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Materialdienst 6/2012

Soka Gakkai

Die japanische buddhistische Religionsgemeinschaft tritt als Gesellschaft für Frieden, Kultur und Erziehung auf und fördert Ausstellungen, Konzerte, kulturelle Projekte und Einrichtungen der Friedensforschung. Es bestehen Kontakte in Friedeninitiativen und bei Schulprojekten. Da die Laiengemeinschaft Soka Gakkai (Sôka Gakkai, SG) zeitgemäß in Erscheinung tritt, eine sehr einfache Methode des Chantens als Weg zum Glück empfiehlt und außerdem offensiv werbend aktiv ist, verzeichnet sie ein stetiges Wachstum bei hohem Anteil an Konvertiten.

Allgemeines

Soka Gakkai (= Wissenschaftliche Gesellschaft zur Schaffung von Werten) ist die größte religiöse Organisation Japans. Sie entstand ab 1930 um den Grundschullehrer Tsunesaburo Makiguchi (1871-1944), der mit dem Nichiren-Buddhismus in Berührung kam und seine Theorien zunächst unter philosophisch interessierten Lehrern verbreitete. 1937 gründete er mit seinem Schüler und engen Vertrauten Josei Toda (1900-1958) die Vorläuferorganisation der SG unter dem Namen „werteschaffende Erziehungsgesellschaft“ (Soka Kyoiku Gakkai). Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese von einer eher pädagogisch zu einer religiös ausgerichteten Gesellschaft. Nachdem Makiguchi im Gefängnis gestorben war, soll Toda in der Haft ein überwältigendes inneres Erlebnis gehabt haben, das ihn ab 1946 den Aufbau der Organisation unter ihrem heutigen Namen mit tiefer Überzeugung und fanatischem Missionseifer vorantreiben ließ. Mit aggressiven, militanten Methoden wurde Shakubuku geübt, wörtlich „Brechen und Unterwerfen“, ein Begriff, der mit einer feindlichen Einstellung gegenüber anderen buddhistischen Schulen und Religionen verbunden war. In einem viele Jahre verbreiteten Handbuch wurden entsprechende Missionsmethoden systematisch propagiert, was dem Image der SG besonders in Japan schadete.

Von Anfang an spielte die politische Ausrichtung eine erhebliche Rolle: 1964 wurde die „Gerechtigkeitspartei“, Komeito, als politischer Arm der Soka Gakkai gegründet, 1998 die Neue Komeito. Seit 1970 sind die (rechtsliberale) Partei und die SG formal getrennt, die personellen und inhaltlichen Verflechtungen sind jedoch weiterhin gegeben. Die SG ist auf diese Weise zumindest indirekt im japanischen Ober- und im Unterhaus vertreten und somit nicht nur zahlenmäßig mächtig und finanzstark, sondern auch die politisch erfolgreichste Bewegung in Japan. 

Von 1952 an war die SG für knapp 40 Jahre die Laienorganisation der von einer Priesterschaft geführten buddhistischen Nichiren-Schule, aus der sie nach heftigen Auseinandersetzungen 1991 – eigentlich aus politischen Gründen – „exkommuniziert“ wurde. Dies scheint Schock und Befreiung zugleich gewesen zu sein. Die SG agiert seither freier und entwickelt sich als eigenständige Religionsgemeinschaft mit mehrheitlich westlich sozialisierten Mitgliedern. Der bis dahin starke sakralgeografische und gar nationalistische religiöse Bezug zu Japan wurde relativiert.

Auf Toda folgte Daisaku Ikeda (geb. 1928) als dritter Präsident der SG und seit 1975 Präsident von Soka Gakkai International (SGI). Ikeda wird „verehrter Lehrer“ oder „ewiger Meister“ genannt und ist bis heute de facto das spirituelle Haupt der Gakkain, das von den Gläubigen bedingungslos verehrt wird. Unter seiner Leitung breitete sich die SG weit über Japan hinaus erfolgreich aus. Für Europa wurden vor Jahren 19000 Anhänger angegeben (Wieczorek). In Deutschland existiert die Glaubensgemeinschaft seit 1970 und hat sieben „Kulturzentren“, an erster Stelle in Mörfelden-Walldorf sowie die „Villa Sachsen“ in Bingen (seit 1997). SGI-Deutschland (SGI-D) gibt etwa 5000 Praktizierende an (Kötter: 2400 aktive Mitglieder), von denen 84 Prozent Konvertiten aus christlichem Hintergrund sind. SGI-D ist Teil der Soka Gakkai International (SGI), die etwa 12 Millionen Mitglieder in über 190 Ländern haben soll. SGI-D gehört nicht zur Deutschen Buddhistischen Union. Die Betonung von Bildung, Erfolg und Individualität lassen die SG als Elite-Religion erscheinen. Fast die Hälfte der Mitglieder (48 Prozent) haben einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss.

Lehre und Praxis

Soka Gakkai versteht sich – wie übrigens die konkurrierende Religionsgemeinschaft Rissho Koseikai auch – als Bewahrerin der Lehren des Mönchs Nichiren Daishonin (1222-1282). Angesichts zeitgenössischer Katastrophen wandte sich dieser gegen jenseitsorientierte Vertröstung und Aberglauben und betonte, dass allen Menschen die Buddhanatur innewohne und eine Erleuchtung in der gegenwärtigen Existenz möglich sei. Das radikal-reformerische sozio-politische Engagement Nichirens hatte Züge einer Endzeitprophetie und trug ihm häufige Konflikte mit den Herrschenden ein. Er stellte das Lotus-Sutra in den Mittelpunkt seiner Lehre, und von diesem wiederum die Titelzeile (Daimoku), deren sieben Schriftzeichen den gesamten Inhalt des Sutras und damit die Essenz der wahren Lehre des historischen Buddha manifestieren sollen. Nichiren verstand sich als Verkünder der Wahrheit des Lotus-Sutras und damit als Erneuerer des Mahayana-Buddhismus. Andere Glaubensweisen verwarf er als falsch und forderte zur Bekehrung auf. Dafür gebrauchte schon er den Begriff Shakubuku (s. o.), der zwar inzwischen eine andere Bedeutung erhalten hat, jedoch immer noch ein Ausdruck für die Gewinnung von neuen Gläubigen ist.

Im Mittelpunkt der religiösen Praxis steht Gongyo, das Chanten von Kapitel 2 und 16 sowie des Beginns des Lotus-Sutras: Nam(u)-myoho-renge-kyo (Namu myôhô rengekyô). Die Bedeutung dieser Worte wird so zusammengefasst: „Durch das Chanten manifestiere ich die in mir existierende Buddhanatur, durch die ich das Prinzip von Ursache und Wirkung in meinem täglichen Leben so anwenden kann, dass ich und meine Umgebung dauerhaft glücklich werden“ (www.sgi-d.org). Das regelmäßige Rezitieren soll die Buddhanatur wecken und hat heilsbringenden Charakter. Das Chanten, das rasche monotone Wiederholen derselben Silben oder Worte, geschieht vor dem Gohonzon, dem „Objekt der Verehrung“. Dies ist das Abbild eines kalligrafischen Mandalas Nichirens mit den Worten des Daimoku im Zentrum, das jedes Mitglied erhält und das den Gesamtinhalt der SG-Lehren symbolisch darstellt. Jeder Mensch, ob Mönch oder Laie, ob Frau oder Mann, besitzt das Potenzial zur Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben. Wie Nichiren lehrte, geschieht dies durch „Zehn Welten“ bzw. über zehn Stufen von Hölle und Hunger über das Lernen und die Teilerleuchtung bis zur vollkommenen Buddhaschaft. Die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad spielen im Nichiren-Buddhismus praktisch keine Rolle.

Durch intensives Chanten soll die eigene menschliche Revolution (ningen kakumei) ermöglicht werden. Das Chanten wird weniger meditativ als zumeist zielgerichtet geübt, man rezitiert das Mantra „für etwas“. Das entsprechende Verhalten im Alltag wird von Daisaku Ikeda für die Anhänger durch Reden und in zahllosen Printerzeugnissen verbindlich vorgegeben. Es soll positives Karma ansammeln, von dem – ganz diesseitig – Glück und materieller Erfolg erwartet werden. Darüber hinaus hat die SG einen universellen Anspruch ausgebildet, der durch Kosen-rufu realisiert werden soll, die Verbreitung des Buddhismus auf der Welt, die zugleich mit der Verwirklichung des Weltfriedens einhergehen soll. Ikeda greift diesen Anspruch immer wieder auf. Dies bedeutet für die Gakkain, sich über die internen Aktivitäten hinaus in der Gesellschaft für Frieden, Gerechtigkeit und den Dialog der Religionen einzusetzen. Die Werbung neuer Mitglieder ist dabei ein fester Bestandteil des Glaubenslebens (und der Nachweis von Erfolgen auf dem Gebiet notwendig, um in der Hierarchie der SG aufsteigen zu können).

Bei den wöchentlichen oder monatlichen Treffen, die in Privathaushalten stattfinden (es gibt keine Tempel), wird Daimoku gechantet und das Lotus-Sutra rezitiert, es werden „Ermutigungen“ gelesen, man tauscht sich über gemeinsame Themen aus und hört gelegentlich eine kurze Predigt über einen Abschnitt des Lotus-Sutras.

Einschätzung

Seit dem Bruch mit der Priesterschaft genießt Soka Gakkai als moderne Laienorganisation einerseits freiere Entwicklungsmöglichkeiten auch und gerade im Umfeld säkularisierter Spiritualität in westlichen Gesellschaften, andererseits wird ihre Praxis von anderen, traditioneller gebundenen Richtungen des Buddhismus kritisch bewertet. Treten inzwischen spezifisch japanbezogene Motive aus dem Entstehungskontext eher zurück, so bleibt eine strenge Hierarchisierung und Konzentration auf die Meister-Schüler-Bindung. Die an Personenkult grenzende Verehrung Daisaku Ikedas ist unangefochten, seine Weisungen haben höchste Autorität.

SG wird Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, Unterdrückung von kritischen Äußerungen und die (allzu strenge) Kontrolle der Mitglieder vorgeworfen. Die Übung des Shakubuku wird heute moderater interpretiert als früher. Dennoch bleibt eine vereinnahmende Werbung, in die auch viel Geld fließt, gepaart mit einer breiten Palette politischer und kultureller Aktivitäten.

Für manche Kritiker hat sich Soka Gakkai von den Grundlagen des Buddhismus weit entfernt. Welt- und lebensbejahende Diesseitsbezogenheit, Erfolgsorientierung und Glücksstreben werden dadurch unterstrichen, dass intensives und möglichst langes Daimoku-Chanten positives Karma ansammeln soll, das sich im Alltag handfest als Glück und (auch materieller) Erfolg niederschlage. Wenn sich das gewünschte Ergebnis nicht einstellt, wird nicht selten mangelndes Engagement für die Sache vermutet. Das kann zu erheblichem Druck und persönlichen und familiären Konflikten führen. Dass Glück im Vergleich zu traditionellen buddhistischen Wegen auf sehr einfache Weise zu erreichen sein soll, sorgt einerseits für innerbuddhistische Polemik, andererseits trägt die pragmatische Ausrichtung zur Attraktivität der SG im Westen bei.

Quellen

Charta der SGI (www.sgi-d.org/soka-gakkai/charta-der-sgi)
Ikeda, Daisaku, Das Buch vom Glück. Wie man mit buddhistischen Einsichten freudvoller lebt, aus dem Engl., München 22006

Zeitschriften

Express (monatliches Informationsblatt, SGI-D Mitgliederzeitung)
Dialog (monatliches Magazin der SGI Österreich)
Forum – Buddhistische Zeitschrift für Frieden, Kultur und Erziehung (zweimonatliches internes Studienmagazin)

Internet

www.sgi-d.org

Sekundärliteratur

Dehn, Ulrich, Soka Gakkai, in: Hempelmann, Reinhard u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 369-373
Dehn, Ulrich, Neue Religiosität und neue Religionen. Das Beispiel Soka Gakkai, Online-Texte der Evangelischen Akademie Bad Boll (www.ev-akademie-boll.de)
Kötter, Robert, Die Soka Gakkai International – Deutschland. Geschichte – Struktur – Mitglieder, REMID-Schriftenreihe Bd. 11, Marburg 2006
Krech, Hans/Kleiminger, Matthias (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 62006, 975-981
Wieczorek, Irina, Religion und Politik in Japan: Sôka gakkai und Kômeitô, in: Japan aktuell, August 2000, Hamburg: Institut für Asienkunde, 350-359 (s. auch www.buddhismuskunde.uni-hamburg.de/fileadmin/pdf/digitale_texte/Bd6-K05Wieczorek.pdf)

Friedmann Eißler

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