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Materialdienst 6/2012
Religiöse Landschaft

Internationale Studie über Gottesglauben und Atheismus

Eine international vergleichende US-amerikanische Studie über Gottesglauben und Atheismus bestätigt das Ergebnis anderer Studien, wonach in Ostdeutschland die Zahl der Atheisten im weltweiten Vergleich mit Abstand am höchsten ist und die Zahl derjenigen, die an einen personalen Gott glauben, am niedrigsten. Zugrunde liegen der Studie Umfrageergebnisse aus insgesamt 30 Ländern christlicher Prägung, die bei mindestens zwei von drei Befragungen in den Jahren 1991, 1998 und 2008 durch das „International Social Survey Programme“ (ISSP) berücksichtigt wurden, wobei Ost- und Westdeutschland getrennt untersucht wurden. Dabei handelt es sich um acht ehemalige Ostblockstaaten (einschließlich Ostdeutschlands), 14 westeuropäische Länder (einschließlich Westdeutschlands), Israel, Australien, Neuseeland, Japan, Chile, die USA und die Philippinen als einziges Entwicklungsland. Die Studie wurde jetzt von Tom W. Smith von der University of Chicago unter dem Titel „Beliefs about God across Time and Countries“ vorgestellt.

Die Studie zeigt eine große Bandbreite an Positionen zum Gottesglauben und zum Atheismus zwischen den Ländern im Jahr 2008 und in der zu beobachtenden Entwicklung über die Jahre. Der Atheismus ist am stärksten in Ländern protestantischer Prägung in Nordwesteuropa und den ehemaligen Ostblockstaaten vertreten, wobei Ostdeutschland mit 52,1 Prozent Atheisten die Liste der Länder anführt, gefolgt von Tschechien mit 39,9 Prozent. Westdeutschland liegt im Ländervergleich im Mittelfeld mit einem Anteil der Atheisten von 10,3 Prozent. In katholisch geprägten Ländern ist der Gottesglaube tendenziell stärker ausgeprägt. Die höchsten Zahlen für Gottesglauben (93,5 Prozent) und die niedrigsten Zahlen für Atheismus (0,7 Prozent) weisen die Philippinen auf. Als stark religiös und schwach atheistisch weist die Studie unter anderem auch die USA, Chile und Polen aus.

In fast allen Ländern geht der Gottesglaube leicht und kontinuierlich zurück. Ausnahmen mit einem deutlich gestiegenen Glauben an Gott sind Russland mit 17,3 und Israel mit 23 Prozentpunkten Zuwachs in den letzten 20 Jahren sowie Slowenien mit einem leichten Zuwachs um 2,7 Prozentpunkte. Bemerkenswert ist, dass der Atheismus in Ost- und Westdeutschland seit 1998 leicht abgenommen hat. Insgesamt scheint die Situation in Deutschland stabil zu sein. Zweifelsfrei an Gott glauben demnach 7,8 Prozent der Ost- und 26,7 Prozent der Westdeutschen. 13,2 Prozent der Ost- und 54,2 Prozent der Westdeutschen gaben an, schon immer an Gott geglaubt zu haben. Am wenigsten Zustimmung findet im internationalen Vergleich ein personaler Gottesglaube in Ostdeutschland mit 8,2 Prozent, gefolgt von Tschechien mit 16,1 Prozent. Westdeutschland liegt auch hier im internationalen Vergleich im Mittelfeld mit 32 Prozent der Befragten, die an einen personalen Gott glauben.

Die Studie stellt fest, dass der Gottesglaube länderübergreifend in der ältesten Kohorte am weitesten verbreitet ist. Dies führt Smith auf das Lebensalter zurück und eine entsprechend zunehmende Auseinandersetzung mit dem Tod. In Ostdeutschland ist auffällig, dass in der jüngsten Kohorte der Atheismus ebenso verbreitet ist (71,6 Prozent der unter 28-Jährigen geben an, nie an Gott geglaubt zu haben) wie in der Generation ihrer Eltern (72,6 Prozent). Hier zeigt sich, dass eine nichtreligiöse Haltung von einer Generation an die folgende „vererbt“ wird.

Der Trend des leicht abnehmenden Gottesglaubens könnte darauf hinweisen, so Smith, dass sich der Atheismus weiter verbreiten wird, ähnlich wie dies heute schon in Nordwesteuropa und den ehemaligen Ostblockstaaten der Fall ist. Aber auch ein anderes Szenario sei denkbar, wenn zum Beispiel die „existentielle Unsicherheit“ wachse. Smith weist aber auch auf die großen Unterschiede zwischen den Ländern hin, zum Beispiel im Blick auf Ostdeutschland an der Spitze der säkularisierten Länder und auf das benachbarte Polen, das zur Gruppe der religiösesten Länder gehört.

Claudia Knepper

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