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Materialdienst 5/2012
Werner Thiede

Theodizee: Gottes Rechtfertigung durch sich selbst

Reflexionen zu einer religiösen und weltanschaulichen Grundfrage

Die Theodizeefrage benennt ein Problem, das alle Menschen kennen, die den Gottesgedanken auch nur halbwegs ernst nehmen: Es geht um die grundlegende Frage nach dem Verhältnis Gottes als dem Inbegriff des Guten einerseits und der Unvollkommenheit des Weltganzen wie der je eigenen Existenz andererseits.1 Nicht nur das Hiob-Buch im Alten Testament, sondern auch schon Siddhartha Gautama2 und andere haben sich mit dem Theodizeeproblem herumgeschlagen. Ob und wie es gelöst wird, hat entscheidende Konsequenzen für das Gottes- und Weltverständnis. Gautama etwa gründete den Buddhismus mit seiner atheistischen Note auf die These der Unlösbarkeit des Theodizeeproblems. Monistische Systeme leben davon, Leid samt allem Bösen irgendwie in ihren Gottesbegriff mit zu integrieren.3 Und die christliche Religion – steht sie im Grunde ähnlich wie der Buddha vor einem unlösbaren Rätsel, wie oft gemutmaßt wird? Solch eine Annahme entspräche nicht der neutestamentlichen Botschaft vom nahegekommenen Gottesreich, sondern ließe die Fragenden in einem heteronomen Gottesverhältnis verharren.

Ist christliche Religion vielleicht auf den monistischen Weg angewiesen, wie manche Religionsphilosophen, Theosophen, Theologen und Sekten meinen? Oder tut sich im Zeichen ihres trinitarischen Gottesglaubens ein eigener Weg auf, das theologisch, philosophisch und weltanschaulich so zentrale Problem der Theodizee zu lösen?

Ich plädiere für Letzteres.4 Als einmal im Fernsehen ein Beitrag über Hexenverbrennungen im Mittelalter lief, hatte mein damals siebenjähriger Sohn Johannes am Rande mitgehört. Mit Blick auf das Märchen „Hänsel und Gretel“ fragte er seine Mutter erstaunt: „Was, es gab damals ganz echte Hexen?“ Meine Frau antwortete: „Nein, man meinte nur, es seien Hexen gewesen. Es waren aber normale Menschen.“ Johannes: „Und die hat man verbrannt? Der arme liebe Gott! Da hat er die Menschen so schön gemacht, und dann wurden sie verbrannt ...“ Das können offenbar schon Grundschüler verstehen: Gott selber hat Grund, an seiner Schöpfung zu leiden! Dass er es bereitwillig tut, dafür steht das christliche Symbol des Kreuzes. Es bringt den dreieinigen Gott und das Leid auf einen Nenner. Zugleich ist es auch Symbol der Erlösung, der Befreiung vom Leid. Die christliche Erlösungsreligion macht Hoffnung darauf, dass Gott alles Leid einst überwinden und damit die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung herrlich erfüllen wird.

Diese Hoffnung lässt die Welt noch einmal ganz anders anschauen. Denn nur wenn die Welt auch anders sein kann, als sie ist, hat die Rede vom „Reich Gottes“5 Sinn. Das Neue Testament spricht vom universalen Gottesreich als der vollendeten Schöpfung, der ewigen Zukunft, die der Schöpfer dem All gewähren wird. Mit diesem Horizont kosmischer Erlösung erst wird die christliche Botschaft von Gott als Liebe möglich. Die Welt als Gottes Schöpfung kann letzten Endes auch anders sein, als sie ist – nämlich eine Wirklichkeit ohne Leid, ohne Schmerz und Tränen. Christus als der Mensch gewordene Sinn des Alls6 ist mit seiner Auferstehung auch die Ansage der Auferstehung aller Toten7, der göttlichen Zukunft aller Kreatur.

Ist aber Christus dieser letzte Sinn des Kosmos, dann und gerade dann drängt sich die Frage auf, warum die Welt nicht immer schon so ist, wie sie im Geist seiner Liebe sein könnte.

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Anmerkungen

1 Siehe zum Begriff Peter Gerlitz, Art. Theodizee I. Religionsgeschichtlich, in: TRE 23 (2002), 210-215, sowie meinen Art. Theodizee, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 13, Essen 2011, 458-464.
2 Dazu Werner Thiede, Buddha und Jesus, in: KuD 51 (2005), 33-51.
3 Das zeige ich in dem Aufsatz „Jenseits von Gut und Böse? Spiritueller Monismus als theologische und weltanschauliche Herausforderung“, in: Reinhard Hempelmann (Hg.), Religionsdifferenzen und Religionsdialoge, EZW-Texte 210, Berlin 2010, 259-268.
4 Ausführlich dazu mein Buch „Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee“ (Gütersloh 2007), das auch in spanischer Übersetzung vorliegt (Salamanca 2008).
5 Vgl. Werner Thiede, Art. Reich Gottes, in: TRT5, Göttingen 2008, 996-999.
6 Vgl. Werner Thiede, Wer ist der kosmische Christus? Karriere und Bedeutungswandel einer modernen Metapher, Göttingen 2001.
7 Dazu näherhin meine Dissertation „Auferstehung der Toten – Hoffnung ohne Attraktivität?“ (Göttingen 1991).

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