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Materialdienst 4/2012
Liane Wobbe

Religiöse Feste in der Diaspora

Traditionsveränderung und öffentliche Präsenz (Teil 1)

Traditionsveränderung und öffentliche Präsenz (Teil 1) Zu den Feiertagen in Deutschland, die sich durch starkes religiöses Empfinden und gleichzeitig durch Konsumverhalten auszeichnen, gehören das Weihnachts- und das Osterfest. Christlichen Ursprungs zwar, jedoch von zahlreichen vorchristlichen Riten geprägt, wird vor allem das Weihnachtsfest von Christen, Atheisten und Andersgläubigen feierlich begangen. Doch zu wenige deutsche Bürger wissen bzw. nehmen öffentlich wahr, dass für Einwanderer aus anderen Ländern ganz andere Feste eine bedeutende Rolle spielen. So begehen Juden und Muslime, orientalische und orthodoxe Christen, Hindus und Buddhisten sowie Anhänger vieler kleiner ethnisch gebundener Religionsgemeinschaften auch in Deutschland ihre eigenen religiös und kulturell tradierten Feste – so gut es die Diasporabedingungen eben zulassen.

Feste und Feiertage fügen eine besondere Zeit in den Alltag ein, die den Gläubigen als „heilig“ gilt. Diese Zeit wird in der Familie, in der religiösen Gemeinschaft und in der Öffentlichkeit in besonderer Weise begangen. Die Menschen putzen ihre Wohnungen und kommen in festlicher Kleidung zusammen. Man tauscht gute Wünsche aus, beschenkt sich gegenseitig und nimmt am Festessen teil. Den Armen und Bedürftigen lässt man in dieser Zeit einen Geldbetrag, Essen oder andere Dinge zukommen. In den religiösen Gebäuden zelebrieren die Gläubigen besondere Rituale wie Lichteranzünden, rituelle Waschungen oder die Weihe von Opfergaben. Sie sprechen besondere Gebete, singen festspezifische Lieder und spenden eine größere Summe an Geld als zu anderen Zeiten. Anschließend findet meist ein gemeinschaftliches Essen statt. Prozessionen werden durchgeführt, Basare aufgebaut, festspezifische Artikel verkauft und in manchen Läden Süßigkeiten verschenkt.

Jedem Fest liegt ein besonderer Anlass zugrunde, z. B. die ursprüngliche Markierung des Übergangs der Jahreszeiten, das Ende der Regenzeit (Kathina), die Heldentaten eines Menschen oder Volkes (Chanukka), die Geburt oder der Tod eines Propheten oder Religionsgründers (Weihnachten, Vesak). Solche Anlässe wurden im Laufe der Zeit oft in besondere Legenden gekleidet, die man, ausgeschmückt mit wundersamen Ereignissen, in den jeweiligen Heiligen Schriften finden kann und die bei den entsprechenden Festen thematisiert werden.

Die Art der Gestaltung eines Festes steht oft in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Anlass und der Festtagslegende und wurzelt demzufolge in einem ganz bestimmten geografisch, landwirtschaftlich, historisch-politisch, sozial und religiös bedingten Kontext des Herkunftslandes. Werden solche Jahresfeste jedoch in andere Länder transportiert, treten bei der Zelebrierung starke Veränderungen in zeitlicher und ritueller Hinsicht auf, da sich die herkömmlichen Hintergründe und Bedingungen nicht einfach auf das neue Land übertragen lassen. So sind zwar viele ethnisch-religiöse Gruppen bemüht, die Traditionen ihrer Festgestaltung auch fern der Heimat beizubehalten. Jedoch kann man bei genauerem Hinsehen feststellen, dass zahlreiche Anpassungen an die neuen Gegebenheiten erfolgt sind. Es kommt zu Veränderungen von Kultorten, -zeiten und -gegenständen, von Ritualabläufen und, wie wir sehen werden, nicht zuletzt zur Integration christlicher, insbesondere weihnachtlicher Bräuche. Und es stellt sich die Frage: Wie präsent sind jüdische, christlich-orthodoxe, muslimische, hinduistische und buddhistische Feste eigentlich für die deutsche Mehrheitsgesellschaft?

Mehrere Neujahrsfeste in einem Jahr

Obwohl sich der Gregorianische Kalender als offizielle Zeitrechnung weltweit durchgesetzt hat, gibt es allein in Deutschland neben dem Neujahrstag am 1. Januar mindestens fünf weitere Tage, an denen das neue Jahr von Menschen anderer Religionen und Länder begrüßt wird. So feiern zum Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar Buddhisten aus China das „Guo nian“-Fest und Buddhisten aus Vietnam das Tet-Fest. Iraner, Afghanen und verschiedenstämmige Kurden begehen am 20. und 21. März das persische Neujahr „Nouruz“. Im arabischen Monat Muharram1 wird das muslimische Neujahr „Al Hijrah“ eingeleitet. Hindus aus Südindien und Sri Lanka begrüßen mit dem Pongal-Fest, Buddhisten aus Thailand, Laos und Kambodscha mit dem Songkran-Fest den Jahresanfang am 13.und 14. April. Den Abschluss im Jahreskreis bildet das jüdische Neujahr „Rosh ha-Shana“ am 29. und 30. September, an dem jüdische Gläubige den Beginn der Schöpfung feiern. Interessant ist, dass all diese Gemeinschaften sich auch noch in der Diaspora am jahreszeitlich bedingten Kalender ihres Herkunftslandes orientieren und ihre religiösen Feste danach ausrichten.

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Anmerkung

1 Die islamische Zeitrechnung beginnt mit dem 1. Muharram (16. Juli) 622, dem Beginn des von der islamischen Tradition festgelegten Jahres der Auswanderung des Propheten Mohammed aus Mekka, und orientiert sich am Verlauf des Mondes. Da die Mondmonate nur aus 29 oder 30 Tagen bestehen, verschieben sich die muslimischen Feste, gemessen an unserem Sonnenkalender, jedes Jahr um elf Tage nach vorn.

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