treffens offen und betonten die Vereinbarkeit von muslimischem Glauben und Moderne. Beim Rundgang durch das Friede-Institut fand sich im Gebetsraum eine Gegenüberstellung von Jesus Christus und Mohammed, die die Bedeutung des Propheten Jesus im Koran hervorhob. Pläne für die weitere Institutsgestaltung wurden geschildert, Zusammentreffen mit nationalen Politikern und Bildungseinrichtungen erwähnt, und das vielfältige Kursangebot wurde vorgestellt. Man betonte die Möglichkeiten des interreligiösen Austauschs mit christlichen Theologen während der Reise.

Der zweite Termin stand im Zeichen der Reisevorbereitung. Eine Präsentation gab einen Vorgeschmack auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt am Bosporus, allerdings wollte man uns trotz Nachfrage kein konkretes Reiseprogramm vorlegen – zugunsten der „Flexibilität“.

Doch die kulturell-religiöse Entdeckungsreise entpuppte sich vor Ort als Besuchsmarathon von Instituten und Vereinigungen wie der „Stiftung für Journalisten und Schriftsteller“, einer Privatschule, der Fatih-Universität und dem TV-Sender Samanyolu. Nach dem „Kaffeefahrten“-Prinzip stand täglich mindestens ein Termin mit Vorträgen, Videomitschnitten und der Überreichung von Publikationen eines Mannes mit Namen Fethullah Gülen auf dem „flexiblen“ Programm.

Kein einziges Mal war im Zuge der Reisevorbereitungen durch das Friede-Institut dieser Name gefallen und doch drehte sich unser Aufenthalt nur um diese viel verehrte Person und ihre Vision einer besseren Welt. Allabendlich folgte eine Essenseinladung bei reichen Verehrern des Predigers, für die auch lange Busfahrten in Kauf genommen wurden. Irritation und Unbehagen machten sich nicht nur bei mir breit.

Der Werdegang des „Hocaeffendi“

Fethullah Gülen lebt heute in den USA, von wo aus er sich regelmäßig zum aktuellen Tagesgeschehen zu Wort meldet. Die Türkei verließ er 1999, wo im selben Jahr Videobänder öffentlich wurden, in denen der Prediger zur Errichtung eines Gottesstaates durch islamistische Unterwanderung des Staates aufrief.

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Anmerkungen

1 Markus Bernath, Türkei: Let’s talk Gülen, erschienen am 19.2.2012 unter Markus Beys Blog, http://derstandard.at/1328508139892/Markus-Beys-Blog-Tuerkei-Lets-talk-Guelen (12.5.2012).
2 „Behind Turkey’s transformation has been not only the impressive AKP political machine but also a shadowy Islamist sect led by the mysterious hocaefendi (master lord) Fethullah Gülen ... Today, Gülen and his backers (Fethullahcilar, Fethullahists) not only seek to influence government but also to become the government“ (in: Rachel Sharon-Krespin, Fethullah Gülen’s Grand Ambition. Turkey’s Islamist Danger, in: Middle East Quarterly XVI/1 (2009), 55-66, www.meforum.org/2045/fethullah-gulens-grand-ambition (12.5.2012).

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