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Materialdienst 3/2012
Hansjörg Hemminger

Von der Ursuppe zum Punkt Omega

Die Evolution des Lebendigen aus kosmischer Perspektive

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Evolutionstheorie und Evolutionsphilosophie

Wenn man über Evolution spricht, haben die meisten Menschen eine Milliarden Jahre umgreifende Naturgeschichte vor Augen, die Kosmologie, Geologie, Biologie und vielleicht sogar die Menschheitsgeschichte einschließt. Sie vertrauen darauf, dass es sich dabei um eine Geschichte auf naturwissenschaftlicher Grundlage handelt, auch wenn ihnen vielleicht bewusst ist, dass das große Evolutionsgemälde selbst keine naturwissenschaftliche Theorie ist, sondern allenfalls solche Theorien interpretiert. Aus dieser Interpretation entsteht eine großartige Welterzählung:

Das Leben begann mit einer geheimnisvollen chemischen Reaktionsfolge. Durch anorganische Prozesse entstanden zuerst komplexe, aber nicht reproduktionsfähige Moleküle in einer hypothetischen „Ursuppe“. Je nach Modell waren es vielleicht auch molekulare Filme, die einer mineralischen Oberfläche anhafteten. Der Übergang zu reproduktionsfähigen, zur Umwelt hin abgegrenzten Systemen war gleichzeitig der erste Schritt zum lebenden Organismus, der vor rund 4 Milliarden Jahren getan wurde. Die Fossilien simpler Einzeller tauchten aus geologischer Sicht nur wenig später auf, die höheren Zellen (Eukaryoten) entstanden vor 2 Milliarden Jahren. Die ersten Vielzeller existierten damals vermutlich ebenfalls schon, sind aber nur schlecht überliefert. Komplizierte vielzellige Lebewesen (die Ediacara-Fauna) gab es vor 610 Millionen Jahren, die Wirbeltiere vor 500 Millionen, die Säugetiere vor 200 Millionen, die höheren Primaten vor 40 Millionen, die Gattung Homo vor 2,5 Millionen Jahren und schließlich den Menschen als Art Homo sapiens vor höchstens 200000 Jahren.

Von dieser „großen Erzählung“ über Ursprung und Werden der Welt, des Lebens und des Menschen geht eine Faszination aus, die weit über die Biologie hinausreicht. Sie erzeugt eine umfassende Evolutionsidee, ein evolutionäres Weltgemälde, von dem man die biologische Theorie im engeren Sinne unterscheiden muss. Der Freiburger Molekularbiologe Rainer Hertel nennt zwei Bedeutungen des Evolutionsbegriffs: „... eine schlicht-biologische und eine große, umfassend-philosophische. Die Evolutionslehre im engeren Sinne, das innerbiologische Denken über Stammesgeschichte, ist vom Neodarwinismus geformt; sie handelt von Variation (Mutation und Rekombination), Selektion (natürliche Auslese), ökologischen Nischen und Artbildung ... Die andere, mehr philosophische Edition – man darf die Große Evolution auch Weltlauf oder Weltgeist nennen – umfasst Geburt und Entwicklung von Sternen an einem Ende und die Evolution der Kultur und Ökonomie am andern. Die Biologie ist der Mittelteil ... Die große Theorie betont – auch in der Biologie – die Entstehung von Neuem, die Zunahme an Komplexität, das Aufkommen immer höherer Organisation: Atome, Moleküle, Zellen, Organismen, Populationen und intelligente Strukturen, vom Wasserstoff zum Geist.“2

Derzeit steht der Begriff „Evolution“ inflationär für alles, was sich irgendwo und irgendwie über längere Zeit entwickelt und bei dem vielleicht (nicht einmal das ist immer der Fall) eine Form von Konkurrenz und Selektion beteiligt ist. Meist handelt es sich allenfalls um Analogien zur Evolutionstheorie im biologischen Sinn. In der Philosophie – man denke an geschichtliche Entwicklung des Geistes bei Hegel – und in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (z. B. bei von Hayek) spielten und spielen solche Analogien eine wichtige Rolle. Eine Reihe von „Brückendisziplinen“ sind entstanden, die beanspruchen, neodarwinistische Evolutionsmodelle auf andere Disziplinen auszuweiten: evolutionäre Erkenntnistheorie, evolutionäre Ethik, evolutionäre, kognitive Religionstheorie usw. Diese Versuche sind einerseits fruchtbar, lassen aber andererseits häufig die methodischen und theoretischen Unterschiede zur Naturwissenschaft verschwimmen oder beanspruchen sogar, selbst reine Naturwissenschaft zu sein. Ein Beispiel, das Konzept der „Meme“, wird noch betrachtet werden. Kann man diese Brückenbauten zwischen Biologie und den Sozialwissenschaften, bis hin zur Philosophie, als den Versuch verstehen, die „Entwicklung des Weltgeistes“ zu erfassen, wie Rainer Hertel vorschlägt?

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Anmerkungen

1 Überarbeitetes Manuskript eines Vortrags, der am 22.10.2010 bei der Jahrestagung der Karl-Heim-Gesellschaft in Bad Urach gehalten wurde.
2 Rainer Hertel, Evolutionsbiologie, Ethik und die Furcht vor der Ungleichheit, in: Johannes Fehrle / Rüdiger Heinze / Kerstin Müller (Hg.), Herausforderung Biologie. Fragen aus der / an die Biologie, Berlin 2010, 4.

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