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Materialdienst 4/2012
Claudia Dantschke

Muslimische Jugendszenen in Deutschland

Für viele Jugendliche, die unter der Bezeichnung „muslimische Jugendliche“ gefasst werden, ist die Religion zwar ein wichtiger Teil ihrer Identität, aber nur eine Minderheit definiert sich selbst primär religiös. Die Autorin zeigt, dass sich das Segment der sich primär religiös definierenden muslimischen Jugendlichen in zahlreiche Gruppen und subkulturelle Milieus aufteilt. Diese Jugendszenen sind zum Teil klar voneinander abgegrenzt, zum Teil überschneiden sie sich. Die Szene ist insgesamt sehr vielfältig und dynamisch, sie verändert sich stetig.


Jung, deutsch und Muslim

„Jetzt sprechen wir!“, titelt selbstbewusst das Blog des muslimischen Jugendmagazins „Cube-Mag“. Anfang 2010 ging die erste Ausgabe dieses deutschsprachigen Magazins online, damals noch unter dem Namen „Muslim – The Next Generation“. Inzwischen ist das fünfte Heft mit einer Druckauflage von 2500 Exemplaren erschienen. Muslimische Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren haben sich hier zusammengetan, um „endlich nicht mehr stumm dazusitzen und sich anhören zu müssen, wie man als Muslim denn wirklich sei, was man denke und warum man wie handeln würde“.1 Zwar finanziert sich das Projekt inzwischen durch Verkauf und Werbeanzeigen, doch wird es maßgeblich getragen von dem ehrenamtlichen Engagement seiner Autorinnen und Autoren. Es sind junge Leute, „die zumeist in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Sie sind hier zur Schule gegangen, machen jetzt ihr Abitur, studieren oder arbeiten bereits. Ihre Religion, der Islam, ist es, was sie vereint und dazu bewegt aktiv zu sein“2. „Was uns vielleicht herausstellt ist, dass wir jung sind, dass wir kreativ sind, dass wir uns mit der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind, identifizieren und versuchen, hier auch die muslimische Identität mitzugestalten“, beschreibt der Marketingbeauftragte Nabil Chabrak in einem Interview mit Muslime-TV3 die Macher seines Heftes.

Das „Cube-Mag“ ist kein oberflächliches Lifestyle-Magazin, aber auch kein islamisch-theologisches Heft. Die Autoren wenden sich mit ihren Artikeln an Muslime wie an Nichtmuslime und bieten einen vielfältigen und auch selbstkritischen Einblick in „die Themen und Ideen, die unsere Generation bewegen, beschäftigen und aufwühlen“. So werden innerislamische Tabuthemen aufgegriffen, um einen Austausch mit den eigenen Eltern und religiösen Vorbildern voranzubringen. Selbstbewusst setzen sich die Autoren aber auch mit den Mythen auseinander, die sich um muslimische Jungen und Mädchen ranken, oder mit Projektionen, derer sie sich ständig argumentativ erwehren müssen. Analysiert werden zudem die politischen Entwicklungen in den arabischen Ländern oder die empfundenen Einschränkungen der Religionsfreiheit in europäischen Ländern, wenn es um den Islam geht.

Herausgeberin des Magazins ist die 21-jährige Studentin Yasmina Abd el Kader. Sie engagierte sich bereits in Bremen bei der muslimischen Jugendinitiative „Lifemakers“. Das Credo des „Cube-Mag“ – sich an den Diskussionen in der Gesellschaft aus muslimischem Blickwinkel zu beteiligen und der muslimischen Jugend eine Stimme zu geben – ist letztendlich die publizistische Umsetzung des „Lifemakers“-Ansatzes.

Die Idee der „Lifemakers“ stammt von dem „bekanntesten arabischen TV-Imam“, dem ägyptischen Fernsehprediger Amr Khaled. In seinen seit 2004 sowohl im arabischen Raum als auch in Europa ausgestrahlten Fernsehshows wandte sich Amr Khaled speziell an die muslimischen Jugendlichen und ermutigte sie, sich in ihren jeweiligen Gesellschaften progressiv einzubringen. Er stärkte das Selbstwertgefühl junger Muslime, indem er ihnen deutlich machte, dass sie ihren Gesellschaften etwas zu bieten haben. Überall entstanden kleine Gruppen und Netzwerke, die sogenannten „Lifemakers“. In Deutschland begann diese Bewegung im Jahr 2005 und umfasste in kürzester Zeit etwa 400 aktive muslimische Jugendliche zwischen 16 und 30 Jahren, darunter ein hoher Anteil Mädchen und junge Frauen.

Inzwischen hat die Initiative „Lifemakers“ als Struktur zwar an Bedeutung verloren. Die dahinterstehenden Ideen Amr Khaleds finden aber in vielfältiger Form ihre praktische Umsetzung.

Islamische Vielfalt

Während sich ein Teil der muslimischen Jugendlichen zu neuen Initiativen und Netzwerken zusammenfindet, versuchen andere, ihren Platz in den klassischen Islamverbänden zu finden.

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Anmerkungen

1 „Pssssst, über solche Themen redet man doch nicht!“, http://islam.de/19814. (Die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden am 6.3.2012 abgerufen.)
2 Siehe: „Über uns“ auf: www.cube-mag.de.
3 http://muslime.tv/?p=1241.

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