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Materialdienst 4/2012
Kai Funkschmidt

"Wir beten zu bestimmten Öffnungszeiten"

Die neucharismatische Bewegung der "Healing Rooms"

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Seit 2003 verbreiten sich in Deutschland sogenannte „Healing Rooms“2, eine aus den USA stammende christliche Bewegung ohne kirchliche Anbindung, bei der für Kranke um Heilung gebetet wird.3 Sie stehen in der Tradition regelmäßig wiederkehrender pfingstlerischer Heilungsbewegungen, wie es sie in Deutschland schon früher, ebenfalls aus den USA kommend, gab. Zurzeit bestehen in Deutschland 24 Healing Rooms, vor allem in Bayern, Baden-Württemberg (je sechs) und Hessen (vier). Nur einer liegt in Ostdeutschland (Sachsen). Erklärtes Ziel ist die deutschlandweite Verbreitung. „In den nächsten Jahren sollen allein in Deutschland über 100 Heilungsräume gegründet werden. Dazu schließen sich jeweils Christen aus unterschiedlichen Gemeinden in einem Team zusammen. Gemeinsam organisieren sie den Aufbau des Heilungsraums und finden die Mitarbeiter.“4 Allerdings hat sich die anfangs schnelle Zunahme deutlich verlangsamt, und angesichts der momentan abnehmenden Zahl Ehrenamtlicher ist es fraglich, ob das Ziel erreichbar ist.

Geschichte

Die Bewegung beruft sich auf den Kanadier John G. Lake (1870-1935). Lake durchlief eine methodistische Predigerausbildung, arbeitete aber zunächst als Ingenieur. Erst nach weiteren Erweckungserfahrungen, unter anderem in der Azusa Street Revival 1907, wo er die Geisttaufe empfing und in Zungen redete, ging er von 1908 bis 1912 als Missionar nach Südafrika, wo er die Pfingstkirche „Apostolic Faith Mission“ gründete und durch erste Gebetsheilungen auffiel. Diese Erfahrungen führten ihn 1915 nach seiner Rückkehr zur Gründung des ersten Healing Rooms in Spokane (Washington). Hier bildete er Gebetsteams aus und bot Hilfesuchenden Heilungsgebete an. Der Erfolg sei beträchtlich gewesen. „So genannte ‚Heilungstechniker’ beteten hier für kranke Menschen. Im Verlauf wurden 100000 Heilungen bezeugt“, woraufhin die Regierung der USA damals die Stadt Spokane zur „gesündesten Stadt der USA erklärt“5 habe.

Unter Lake haben die Healing Rooms nie eine größere räumliche Verbreitung gefunden und verschwanden offenbar schon zu seinen Lebzeiten wieder. Den Healing Room in Spokane leitete er nur bis 1920. Doch sein Erbe wurde nach seinem Tod 1935 in verschiedener Form weitergeführt bzw. wiedererweckt, in den USA unter anderem durch die von Nachfahren Lakes geleiteten „John G. Lake Ministries“ und den „International Apostolic Council“. Die John G. Lake Ministries bilden noch heute in Spokane sogenannte „Healing Technicians“ aus, sind aber auf die USA beschränkt.

Die frühen Healing Rooms lassen sich deutlich der ersten Welle der Pfingstbewegung zuordnen, wobei das Kernmerkmal schon damals war, dass unter den Charismen die Heilung nicht nur besonders herausgestellt, sondern institutionalisiert in gemeindeunabhängigen Einrichtungen durchgeführt wurde.

Als 1999 Cal und Michelle Pierce in Spokane einen „Healing Room“ gründeten, sahen sie dies als direkte Neubelebung der alten Idee. Unklar ist, warum sie sich zwar inhaltlich auf Lake beriefen, ihre Arbeit aber nicht im Rahmen der ebenfalls in Spokane ansässigen John G. Lake Ministries ausübten. Beide Bewegungen äußern sich kaum übereinander. Nur auf der Internetseite der John G. Lake Ministries wird kurz darauf hingewiesen, dass keine organisatorische Verbindung bestehe.

Nach Deutschland gelangte die Idee 2002, als Cal Pierce auf einer „nationalen Heilungskonferenz“ in Hannover sprach. 2003 wurde der erste deutsche Healing Room durch die Ehepaare Rolf und Erika Keusen und Bernd und Martina Hanheiser in Neu-Anspach gegründet. Im Januar 2004 folgte der Healing Room Augsburg unter Leitung des Arztes Wilfried Schürenberg und seiner Frau Anne. Der Healing Room Hanau wurde etwa zur gleichen Zeit vom Ehepaar Helmut und Doris Schank gegründet. Es folgte ein kleiner, aber steter Strom von Neugründungen, der momentan stagniert. Alle genannten Personen haben, soweit bekannt, keine formale theologische Ausbildung.

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Anmerkungen

1 Zitat von www.chz-online.de (die angegebenen Internetseiten wurden zuletzt am 10.2.2012 abgerufen, sofern nicht anders angegeben). – Dieser Beitrag geht auf eine umfangreichere Forschungsarbeit des Autors im Rahmen des EZW-Curriculums für Religions- und Weltanschauungsfragen zurück.
2 „Healing Rooms“ wird meist im Plural verwendet.
3 Grundlage der folgenden Ausführungen sind (neben schriftlichen Quellen und Medienquellen) Gespräche 2009 und 2010 mit den Leitern der Healing Rooms Hanau (Schank), Neu-Anspach (Funke, Strabel, Hoppert) und Augsburg (Ehepaar Schürenberg).
4 www.healingrooms.de/glaubensgrundsaetze.html.
5 www.healingrooms.de. Die Behauptung wird oft zitiert, ohne dass sich irgendwelche Belege finden.

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