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Materialdienst 3/2012
Matthias Roser

"The Genesis Flood"

Ein kreationistischer Klassiker wurde 50

Auf den Internetseiten der beiden wichtigsten kreationistischen Organisationen der USA, dem „Institute for Creation Research“ und „Answers in Genesis“, wurde schon seit geraumer Zeit auf ein besonderes Jubiläum hingewiesen: Vor 50 Jahren erschien einer der kreationistischen Klassiker des 20. Jahrhunderts: „The Genesis Flood“ von John C. Whitcomb und Henry M. Morris.1 Auf der Internetseite von „Answers in Genesis“ wurde eine Jubiläumsausgabe mit folgenden Worten beworben: „Vor über 50 Jahren kamen Henry Morris und John Whitcomb zusammen, um gemeinsam ein kontroverses Buch zu verfassen, das den Dialog und die Debatte über Darwin und Jesus, Naturwissenschaft und Bibel, Evolution und Schöpfung aufs Neue entzündete. Dialog und Debatte führten dann zu dem, was seither als ‚Schöpfungswissenschaft’ (creation science) bezeichnet wird. The Genesis Flood vermochte es, viele Fragen über die Sintflut zu beantworten: Woher kamen die Wasser der Sintflut? Wohin verschwanden diese Wasser wieder? Wie konnte Noah die Landtiere an Bord der Arche versorgen?“2

Sowohl in seriösen historiografischen – die Geschichte des US-amerikanischen Kreationismus beschreibenden Publikationen3 – als auch in Veröffentlichungen aus dem Umkreis der kreationistischen Subkultur der USA und Großbritanniens4 werden die weitgehenden Einflüsse bzw. das Alleinstellungsmerkmal von „The Genesis Flood“ für die Geschichte des jüngeren Kurzzeit-Kreationismus unisono betont. Welche theologie- bzw. frömmigkeitsgeschichtlichen Faktoren machen nun dieses Alleinstellungsmerkmal aus, das die Pub-likation aus der Masse z. T. längst vergessener Werke heraushebt? Immerhin erschien das Buch passgenau zum Jubiläum in der 50. Auflage, und es wurden weltweit bisher ca. 300000 englischsprachige Exemplare verkauft. Auch der Frühgeschichte (bis ca. 1985) der größten und wichtigsten deutschsprachigen kreationistisch orientierten Organisation, der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, gab die Publikation und das letztendlich als Konsequenz dieser Publikation gegründete Institute for Creation Research wesentliche Impulse.5

„The Genesis Flood“ im zeitgeschichtlichen Kontext 

John C. Whitcomb und Henry M. Morris6 legen in ihrem Gemeinschaftswerk erste Bausteine für den Entwurf eines überfachlichen Metasystems jeweils miteinander korrelierender, biblizistisch genormter Naturwissenschaften (oder anders formuliert: Bausteine für einen Systementwurf eines „Denkens des Ganzen“7) vor, die entsprechend der Biografie der beiden Autoren und ihrer je unterschiedlichen theologischen (John C. Whitcomb) bzw. naturwissenschaftlichen (Henry M. Morris) Ausbildung durchaus unterschiedliche Akzentuierungen aufweisen. Dieses – für die Autoren bereits am Horizont aufscheinende – missionarisch ausgerichtete Metasystem verspricht, die gerade in den USA der 1950er und 1960er Jahre bereits lange schwelende, aber nun neu aufbrechende, schier unüberwindlich erscheinende Diastase von christlichem Schöpfungsglauben und Naturwissenschaften wieder zu überbrücken. Das Aufbrechen dieser Diastase wird in den USA Mitte der 1950er Jahre im öffentlichen Bewusstsein intensiv registriert und diskutiert. Analoges gilt für die theologische und gemeindliche Wahrnehmung bzw. Diskussion des Verhältnisses von biblischem Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie.8

Die öffentliche Wahrnehmung in den USA wurde 1957 und in den folgenden Jahren maßgeblich durch den sogenannten Sputnik-Schock in der Hochphase des Kalten Krieges geprägt. Der UdSSR war es 1957 gelungen, mit dem unbemannten Satelliten Sputnik I die erste Etappe im Krieg um die Eroberung des Weltraums für sich zu entscheiden. Als direkte Konsequenz dieses Ereignisses, das in der zeitgenössischen Presse mit dem Trauma von Pearl Harbour 1941 verglichen wurde, unterschrieb Präsident Eisenhower 1958 den National Defence Education Act (NDEA).9 Das dadurch initiierte millionenschwere Bildungsprogramm hatte die im Argen liegende naturwissenschaftliche Bildung der amerikanischen Schüler bzw. College-Studenten im Blick. Naturwissenschaftliche Bildung war plötzlich zur Angelegenheit der nationalen Sicherheit geworden.

„The Genesis Flood“ kann als direkte Reaktion und als Versuch einer evangelikal-fundamentalistischen Antwort auf den NDEA und insbesondere die Schulbuchprojekte für den Biologieunterricht verstanden werden.

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Anmerkungen

1 John C. Whitcomb / Henry M. Morris, The Genesis Flood. The Biblical Record and Its Scientific Implications, Philadelphia, Pennsylvania, erschienen im Oktober 1961. Im Folgenden wird durchgehend aus der 6., textidentischen Auflage 1964 zitiert. Deutsch: Die Sintflut. Der Bericht der Bibel und seine wissenschaftlichen Folgen, übers. von Eckhard Schnabel, Neuhausen-Stuttgart 1977.
2 www.answersingenesis.org/PublicStore/product/Genesis-Flood-The,4593,226.aspx (2.2.2012, Übersetzung M.R.).
3 Vgl. Ronald L. Numbers, The Creationists. From Scientific Creationism to Intelligent Design, Cambridge, Mass., 2006; Eugenie C. Scott, Evolution vs. Creationism. An Introduction, Berkeley 2009; Edward J. Larson, Trial and Error. The American Controversy over Creation and Evolution, New York 1985.
4 Z. B. Paul Garner, The Genesis Flood, www.biblicalcreation.org.uk/scientific_issues/Garner_The_Genesis_Flood_50_Years_On.pdf (3.10.2011).
5 Vgl. den Bericht über die USA-Reise der „Gründungsväter“ von „Wort und Wissen“: Horst W. Beck / Heiko Hörnicke / Hermann Schneider, Die Debatte um Bibel und Wissenschaft in Amerika-Begegnungen und Eindrücke von San Diego bis Vancouver (= Wort und Wissen Bd. 8), Neuhausen-Stuttgart 1980. Gemeinsamkeiten, aber auch grundlegende apologetische Unterschiede zwischen dem deutschsprachigen und dem US-amerikanischen Kreationismus sind Thema der theologischen Dissertation des Verfassers dieses Beitrags, die am Institut für Evangelische Theologie der TU Dortmund eingereicht werden wird.
6 Für beide Autoren liegen m. W. keine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografien vor. Erste biografische Hinweise enthält u. a. Ronald L. Numbers, The Creationists, a.a.O.
7 Vgl. den Hinweis in „The Genesis Flood“: „It is our sincere prayer that God may continue to use this volume for the purpose of restoring His(!) people everywhere to full reliance on the Truth of the Biblical doctrine of origins“ (XXIX). Und noch deutlicher: „We hope, however, that those whose confidence, like ours, is central in the revelation of God, will be encouraged herein to see that a truly Biblical approach will eventually correlate all the factual data of science (sic!) in a much more harmonious and satisfying way than the uniformitarian assumption can ever do“ (XXII).
8 Vgl. Bernhard Ramm, Christian View of Science and Scripture, Grand Rapids 1954.
9 Vgl. Wayne C. Urban, More than Science and Sputnik. The National Defense Education Act of 1958, Tuscaloosa 2010.

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